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Projekt

Ein Acker wird zur Blumenwiese

Ein Landwirt und ein Pflegestift-Chef lassen dem Bienen-Volksbegehren in Waldmünchen Taten folgen – und suchen Nachahmer.
Von Petra Schoplocher

Wo derzeit noch Acker ist, wird in bald eine Blumenwiese für Hingucker sorgen. Pflegestift-Leiter Bernd Pirner fand in Roland und Simone Decker aus Eglsee die perfekten Ansprechpartner für seine Nachhaltigkeits-Idee. Foto: Schoplocher
Wo derzeit noch Acker ist, wird in bald eine Blumenwiese für Hingucker sorgen. Pflegestift-Leiter Bernd Pirner fand in Roland und Simone Decker aus Eglsee die perfekten Ansprechpartner für seine Nachhaltigkeits-Idee. Foto: Schoplocher

Waldmünchen.Bernd Pirner war auf der Suche nach „Grün“, Roland Decker hatte es: Als die beiden Männer dann bei der ersten Kontaktaufnahme zudem feststellten, dass sie ökologisch auf gleicher Wellenlänge sind, war der „Handel“ schnell beschlossen. Auf etwa 0,33 Hektar wird Landwirt Decker eine Blumenwiese ansäen, das Pflegestift Waldmünchen übernimmt dafür die Patenschaft und die Kosten.

Roland Decker macht gar keinen Hehl daraus, dass er „anders denkt“. Dass er das Volksbegehren unterzeichnet hat, hat ihm im Kreise vieler Landwirte im besten Fall Häme eingebracht. Aber der 38-Jährige macht sich schon seit längerer Zeit Gedanken, zieht seine eigenen Schlüsse daraus, dass sein Vater, von dem er den Hof 2003 übernommen hat, Probleme mit der Lunge hatte. Er hinterfragt die gesundheitlichen Probleme von Berufskollegen einiger Kollegen und warum es ihm genau an den Tagen abends nicht gut geht, wenn er seine 13,14 Hektar Mais gespritzt hat. „Guad is des net, was wir da treiben“.

Verbraucher hat Schlüsselrolle

Ein Auskommen gebe es kaum, dafür würde die Agrarpolitik schon sorgen. Wer innerhalb des Systems („Wir alle sollen Massen produzieren“) agiere und beispielsweise in einen Stall investiere – die Deckers betreiben Milchviehhaltung –habe gar keine andere Möglichkeit, als weiterzumachen. Allerdings: Sollten sich der Trend zu mehr Vorgaben und Dokumentationspflichten fortsetzen und die Gesellschaft mit ihren Verbrauchern nicht bereit sein, ihr Verhalten zu ändern, werde er seinen Kindern kaum empfehlen, den Beruf zu ergreifen.

Seiner Grundstimmung nicht gerade förderlich ist das lobbyistische Verhalten des Bauernverbands, der es zudem seiner Meinung nach viel zu sehr versäume, auf die Kleinen zu schauen. Die Frage, was man spritze, stelle sich in Anbetracht des Angebots gar nicht, die einzige Entscheidung, die bleibt, ist: „Spitz’ ich oder nicht?“

Rund um die Grünpatenschaft

  • Das Pflegestift:

    Rund um die Einrichtungen in Furth im Wald und Waldmünchen ist kaum Grün. Da sich die Unternehmensgruppe „Dienste für Menschen“ (dfm) Nachhaltigkeit und Umweltschutz auf die Fahnen geschrieben hat, überlegte Bernd Pirner aus Anlass des Volksbegehrens, wie ein Zeichen gesetzt werden könnte.

