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Region Cham
Freitag, 17. August 2018 27° 2

Stadtführung

Ein Blick in die Chamer Zwanziger

Stadtarchivar Timo Bullemer kennt Schicksale, die sich hinter alten Mauern abspielten. Und er führt fast 100 Jahre zurück.
Von Monika Kammermeier

Eine wirklich große Schar traf sich, um mit Stadtarchivar Timo Bullemer das Cham von 1920 kennenzulernen. Hier stehen sie gegenüber der alten Gerhardinger-Realschule, die 1927 zur sechsklassigen höheren Mädchenschule wurde. Fotos: kmo
Eine wirklich große Schar traf sich, um mit Stadtarchivar Timo Bullemer das Cham von 1920 kennenzulernen. Hier stehen sie gegenüber der alten Gerhardinger-Realschule, die 1927 zur sechsklassigen höheren Mädchenschule wurde. Fotos: kmo

Cham.Pünktlich zum Start der Führung beim SPUR-Museum hat sich der Himmel grau verhangen, Blitze zuckten, der Donner grollte, und die ersten Regentropfen fielen. Dass die Führung ins Cham der 1920er Jahre dennoch ein voller Erfolg wurde, ist Bullemers Organisationstalent, Erzählkunst und Geschick zu verdanken, mit einer großen Menschenmenge umzugehen.

Der Stadtarchivar begrüßte noch im Freien die wirklich stattliche Schar Interessierter. Vier Stationen schaffte man im Freien, indem er die Gruppe von Unterstand zu Unterstand leitete. Vom SPUR-Museum durch das Biertor hindurch zur Gerhardingerschule gelangte man ins Rathaus, das seine Verwaltungschefin Sigrid Stebe-Hoffmann extra wegen des Unwetters öffnete, und von dort ging es unter das Vordach beim Kaufhaus Frey, zuletzt saßen alle in der Spitalkirche und lauschten gespannt den Ausführungen Bullemers.

Ein Platz für die Armen

Der Experte: Stadtarchivar Timo Bullemer führte eine große Gruppe von Interessenten zu Plätzen und Gebäuden, die Stadtgeschichte erzählten. Sigrid Stebe-Hoffmann beschirmte ihn dabei. Fotos: kmo
Der Experte: Stadtarchivar Timo Bullemer führte eine große Gruppe von Interessenten zu Plätzen und Gebäuden, die Stadtgeschichte erzählten. Sigrid Stebe-Hoffmann beschirmte ihn dabei. Fotos: kmo

Vom Armenhaus berichtete er, welches 1927 noch für 30 Personen, darunter 17 Kinder, Unterschlupf gab. Eine Familie mit sieben Personen teilte sich ein Zimmer. Das Haus ließ außen wie innen zu wünschen übrig, sagte Bullemer. Die Fenster schlossen nicht, die Öfen heizten schlecht, so manches Zimmer sei stark verrußt gewesen. Durchs Biertor hindurch gelangte man vor die Gerhardinger-Realschule in der Klosterstraße 9. In den Zwanzigern habe sich Cham zur Schulstadt entwickelt, erzählte Bullemer. 1925 übernahm der Orden der Armen Schulschwestern die Schule und das ehemalige Klostergebäude von der Stadt. 1927 wurde aus der Mädchenmittelschule eine sechsklassige höhere Mädchenschule. Die Marienstatue über dem Eingang wurde 1926 vom Chamer Bildhauer Ludwig Egen geschaffen.

Brunnen: Der Stadtplatz mit dem gusseisernen Brunnen, der 1873 aufgestellt wurde und bis 1931 dort war. Aus dem Brunnen bezogen die Stadtbewohner frisches sauberes Wasser, denn das der Leitungen war unrein. Foto: Bullemer
Brunnen: Der Stadtplatz mit dem gusseisernen Brunnen, der 1873 aufgestellt wurde und bis 1931 dort war. Aus dem Brunnen bezogen die Stadtbewohner frisches sauberes Wasser, denn das der Leitungen war unrein. Foto: Bullemer

