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Interview

Eine Niederlage, die Kraft gibt

Der Pösinger Radfahrer Rainer Steinberger (42) musste beim Race Around Austria aufgeben – und zieht neue Motivation daraus.
Von Frank Betthausen

Zum Interview kam Rainer Steinberger natürlich mit dem Rennrad. Auf dem Bild zeigt er einen Glücksbringer, den er von seiner Tochter Anna fürs nächste Rennen bekommen hat. Über seine Erfahrungen mit dem Schlafentzug und das RAA hält er am 24. November ab 19.30 Uhr im Fahrradmuseum in Arnschwang einen Vortrag. Foto: Betthausen
Zum Interview kam Rainer Steinberger natürlich mit dem Rennrad. Auf dem Bild zeigt er einen Glücksbringer, den er von seiner Tochter Anna fürs nächste Rennen bekommen hat. Über seine Erfahrungen mit dem Schlafentzug und das RAA hält er am 24. November ab 19.30 Uhr im Fahrradmuseum in Arnschwang einen Vortrag. Foto: Betthausen

Pösing.Guten Morgen Rainer! Gut geschlafen?

Ja, gut geschlafen! Ausgeschlafen! Wieder ausgeschlafen!

Wieviel Zeit hast Du seit dem Race Around Austria (RAA), das Du mit so wenig Schlaf wie möglich überstehen wolltest, im Bett verbracht?

Die erste Nacht sieben Stunden, die zweite sechs – da war der Biorhythmus noch gestört –, dann achteinhalb; und jetzt bin ich wieder bei meinen acht Stunden. Die werde ich vielleicht noch ein paar Tage halten können. Dann werde ich wahrscheinlich schon wieder etwas schlechter schlafen. Ich bin jemand, bei dem im Kopf immer viel los ist, wenn er nur kurz die Augen aufschlägt. Bei mir kommt dann immer das Kopfkino in Gang. Ich bin ein schlechter „Einschläfer“ und auch keiner, der lange durchschläft.

Rainer Steinberger beim Race Around Austria

Was war Dein schlimmster Alptraum in den Nächten, die hinter Dir liegen? Oder war es das RAA selbst, als Du nach 1700 Kilometern – in Führung liegend – aussteigen musstest, weil Dich der Schlafmangel in die Knie gezwungen hat?

Das war leider die Realität und kein Alptraum. Allerdings ist mir der Abbruch ziemlich leichtgefallen, weil ich wusste: Es geht nicht weiter! Der fehlende Schlaf hat mich so in ein Loch gezogen, dass es einfach nicht mehr ging. Im Nachhinein kann ich natürlich sagen: Man hätte Dinge besser machen können, man hätte mich zum Schlafen bringen können. Aber: Hätte, hätte, Fahrradkette! Ich habe mich für die Aufgabe entschieden – und das ist immer noch richtig für mich. Einer meiner ehemaligen Trainer hatte die Einstellung: Der Sport im Leben ist nur ein ganz kleiner Teil, der Rest gehört der Familie, dem Beruf und sonstigen Dingen. Ich habe zwar mein Hobby zum Beruf gemacht und der Anteil ist größer, aber trotzdem: Ich habe Kinder, ich habe Familie, ich habe meine Gesundheit… Das geht mir alles vor.

Was das bedeutet, drei Tage lang auf einem Fahrradsattel zu sitzen und in all der Zeit nicht zu schlafen – das ist kaum vorstellbar. Du hast kurz nach dem Rennen davon gesprochen, Du seist wie in Trance gewesen. Beschreib’ einmal, was das mit Dir gemacht hat – was da in Dir nach 70 Stunden auf dem Rad vorgegangen ist?

„Hätte, hätte, Fahrradkette! Ich habe mich für die Aufgabe entschieden – und das ist immer noch richtig für mich.“

Rainer Steinberger

Grundsätzlich gehört das zum Ultracycling, dass die Leute, die da über 1000 Kilometer und etliche Höhenmeter hinweg auf dem Rad sitzen, beginnen, zu träumen und zu fantasieren, dass die Realität verwischt. Ich hatte in Österreich mehrere Stufen dieser Träume. Zwischendurch war ich wieder hellwach und konnte wieder alles sehen, und meine Gedanken waren wieder klar. Aber diese Traumphasen – die waren gefühlt ewig lang. Am Schluss waren sie so heftig, dass ich mich gefragt habe: Was mache ich hier? Wer bin ich überhaupt? Bin ich der, der hier gerade Rad fährt? Ich hätte einfach schlafen müssen. Im Rückblick hat mich das trotzdem total fasziniert. Ich habe davon gekostet, wie unangenehm Schlafentzug ist. Als jemand, der sehr wenig schläft, habe ich den Schlaf durch dieses Rennen schätzen gelernt – ich will künftig definitiv mehr schlafen.

