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Entsetzen nach Bluttat in Arnschwang

Lesen Sie hier die Hintergründe: Warum trug der Täter eine Fußfessel und warum wurde er nach seiner Haft nicht abgeschoben?
Von Johannes Schiedermeier, Wolfgang Baumgartner und Christine Schröpf

Blumen, Kerzen und Plüschtiere haben Mütter und Kinder des Kindergartens Arnschwang für den fünfjährigen Samir abgelegt, der am Samstag bei einem Messerangriff im Flüchtlingsheim, getötet worden ist. Foto: Baumgartner
Blumen, Kerzen und Plüschtiere haben Mütter und Kinder des Kindergartens Arnschwang für den fünfjährigen Samir abgelegt, der am Samstag bei einem Messerangriff im Flüchtlingsheim, getötet worden ist. Foto: Baumgartner

Arnschwang.Das Entsetzen dieser Sekunden wird alle verfolgen, die sie überlebt haben. Gleich mehrere Notrufe hatten am Samstag gegen 17 Uhr die Polizei alarmiert, dass im Flüchtlingsheim bei Arnschwang eine „Gefährdungslage mit Waffeneinsatz“ vorliege. Als eine Polizeistreife den 1. Stock betritt, trifft sie dort im Flur auf einen 41-jährigen Afghanen, der mit dem Messer auf eine Frau und zwei Kinder einsticht. Ein Kind liegt verletzt am Boden. Die Mutter hat Messerwunden. Weil der Mann nicht von seinen Opfern ablässt, eröffnet ein Polizeibeamter das Feuer und schießt mit acht Schuss das gesamte Magazin auf den Täter leer. Die Obduktion ergibt, dass alle acht Schüsse den Täter treffen. Ein Treffer in der Brust ist am Ende tödlich.

Blankes Entsetzen vor Ort

Zum selben Zeitpunkt treffen die Rettungskräfte ein. „Gerade standen die Räder still, als wir die Schüsse hörten. Gleich darauf gab die Polizei die Zufahrt frei: Keine Gefährdung mehr am Einsatzort“, berichtet Rettungsdienstleiter Mich Daiminger. Sekunden später sind die Retter im Flur und treffen auf blankes Entsetzen. Der fünfjährige Bub stirbt trotz aller Hilfe kurz nach der Tat, sein sechsjährige Bruder bleibt unverletzt. Die Mutter erleidet schwere Messerwunden, ist aber außer Lebensgefahr.

Auch am Pfingstmontag war der Tatort noch durch die Polizei hermetisch abgeriegelt. Am Dienstag geht die Spurensicherung weiter. Fotos: Schiedermeier
Auch am Pfingstmontag war der Tatort noch durch die Polizei hermetisch abgeriegelt. Am Dienstag geht die Spurensicherung weiter. Fotos: Schiedermeier

Der Rettungsdienst versorgt den Polizeibeamten, der die rettenden Schüsse abgegeben hat, noch vor Ort mit einem schweren Schock. Dazu sechs weitere Bewohner des Flüchtlingsheimes, die die Szene im Flur mit angesehen haben. Erste Spuren werden gesichert. Bereits am Sonntag ermitteln Landeskriminalamt, Kripo und Staatsanwaltschaft Regensburg. In Erlangen werden die Leichen des Buben und des Täters obduziert. Das Kind so berichtet die Rechtsmedizinerin, ist an schweren Messerverletzungen im Halsbereich gestorben. Die Mutter ist nicht vernehmungsfähig. Deswegen gibt es noch keine Erkenntnisse über den Auslöser der Tat. „Es hat Streit gegeben“, sagt ein Flüchtling. Allerdings sprechen die Flüchtlinge verschiedene Sprachen und die notwendigen Dolmetscher sind wegen der Feiertage schwer aufzutreiben. Nach ersten Erkenntnissen geht die Staatsanwaltschaft von Nothilfe durch den Polizeibeamten aus. Die Ermittlungen wegen des Schusswaffengebrauchs führt das Landeskriminalamt. Für Unruhe sorgt die Meldung, dass der Afghane eine Fußfessel trug. Das Landgericht München 1 hatte ihn im Oktober 2009 wegen schwerer Brandstiftung zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren und zehn Monaten verurteilt. Er musste sich im Umfeld des Flüchtlingsheimes aufhalten, so das Polizeipräsidium Regensburg in einer Pressemitteilung.

Nach Angaben der Regensburger Staatsanwaltschaft hatte der Mann in im Dezember 2008 in München ein Appartement angezündet, in dem er mit seiner Frau lebte. Er war zum Tatzeitpunkt allerdings allein zuhause. Es soll ihm um die Wiederherstellung der Familienehre gegangen sein. Die Fußfessel trug er, weil überwacht werden sollte, ob er sich seiner Frau und deren Familie wieder zu nähern versucht.

Lesen Sie mehr: Am Sonntagabend verbreiteten Neonazis ihre Parolen in Arnschwang. Bewohner des Dorfes protestierten dagegen.

Mit Fußfessel nach Arnschwang

Wie das Landratsamt in einer Stellungnahme mitteilt, sei er wegen seiner Verurteilung von der Stadt München mit Bescheid vom 13. Juli 2011 ausgewiesen worden. In einem neuen Asylantrag während der Haft gibt der Afghane an, er sei zum Christentum konvertiert. Deswegen verhängt das Verwaltungsgericht München ein Abschiebeverbot nach Afghanistan.

„Das ist für alle Ausländerbehörden bindend“, sagt der Pressesprecher des Landrats, Friedrich Schuhbauer. Auch die spätere Zuteilung eines Einzelzimmers im Flüchtlingsheim Arnschwang mit vielen Familien sei allein Sache der Regierung.

Eine Blumenstrauß liegt vor der Haustüre am Tatort.Foto: Baumgartner
Eine Blumenstrauß liegt vor der Haustüre am Tatort.Foto: Baumgartner

Im Dorf herrschen Entsetzen und Trauer. „Es ist unfassbar. Die Frau und die beiden Buben waren nett und sehr beliebt“, sagt eine Arnschwangerin, als sie vor dem Eingang zum Kinderhaus St. Martin in Arnschwang Blumen ablegt und eine Kerze für den fünfjährigen Buben anzündet. Völlig unverständlich ist für viele Arnschwanger, dass ein Vorbestrafter mit elektronischer Fußfessel in einer Gemeinschaftsunterkunft mit Familien und Kindern untergebracht wurde.

Landrat: „Kein Asyl für Straftäter“

Auch Bürgermeister Michael Multerer wusste von der Fußfessel. „Das haben viele gewusst. Das war ja am Fußgelenk auch zu sehen. „ Er fürchtet, dass der Fall sich zum Politikum ausweitet. Diese Befürchtung teilt auch Landrat Franz Löffler. Er hat tiefgreifende Zweifel: „Mir drängt sich die Frage auf, ob unser Rechtssystem und die Verfassung tatsächlich noch schlüssige Antworten auf solche Fragen geben“, sagt Franz Löffler. Die Frage, was höher einzustufen sei, das Recht auf Asyl oder auf Sicherheit der Menschen in diesem Land, sei klar zu beantworten: „Da sage ich unmissverständlich: Ein Straftäter kann kein Recht auf Asyl erwirken.“

Lesen Sie hier: Neonazis nutzten das dramatische Ereignis in Arnschwang, um ihre Parolen zu verkünden. Die Bürger stellten sich ihnen entgegen.

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