  • Der Landwirt:

    Roland Decker aus Eglsee macht kein Geheimnis daraus, das Volksbegehren unterschrieben zu haben. Etwas zu ändern, könne aber nicht Aufgabe der Landwirte alleine sein. „Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, betont er. Und: Jeder sollte sein Handeln hinterfragen und etwas tun, appelliert er.. (ps)

Der 38-jährige Familienvater denkt vieles nicht nur anders, er handelt auch entsprechend. Auf der Fläche, die nun dem Pflegestift zur Verfügung gestellt wird, hat er grüne Zwischenfrucht angesäht, wie es wenige Landwirte im Landkreis tun. So gebe es das ganze Jahr hindurch Bodenleben statt Erosion, wie auf den „totgemachten“ Äckern. Die Idee, Felder für Blumenwiesen zur Verfügung zu stellen, sei zunächst aus einer Laune heraus entstanden, berichtet Decker. Dann aber war schnell klar: „Wir wollen etwas tun und einen Anfang machen“, ergänzt seine Frau Simone. Also gaben die Deckers eine Anzeige auf, samt der provokanten Frage, wo denn die ganzen Bienenretter seien. Die frustrierende Resonanz: Zwei Anrufer, von denen keiner mehr etwas hören ließ.

Bewohner sollen die Wiese erleben können

Dann kam die Anfrage des Pflegestifts. Dabei sei es gar nicht so einfach gewesen, berichtet Pirner, eine entsprechende Fläche zu finden. Letztlich habe es nur noch in Franken Anbieter gegeben, „das nutzt uns aber nichts“. Schließlich ist geplant, im Sommer, wenn alles blüht, auch mit den Bewohnern vorbei zu schauen. Dafür ist die Deckersche Wiese ideal, sie liegt an der Straße und hat in etwa die Fläche der beiden Dienste-für-Menschen-Häuser in Waldmünchen und Furth im Wald zusammen.

Nadine Pirner (links) ist Nachhaltigkeitsbeauftragte in Waldmünchen, Sonja Bierl übernimmt diese Aufgabe in der Einrichtung in Furth im Wald.Foto: Schoplocher
Nadine Pirner (links) ist Nachhaltigkeitsbeauftragte in Waldmünchen, Sonja Bierl übernimmt diese Aufgabe in der Einrichtung in Furth im Wald.Foto: Schoplocher

Pirner ist sehr zufrieden, dass er seine Idee umsetzen kann und hofft auf Nachahmer. Natürlich sei es Geld, das es in die Hand zu nehmen gelte, aber „das bringt ja wirklich was“. Für Pirner passt es zudem perfekt zum Unternehmen. Dieses ist in vielen größeren und kleineren Bereichen nachhaltig unterwegs. Das reicht vom fairen Kaffee bis hin zum Büromaterial, das nicht aus dem Regenwald kommt. Monat für Monat würden die Verbräuche genau analysiert, Wasser, Strom, Müllmenge. Die Umrüstung auf LED-Lampen ist teilserfolgt, derzeit laufen Überlegungen für eine Solaraanlage oder ein eigenes Blockheizkraftwerk. „Mit unseren beiden Häusern in Bayern haben wir das Zehnjahresziel des Unternehmens bereits erreicht“, berichtet Pirner stolz, emas-zertifiziert ist man ohnehin.

Die beauftragte Wäscherei arbeite nachgewiesenermaßen nachhaltig, bei sämtlichen Lieferanten werde genau hingeschaut, ob etwa der Mindestlohn gezahlt würde. „Unsere Auffassung von Nachhaltigkeit schließt die soziale Komponente mit ein“, betont der Chef. Deswegen würden die Pflegestifte auch mit deutlich mehr Personal fahren als vorgegeben.

Regional aus Überzeugung

Regional ist ein weiterer Mosaikstein und zugleich ein Herzensanliegen Pirners. Gemüse, Obst, Brot, Wurst von „um der Ecke, ich find das toll!“, sagt der Chef von rund 90 Mitarbeitern, 55 von ihnen in Furth. Dass dieses Engagement sich auch in den Betreuungskosten niederschlägt, ist nur logisch, waren aber bisher kein Problem, „weil die Qualität einfach stimmt.“

Nicht zuletzt durch die Kooperation mit dem Pflegestift könnte sich Roland Decker vorstellen, das Projekt auszudehnen. Ein paar Quadratmeter hätte er noch, bis Mitte/Ende April, wenn die Aussaat ansteht, könnte es für heuer noch etwas werden. Dass inzwischen auch Berufskollegen über diese Art Flächenmanagement nachdenken, bringt ihn zum Schmunzeln. „Ich hätte mich das nicht getraut, wenn ich das Volksbegehren nicht unterschrieben hätte.“

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