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Lebensart

Ein Meer aus Wolle mit 3200 Beinen

Mit Glück begegnen Chamer einer Herde mit 800 Schafen – so wie unser Autor Ernst Fischer. Ein Bericht aus einer anderen Welt.
Von Ernst Fischer

Fast wie ein Tsunami am Meer: Eine Schafherde zieht vorbei an der Stadtsilhouette von Cham. Foto: Fischer
Fast wie ein Tsunami am Meer: Eine Schafherde zieht vorbei an der Stadtsilhouette von Cham. Foto: Fischer

Cham.Die Entdeckung der Langsamkeit. Es muss nicht irgendwo in der Arktis passieren, so wie beim Nordpolforscher John Franklin im ewigen Eis. Es kann genau jetzt geschehen, an einem ganz gewöhnlichen März-Tag, hier bei uns in Cham.

Ein typischer April-Nachmittag an diesem Mittwoch im März: Eine schwarze Wolke jagt die andere über die braungrünen Wiesen zwischen Regen und Quadfeldmühlbach im Chamer Osten. Es sieht nach Schnee- und Eisregen aus. Und dazwischen blinkt immer wieder mal die Sonne so kräftig durch blaue Löcher am Himmel, dass alles verschmilzt miteinander, was deine Augen gern schauen möchten auf dem Boden der Erde.

Eine Insel im Ozean

Das Auto hab‘ ich auf der Quadfeldmühle geparkt. Ich wollte raus zur großen Spazierrunde um den Satzdorfer See. Da passiert es: Ein Tsunami wälzt sich auf mich los, das Meer! Es will mich verschlingen. Graubrodelnd schlagen die Wogen auf mich zu, in ganzer Wiesenbreite. Und dann, oh Wunder! Sie teilen sich, zwei Meter vor mir. Hinter mir münden sie wieder zusammen. Ich bin eine Insel - mitten im wogenden Ozean.

Fffffffffiiiiiiiiiiiiiiiiii! Ein Pfiff. Der Tsunami schlägt einen Haken, wie auf Kommando vom Himmel. Es ist eine Schafherde, die langsam entlangzieht vor der Silhouette von Cham an diesem späten Nachmittag im März.

„Zieh’n die Schafe von der Wiese, liegt sie da, ein reines Grün; aber bald zum Paradiese wird sie bunt geblümt erblühn.“

Johann Wolfgang von Goethe, Deutscher Dichter

Bernhard aus Chamerau ist mit seinem Auto oben auf der Ostumgehung vorbeigefahren in diesen Minuten. Hinten im Kindersitz war sein Sohn Christian festgeschnallt. Plötzlich hat er „Papa!“ gerufen und mit dem Finger in das Zwielicht zwischen Sonne und Wolken über den Wiesen vor der Cham-Skyline gedeutet. Wie wenn er das erste Wunder gesehen hätte mit seinen eineinhalb Jahren!

Exoten: Auch 28 Ziegen tummeln sich in der Herde mit 800 Schafen. Sie knabbern gern im Gebüsch.  Foto: Fischer
Exoten: Auch 28 Ziegen tummeln sich in der Herde mit 800 Schafen. Sie knabbern gern im Gebüsch. Foto: Fischer

Der Papa ist rechts abgebogen vorne an der Kreuzung, hat bei der Wasserwirtschaft geparkt und dann den kleinen Christian auf seine Schultern genommen. Jetzt kauern sie hier vor dem Riesen-Tsunami. Das Meer hat 800 Köpfe, 1600 Augen und 3200 Beine. Der Bub macht große Augen und greift mit der Hand in Richtung große Herde, so als ob er jedes einzelne Tier damit streicheln wollte.

Ein Mann im Schatten der Wolken

Paul Panko steht daneben und schmunzelt so vor sich hin. Wenn man ein kleiner Bub wie Christian wäre, dann könnte man vielleicht ein bisschen Angst haben vor diesem Mann – wie er so dasteht im finsteren Schatten der Wolken mit seiner grünen Jacke, der Pelzmütze auf dem Kopf und dem langen Stock in der Hand. Aber da ist ja Flora, die um seine Füße rumwuselt. Die mag jedes Kind, so zottelig und ungekämmt, wie sie ausschaut.

Schäfer Paul Panko mit seinem zotteligen Weggefährten. Foto: Ernst Fischer
Schäfer Paul Panko mit seinem zotteligen Weggefährten. Foto: Ernst Fischer

Flora ist ein Hund. Ein Strobel, so nennt sich dieser Schlag eines altdeutschen Hütehundes. Und wenn Flora nicht gerade auf Pfiff bei Fuß zu ihrem Herrn kommt, dann hält sie die Herde zusammen. Paul Panko ist der Wanderschäfer, der gerade in diesen Tagen an Cham vorbeizieht. Und das nicht das erste Mal. Er macht das seit 46 Jahren.

