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Konzert

Ein Freigeist an der Orgel

Prof. Dr. Peter Planyavsky brachte das Instrument in der Stadtpfarrkirche zum Klingen. Die Gäste erlebten eine aufregende Stunde.
Von Johann Reitmeier

Prof. Dr. Peter Planyavsky war zum vierten Mal in der Stadtpfarrkirche zu Gast und spielte die Salomon-Orgel Foto: Johann Reitmeier
Prof. Dr. Peter Planyavsky war zum vierten Mal in der Stadtpfarrkirche zu Gast und spielte die Salomon-Orgel Foto: Johann Reitmeier

Bad Kötzting.Er war an diesem Sonntag bereits zum vierten Mal zu Gast in Mariä Himmelfahrt, Bad Kötztings Stadtpfarrkirche. Zwischendurch beehrte er noch St. Andreas in Runding mit seiner nicht minder interessanten Vleugels-Orgel. Nun also gab er eine sonntägliche Orgelstunde an der Salomon Orgel: Prof. Dr. Peter Planyavsky, ehemaliger Domorganist im weltberühmten Wiener Stephansdom und auch sonst mit reichlich ehrenvollen Aufgaben und Preisen bedachter Künstler.

Auf den ersten Blick scheint er ein gelassener Herr und mit leisem Humor ausgestatteter Musiker zu sein. Auf den zweiten – besonders wenn man ihn spielen hört – weicht die Gelassenheit dem Feuer des universell gebildeten und leidenschaftlichen, sowohl traditionell Interessierten wie auch offenen und aufgeschlossenen Künstlers. Prof. Planyavsky zeigte beide Seiten an diesem sonnigen Sonntagnachmittag: Er führte die Barockwerke der Größen Georg Muffat und Johann Sebastian Bach ebenso vor, wie er arrivierte Kleinmeister vom Schlag eines Johann Gottfried Walther und Nikolaus Bruhns ans Licht holte.

Tradition und Moderne

Dazu lässt er auch seinen österreichischen Landsmann Augustinus Franz Kropfreiter (1936-2003) zu Ton kommen. Schließlich steuert er noch eigene Choralbearbeitungen und Kompositionen bei – Tradition und Moderne, beides paritätisch auf hohem Niveau angesiedelt. Und immer unter dem Aspekt, dass er die 16 Jahre junge Salomon-Orgel mit ihrem süddeutschen Charakter als absolut zeitlos vorführt. In seiner Einführung coram publico nennt er sie ein „gesundes und inspirierendes Instrument“. Er erklärt weiter die Begriffe Choralvorspiel und Choralbearbeitung, wobei er in dieser Stunde Beispiele für beides trefflich demonstriert.

Beginnend mit einer „Toccata XI“ vom Bachvorgänger Muffat, die er mit diversen Variationen ausstattet und die er mit einem mächtigen Bordunbass abschließt, der in seiner Intensität einem in den Solarplexus fährt. Er liebt solche archaischen Schlüsse und praktiziert sie auch noch mehrere Male im Verlauf dieser aufregenden Stunde. Ganz im Gegensatz dazu folgt eine Meditationsmusik zur Fastenzeit, die Choralbearbeitung von „Ach wie nichtig, ach wie flüchtig“, zeitgenössisch in 12-Ton-Systematik gehalten nach einer frühbarocken Vorlage von Michael Frank von 1652. Auch die darauf folgende „Kleine Partita“ ist im Meditationsstil in 12-Ton Technik verfasst – eine wundervolle, wenngleich kontrovers kommentierte Idee, zwischen all der barocken Opulenz auch Raum zu geben für die innere Sammlung der Zuhörer. Aus dem riesigen Fundus Johann Sebastian Bachs wählte er sorgfältig zeitbezogen speziell Werke aus der vorösterlichen Zeit aus: Mit zwei Choralbearbeitungen zum Thema „O Lamm Gottes unschuldig“ aus den Leipziger Chorälen nahm er auf das Leiden Christi aktuellen Bezug.

Ein kurzes Anspielen, dann die Ausführung der Choralbearbeitung – eine Kunst, die jedem Kirchenorganisten gegeben sein sollte: Planyavsky schöpft aus seiner langen Erfahrung und seiner Liebe zum Sujet und, vor allem, zum Instrument. Er umspielt das Thema, nutzt die Vielfalt und Potenz der Salomon, füllt den Kirchenraum zur Gänze. Der Cantus firmus im Pedalbass ist sehr eindrucksvoll und berührend.

In den „Variationen“ von J. G. Walther zeigt sich seine Lust und Kunst als begnadeter Improvisator, und sei es hier „nur“ in der originellen Registerwahl, an der „Farbmalerei“ und an der Rhythmik: Das Ganze „swingt“ wie Bach in den schönsten einschlägigen Stücken.

Überraschender Schlussakkord

In seinen eigenen Choralbearbeitungen und Kompositionen zeigt sich die lässige Souveränität, mit der er das Spektrum der Salomon-Orgel auslotet: Er ordnet ihre Register seinem Spiel zu, spielt mit ihnen frei und fantasievoll, verdichtet die Choralmelodie mit den verwendeten Farben und schafft so eigentlich Neues, Eigenständiges. Man weiß als Zuhörer nicht so recht, wie genau er das angeht, wenn er aus einer einfachen Abfolge von Tönen etwas nie vorher Gehörtes schafft. Aber – man darf, baff erstaunt, sich darüber freuen.

Zum Ende des offiziellen Programms in der Stadtpfarrkirche platziert er das „Praeludium e-Moll“ von Nikolaus Bruhns (1665-1697). Ein mächtig tönendes Barockstück, das mit etlichen (wahrscheinlich spontanen) Einfällen von ihm aus einem 300 Jahre alten Satz in etwas Zeitgemäßes verwandelt ist. Überraschend der Schlussakkord – eigentlich müsste dem (letzten) Dominantseptakkord noch eine Fuge folgen, die in Johann Sebastian Bachs Abschrift aber nicht vorkam. Spannend und leicht ungewöhnlich.

Typisch für den Wiener Professor und musikantischen Freigeist ist die Zugabe, die vermutlich nicht jedem in der Zuhörerschaft geschmeckt hat: Fast schon wie ein Zwischenstück aus einem Musical klingen die Kombinationen aus metallischen mit warmen, zarten Holzregistern mit einem friedvollen Schluss.

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