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geschichte

Eine Zeitzeugin erinnert sich

Geboren im Lager für Juden, hat Dr. Eva Umlauf Auschwitz überlebt. Sie war zu Gast bei den Chamer „Klostergesprächen“.
von Monika Kammermeier

Dr. Eva Umlauf beim Signieren ihres Buches mit dem KEB-Bildungsreferenten Michael Neuberger (l.) und Pater Peter Renju  Foto: Monika Kammermeier
Dr. Eva Umlauf beim Signieren ihres Buches mit dem KEB-Bildungsreferenten Michael Neuberger (l.) und Pater Peter Renju Foto: Monika Kammermeier

CHAM.Dr. Eva Maria Umlauf hatte einen denkbar schlechten Start: Sie wurde 1942 im Arbeitslager für Juden in Nováky/Slowakei geboren. In der Reihe „Klostergespräche“ berichtete die promovierte Kinderärztin und Psychotherapeutin am Dienstag im Geistlichen Zentrum der Redemptoristen über ihr Aufwachsen in einer braunen Diktatur bis 1945, dann unter roter Diktatur der Tschechoslowakei bis 1967 und ihr Leben als Frau, die in jungen Jahren nach Deutschland ging.

Pater Peter Renju, Leiter des Geistlichen Zentrums, begrüßte die zahlreichen Gäste. KEB-Bildungsreferent Michael Neuberger informierte über das Leben der Referentin. Tagsüber hatte sie vor Schülern des Fraunhofer-Gymnasiums gesprochen. Denn, wie Elie Wiesel (Schriftsteller, Hochschullehrer und Holocoustüberlebender) sagte: „Jeder, der heute einem Zeugen zuhört, wird selbst ein Zeuge werden.“

Umlauf war 2011 erstmals beim 66. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz als Zeitenzeugin öffentlich aufgetreten. Ihre 1995 verstorbene Mutter habe wenig über diese Zeit, in der ihre gesamte Herkunftsfamilie ermordet wurde, gesprochen. Umlauf sagte, sie selbst sei ohne Erinnerung an die Zeit im Arbeitslager Nováky oder im Konzentrationslager Auschwitz. Erst 2016 habe sie zusammen mit Journalistin Stefanie Oswalt nach intensiven Forschungen ihr Buch „Die Nummer auf deinem Unterarm ist blau wie deine Augen“ veröffentlicht. Ihr Jugendfreund Jan Karšai habe sie zum Schreiben gedrängt.

Die Nummer gehört zu ihr

Umlauf wurde in Cham von ihrer jüngeren Schwester Nora begleitet. November 1944 war es, als Umlauf mit ihrer Mutter nach Auschwitz deportiert wurde. Als man ihr dort auf dem Arm der schwangeren Mutter die Nummer eintätowierte, wurde sie als Zweijährige ohnmächtig, atmete nicht mehr, wurde blau. Die Bedeutung der Nummer: Entmenschlichung. Ihre 9 folgte auf die der 8 ihrer Mutter. Diese Nummer gehört wie ein Muttermal zu ihr. Trennen mochte sie sich niemals von ihr. Kurz nachdem die Mutter mit 18 Jahren geheiratet hatte, wurde sie ins Lager Nováky deportiert. Damals kommunizierte man, wer heiratet, würde nicht deportiert. Die Mutter sei die Einzige, die von vier Geschwistern überlebte. Mit 21 Jahren hatte sie zwei kleine Kinder und brachte sich als Weißschneiderin in den Lagern durch. Ihr Zug dann im Januar 1945 ging nicht mehr ins Gas, hieß es. Ihren Transport nannten sie darum „Den Glücklichen“. 80 Kinder waren an Bord, die Lokomotive ging kaputt. Sie hatten Glück. Im März 45 starb der Vater auf dem Todesmarsch, im April wurde Evas Schwester Nora in Auschwitz geboren.

Wichtige Begegnungen

Umlauf las aus ihrem Buch vor: „Bei der Ankunft in Auschwitz hieß es Lager II, Warten bei eisiger Kälte, Kon-trolle aller Körperöffnungen, Rasur, Abgabe der Kleidung, Tätowierung. Sechs Wochen waren sie noch dort. Danach reiste die Mutter mit drei kleinen Kindern nach Trencín/Slowakei, 280 Kilometer. Sie nahm den kleinen Tomi mit, der die Eltern verloren hatte, und fand dort seine Verwandten. Er ist nun Professor in Israel für Ökonomie.“ 2015 traf Umlauf ihn in Bratislava und sie seien seither im Kontakt, sagte sie. Auch den Sohn ihres Geburtshelfers traf sie – „Begegnungen, die wichtig sind. Man hat keine Oma, keine Tanten oder Cousins mehr.“

Opfer wie Täter hätten später geschwiegen, um weiterleben zu können. Als die Mutter die Kinder großgezogen hatte, war Leere, ihre Kräfte ließen nach, auch die psychischen. Sie wurde schwer depressiv. Die Töchter, beide Ärztinnen, konnten ihr nicht helfen. Die Mutter erlitt relativ früh einen tödlichen Herzinfarkt – „eine Spätfolge von Auschwitz“.

Redeausschnitt

  • Beifall:

    Langanhaltender Applaus gehörte ihr für den mutigen Bericht, ihre akzentuierten Worte.

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