Die Entdeckung der Langsamkeit: Wenn du diesen Mann und sein großes Gefolge siehst, dann biegt ein Papa schon mal von der Schnellstraße ab und folgt dem Zeigefinger seines Sohnes. Stellen wir uns einfach daneben und schauen Paul Panko und seinen Schafen zu – wie sie leben in ihrem Rhythmus der Zeit.

Das Kilo bringt 40 Cent

365 Tage im Jahr ist der Mann unterwegs – seit 46 Jahren. 60 ist er heute, und mit 14 hat er angefangen als Wanderschäfer, „weil der Vater auch einer war“. In Hunderdorf bei Straubing ist er zuhause. Im Winter ist Paul gern in Heimatnähe mit seiner Herde. „Zum Schlafen fahre ich dann meistens heim.“

Schäfer und Wolf

  • Die Wolf-Frage:

    Abschießen oder nicht? Paul Panko (Foto) sagt es mit 46 Jahren Schäfererfahrung so: „Der Wolf ist nun einmal da – und er wird es auch bleiben. Wir müssen deshalb mit ihm leben.“

  • Das Berg-Problem:

    Er hat keine Angst um seine Schafe: „Hier bei uns können wir die Herde gut einzäunen. Aber in den Bergen ist das nicht so einfach.“ So kann sich Paul Panko „schon vorstellen, dass man den Wolfsbestand mal regulieren muss.“ (cef)

Die Tiere übernachten auch bei Wind und Wetter draußen, geschützt von einem mitwandernden Zaun und vier Hütehunden. Neben Flora, dem Strobel, hat Paul Panko drei Kaukasische Hüterhunde, die er tagsüber meist in der Gitterbox auf seinem Pritschenwagen mitfährt.

„Die Wolle, damit deckst du höchstens die Unkosten.“

Paul Panko, Schäfer

Schäfer als Beruf. Kann man davon leben? Früher besser als heute, erklärt Paul Panko. „Die Wolle, damit deckst du höchstens noch die Unkosten.“ Vier Kilo Wolle lässt ein Schaf, wenn es im Frühjahr geschoren wird. 40 Cent kostet das Kilo. 1964, als Pauls Vater noch die Schafe hütete, da hat das Kilo zwölf Mark gebracht. Schuld ist „die Globalität“.

Wie im Märchen: Christian wollte mit Papa unbedingt zu den Schafen.  Foto: Fischer
Wie im Märchen: Christian wollte mit Papa unbedingt zu den Schafen. Foto: Fischer

Paul weiß: Der Wollbedarf in Deutschland wird nur noch zu vier Prozent von einheimischen Schafen gedeckt. Der große Rest kommt vor allem aus Australien und Neuseeland. Schiffsfracht: 20 Cent für ein Kilo. „Leben tun wir heute vom Fleisch und von den staatlichen Fördermitteln“, sagt Paul. Wobei der Fleischpreis auch noch auf dem Niveau wie beim Vater liegt: 2,50 Euro fürs Kilo Lebendgewicht.

Keine Angst vorm bösen Wolf

Bleiben die staatlichen Fördergelder. Die richten sich nach der Größe der Fläche, die ein Schäfer gepachtet hat. Paul Panko hat seine eigenen Schafgründe vor allem in der nordwestlichen Oberpfalz am Truppenübungsplatz bei Hohenfels. Dorthin zieht er jedes Jahr auf die Sommerweide. Irgendwann im April wird er jetzt dort sein.

Tiere

Pascal (10) rettet seinen Hund „Tyson“

Unbekannte haben in Cham einen Würstchenköder in den Garten von Silvia Gradl geworfen. Ihr Sohn reagiert toll.

In der Gitterbox auf dem Pritschenwagen heulen die kaukasischen Hunde. „Nicht reinlangen!“, sagt Paul, „sonst kann leicht die Hand weg sein.“ Nein, keine Angst, wenn Sie, liebe Leser, irgendwo eine Herde sehen, um die Kaukasier streifen, die eher wie graue Huskys ausschauen! „Die sind absolut zauntreu“, sagt ihr Herr. Das heißt: „Wenn Leute nicht gerade über den Zaun steigen, dann tun die Hunde keinem was.“

Wofür sie aber gut sind: „In Hohenfels gibt’s einen Wolf.“ Nein, aus seiner Herde hat er noch kein Tier verloren, erzählt Panko: „Aber ich habe dort oben schon zwei Hirsche gefunden, die frisch gerissen waren.“ Angst um seine Schafe hat er aber nicht. „Die Kaukasier wissen sich schon zu behaupten.“

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