Wie weh hat die „Niederlage“ in Österreich getan?

Natürlich tut es weh. Und ich habe auch ein paar Tage gebraucht, bis ich wieder in den Spiegel schauen und sagen konnte: Es ist so! Die ganze Vorbereitung und die Entbehrungen… Du steckst so viel Muße und Herzblut da rein, die Familie verzichtet so viel auf dich… Ich habe es am Ende aber dann wirklich so genommen, dass ich gesagt habe: Das ist eine Erfahrung, über die ich meinen Körper noch einmal anders kennengelernt habe, ohne einen Schaden davonzutragen. Ich meine, dass ich durch meine Aufgabe stärker geworden bin. Ich weiß definitiv, was ich kann und was ich machen muss, dass es nicht mehr so schlimm wird und dass ich so etwas beim nächsten Mal erfolgreicher bestreiten kann.

Du planst also fürs RAA 2019?

Naja, das RAA gibt es ja nicht einmal im Leben. Das gibt es alle Jahre wieder. Und die Latte liegt ja noch. Es ist nicht so, dass ich sage: Ich will das nie wieder machen!

Welche Rolle hat der Insektenstich gespielt, der Dir vor dem Start das Leben schwer gemacht hat? Durch eine Fußschwellung stand Deine Teilnahme auf der Kippe.

„Normalerweise triefe ich und bin patschnass, als hätte jemand einen Eimer Wasser über mich geschüttet.“

Rainer Steinberger

Das lässt sich schwer sagen. Mir wurde ein Lymphmittel verabreicht, das die Schwellung abbauen sollte und das Gewebswasser senkt. Das heißt: Du scheidest damit sehr viel Wasser aus. Uns ist das während des Rennens aufgefallen, dass ich so gut wie gar nicht schwitzen konnte. Normalerweise triefe ich und bin patschnass, als hätte jemand einen Eimer Wasser über mich geschüttet. Ich musste während des RAA auch sehr oft auf die Toilette. Im Nachhinein habe ich das geklärt: Dieses Lymphmittel hat schon auch zur Dehydration und zu meinen Halluzinationen beigetragen. Aber im Endeffekt war das nur ein Puzzlestein. Zu wieviel Prozent das am Ende dazu beigetragen hat, dass ich aussteigen musste, weiß ich nicht. Beim nächsten Mal lasse ich mich einfach nicht stechen (lacht).

Wie gesund ist das noch, was Du da machst?

Leistungssport ist kein Gesundheitssport. Das ist mir so immer schon klar gewesen. Immer, wenn du an deine Grenzen oder darüber hinaus gehst, ob das Bodenturnen ist oder Kegeln, ist es nicht gesundheitsfördernd. Aber auch deswegen mache ich das ganze Jahr über Gesundheitssport und versuche, meinen Körper auf diese Extreme vorzubereiten. Generell gibt es sicher viele andere Wege, sein Leben rentabler, besser und glücklicher zu gestalten als mit Leistungssport.

Wie verrückt muss man sein, um all das zu machen, was Du auf dich nimmst?

Eine überwältigende Aussicht
Eine überwältigende Aussicht

Da gibt es ein russisches Sprichwort: Mit dem Essen kommt der Hunger. Ich habe ursprünglich damit begonnen, einen Kilometer zu laufen. So hat sich das über sieben Kilometer zum Halbmarathon und zum Marathon entwickelt. Dann kam das Radfahren dazu. Ursprünglich hatte ich nie vor, mehrere Tage lang zu fahren. Ich möchte duschen, ich möchte meine Kinder sehen… Aber es hat sich eben so entwickelt. Nach mehreren 24-Stunden-Rennen kamen die 40-Stunden-Rennen, die ich sehr erfolgreich absolviert habe – und dann wollte ich die Stange immer noch etwas höher legen und bin beim Ultracycling gelandet. So gesehen, bin ich gar nicht so verrückt, sondern in die Sache reingewachsen (lacht).

Das war Rainer Steinbergers Race around Austria

Wie lang willst Du diese Torturen noch auf Dich nehmen? Du bist immerhin auch schon 42.