Man begann gerade, sich zu motorisieren, aber wenige nur konnten sich ein Motorrad oder Auto leisten. An verschiedenen Stellen der Stadt wurden erste Zapfsäulen genehmigt, wie zum Beispiel vor dem Fahrradgeschäft Aumann/Ellmann in der Schuegrafstraße. Diese Zapfsäulen standen direkt am Bürgersteig ohne Überdachung. Dann gings ins Rathaus – es regnete. Dort, gleich beim Eingang, versammelte sich die Gruppe, und Bullemer erzählte da vom Kino, das nach dem Ersten Weltkrieg einen Aufschwung erlebte. Engelbert Brandner habe 1919 ein zweites in Cham eröffnet und nannte es wenig bescheiden „Welt-Kino“. Für die Vorführungen nutzte er den Saal des Hotels Greß an der Fuhrmannstraße, der heutigen Frey-Passage. Ab 1924 befand sich das Kino im Gasthof Jakob in der Propsteistraße, musste aber 1929 wegen der Vorschriften schließen.

Ein Tatort: 1922 erlitt der Eigentümer des Café Daschner eine Schussverletzung am Hals. Er überlebte. Der Schütze wurde zu vier Monate Gefängnis und 12 000 Mark Geldstrafe verurteilt. Foto: Bullemer
Ein Tatort: 1922 erlitt der Eigentümer des Café Daschner eine Schussverletzung am Hals. Er überlebte. Der Schütze wurde zu vier Monate Gefängnis und 12 000 Mark Geldstrafe verurteilt. Foto: Bullemer

Wild ging es auch zu in Cham, sagte Bullemer, wie 1922 im Café Daschner. Der betrunkene Wirtssohn des Gasthauses Pongratz (die heutige VdK-Geschäftsstelle) log dort, man habe ihn im Daschner geprügelt, weil er Trachtler in Schutz genommen habe. Ein aufgebrachter Waldler schoss mit seinem Revolver in Richtung Café-Eingang und traf den Eigentümer am Hals. Der überlebte, und der Schütze bekam vier Monate Gefängnis.

Marktplatz-Ansicht: Der heutige Stadtplatz mit Narrenbrunnen und Blick auf das Haus „Mode Kusch“ war der altehrwürdige Gasthof „Zur Goldenen Krone“ und wurde 1925 zum modernen Café. Fotos: kmo
Marktplatz-Ansicht: Der heutige Stadtplatz mit Narrenbrunnen und Blick auf das Haus „Mode Kusch“ war der altehrwürdige Gasthof „Zur Goldenen Krone“ und wurde 1925 zum modernen Café. Fotos: kmo

Beim Frey, mit Blick auf den Brunnen, sagte Bullemer, dass dort schon immer ein Brunnen mit klarem sauberem Trinkwasser gestanden habe. Aus den Hausleitungen sei damals schmutziges Wasser geflossen, und so holten sich die Leute am Brunnen ihr Trinkwasser. Vom früheren Kaufhaus Frey hatte Bullemer eine Geschichte um einen gefälschten Notgeldschein dessen Verwender man nie gefunden habe. Und dort, wo heute das Haus mit der Aufschrift „Mode Kusch“ steht, war 1925 aus dem altehrwürdigen Gasthof „Zur goldenen Krone“ ein modernes Café geworden.

Der Skandal in der Hafnerstraße

Vom Frey ging es hurtigen Schrittes in die Spitalkirche. Bullemer erzählte da vom Bürgerspital, wo es eine Wärmestube gab. Und gegenüber in dem grünen Gebäude am Spitalplatz 4 habe der Autorennfahrer Max Steindler gewohnt. Die dunkle Seite war, dass er wegen Betrugs zu vier Jahren und sechs Monaten Gefängnis und 12 000 Mark Geldstrafe verurteilt worden ist. Vom Café Frank berichtete Bullemer und der Chamer Skandalaffäre 1928, die sich in der Hafnerstraße abgespielt habe. Eine Ehefrau hatte acht Liebhaber, die regelmäßig im Café Schmid einkehrten, um zu warten. Sie legte in ihrem Schaufenster immer Schildchen aus mit „Mannheim“ und „Erfurt“, je nachdem, ob der Mann daheim war oder ob er fort war. Als der Ehemann die Sache entdeckte, legte er das Schild „Schweinfurt“ rein. (kmo)

Am 23. September wird die Veranstaltung nochmals um die gleiche Uhrzeit wiederholt.

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