42 ist doch noch jung. Mein biologisches Alter wird von den Ärzten sehr viel weiter unten angesetzt. Demnach bin ich 34. Unter 30 wäre netter – aber 34 ist okay. So lang, wie ich Familie, Sport und meine Liebe zu diesen Extremen aufrechterhalten kann, werde ich das noch machen. Auf diesem Niveau vielleicht, bis ich 50 bin. Aber: Das kann natürlich auch alles sehr schnell gehen. Ein Fahrradsturz, einmal mehr einschlafen auf dem Rad… Und es kann vorbei sein. Das ist etwas, das ich verhindern möchte. Es gibt immer noch ein nächstes Jahr!

Wie lang kannst oder willst Du nach einem Wettbewerb wie dem RAA kein Fahrrad mehr sehen?

Ursprünglich wollte ich am Sonntag – am Freitag war mein Ausstieg, am Samstag war ich aus Österreich zurück – wieder Radfahren. Das hat aber zeitlich nicht funktioniert. So habe ich am Montag wieder auf dem Rad gesessen. Am dritten Tag stand ein bisschen Lauftraining an, am vierten wieder Radfahren. Es ist aber noch nicht so, dass ich sagen würde: Ich habe Hunger aufs Radfahren. Ich mache das im Moment eher mit dem Gesundheitsgedanken, um die Lymphen in Schwung zu bringen und das Wasser aus den Beinen zu drücken. Oder einfach, um die Natur zu genießen und ein wenig nach Links und Rechts zu schauen. Sport, so wie er schön ist und richtig Spaß macht eben – und dann gerne auch mit der Familie.

Wie sehr bist Du Egoist bei dem, was Du tust?

„Da muss ich ehrlich sein: Nur wenn du Egoist bist, kannst du im Leistungssport weiterkommen.“

Rainer Steinberger

Da muss ich ehrlich sein: Nur wenn du Egoist bist, kannst du im Leistungssport weiterkommen. Ein bisschen schäme ich mich dafür, weil es eigentlich nicht schön ist, Egoist zu sein. Aber es hilft nichts. Wenn ich etwas mache, bin ich während der Saison zu 80 Prozent egoistisch. Wenn ich etwas durchziehen möchte, punktuell gesehen und auf ein Rennen bezogen, sind es 90 bis 95 Prozent. Außerhalb der Saison gehe ich zurück auf 40, weil mir meine Familie und meine Freunde wichtig sind.

Wie sehr bist Du auf Deinem Fahrrad auf der Flucht? Vor was bist Du auf der Flucht?

Meine Frau fragt mich das auch immer, warum ich so ein „Flüchtling“ bin. Ich weiß nicht, vor was ich auf der Flucht bin. Ich empfinde das auch meistens nicht als Flucht, sondern als Motivation. Aber wenn es so ins Extreme geht, wenn man vor dem Wettkampf so viele Probleme und Problemchen hat und von der einen Ecke in die andere gescheucht wird, dann fühlt sich ein Rennen wie das RAA schon wie eine Flucht an. Unter dem Strich fühle mich nicht als Flüchtling – ich brauche kein Asyl. Halt, doch! Zu Hause – da bekomme ich immer Asyl, da finde ich meine Wurzeln wieder.

RAA-Sieger Patric Grüner (32) gab unserem Medienhaus am Ziel in St. Georgen im Attergau ein Interview. Der Sportler aus dem Ötztal ist mit Rainer Steinberger befreundet.

Was würdest Du deinem Sohn sagen, wenn er vorhätte, Ultracyler zu werden?

Mach’s net (lacht)! Er sollte lieber Gesundheitssport betreiben. Das ist auch unser Bestreben zu Hause – dass die Kinder viel Sport machen. Aber nur das, was schlank und gesund hält. Aber Leistungssport…? Mei, wenn er es wirklich machen möchte, soll er es tun. Man kann keinen bremsen. Mich wollten sie auch immer einbremsen. Das hat nicht funktioniert. Mein Vater hat das sehr früh eingesehen, dass ich meinen Sport brauche.

Dein nächstes Rennen?

Ich habe zu meiner Frau schon gesagt, dass ich einerseits gerne heuer noch etwas machen würde. Man schließt eine Saison einfach am besten mit einem positiven Wettkampf ab. Andererseits würden die Körner sicherlich nicht reichen und es wäre auch gesundheitlich nicht sinnvoll, jetzt noch irgendein Rennen reinzudrücken. Deswegen lasse ich es auch gut sein und bereite mich lieber konzentriert auf die nächste Saison vor. Wahrscheinlich werde ich den Einstieg 2019 sehr früh anpeilen – Ende April voraussichtlich – und beim Race across Italy starten.

Das Bayerwald-Echo hatte Rainer Steinberger vom 14. bis 18. August beim Race Around Austria begleitet. Unseren Live-Blog finden Sie hier

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