MyMz
Anzeige

Erinnerungen an das Kriegsende

Biruta Schönberger aus Cham erzählt aus der Zeit, als Hunger ihr Dauerbegleiter war – und die Angst vor betrunkenen Soldaten.
Von Biruta Schönberger

Unser Foto zeigt Soldaten, die 1945 in Berlin an Frauen Brot verteilen. Was Hunger bedeutet, kann sich in Deutschland heutzutage keiner mehr vorstellen. Der Kriegsgeneration, zu der unsere Autorin zählt, hat sich dieses Gefühl auf ewig eingebrannt. Foto: Berliner Verlag/dpa
Unser Foto zeigt Soldaten, die 1945 in Berlin an Frauen Brot verteilen. Was Hunger bedeutet, kann sich in Deutschland heutzutage keiner mehr vorstellen. Der Kriegsgeneration, zu der unsere Autorin zählt, hat sich dieses Gefühl auf ewig eingebrannt. Foto: Berliner Verlag/dpa

Cham.Es war das vorläufige Ende einer grausigen, endlos langen Flucht. Zu dieser Zeit war „Restdeutschland“ von den Siegermächten in Zonen aufgeteilt: in eine amerikanische, russische, englische und französische Zone. Ausgerechnet Mecklenburg fiel der russischen Besatzung in die Hände – und wir drei Mädchen befanden uns mit den Großeltern mittendrin!

Man schickte uns, da wir keine Adressen unserer übrigen Verwandtschaft besaßen, nach Woldegk, einer mittelgroßen Stadt, die zu 75 Prozent zerbombt war. Es war bereits Ende August, als wir von der Stadt eine kleine Mansardenwohnung zugewiesen bekamen. Die Einrichtung bestand aus einem Küchenherd, der gleichzeitig als Heizung diente, einem Doppelbett für die Großeltern und Strohschütten auf dem Boden für uns Mädchen.

Suppe aus der „Volksküche“

Kriegsende

Als Kötzting zum Panzerfriedhof wurde

Tausende Soldaten der 11. Panzerdivision verdanken Generalleutnant Wend von Wietersheim ein Weiterleben ohne Gefangenschaft.

Ein kleiner Tisch und drei Stühle gehörten auch zum Mobiliar. Wasser holte man auf dem Dachboden vor der Wohnungstür. Trotzdem waren wir glücklich, endlich von der Straße weggekommen zu sein. Schlimm war es mit dem ständigen Hunger. Man konnte nur einmal am Tag Suppe von einer „Volksküche“ holen. Mit einem Eimer ausgestattet, wartete ich in der langen Menschenschlange auf das wärmende Mahl, das dünn und fleischlos ausgegeben wurde. Unter den Wartenden standen auch abgewrackte Heimkehrer – Soldaten, blass, mit leeren Augen. Niemand konnte von dieser Suppe satt werden... Daher gingen wir Mädchen sogar einmal betteln, wurden aber barsch abgewiesen. Die Großmutter war verzweifelt und wütend und fasste einen kühnen Entschluss. Weil sie die russische Sprache beherrschte, verfasste sie einen Brief an die Kommandantur, den ich an der Pforte abgab.

Geschichte

Ein entsetzliches Unglück am Kriegsende

Das Sandhölzl bei Cham zog Buben magisch an, doch dort lauerte tödliche Gefahr. Vor 75 Jahren starb hier ein Neunjähriger.

Und siehe da: Ein Soldat schenkte mir einen Wecken Weißbrot. Tags darauf betrat ein Offizier in Kosakenuniform unsere kleine Wohnung. Er sprach fließend Deutsch und war sehr höflich. Die Oma schilderte ihm unsere verzweifelte Lage und das ganze Unglück. Zwei Tage nach seinem Besuch brachten uns zwei Männer Briketts und einige Holzscheite. Der Offizier händigte uns einen Zettel aus, mit dem wir Essen holen konnten – das war toll! Wir hatten nur Angst vor den betrunkenen Soldaten. Des Öfteren besuchten uns sogar die strammen Russinnen, denen ich entsprechend bequeme Socken strickte, sozusagen Tag und Nacht. Dafür gab es Naturalien.

Heimlich Kartoffeln gesammelt

Die Bauern hatten inzwischen die Kornfelder gemäht und es begann die Kartoffelernte. Mit der Oma schlichen wir heimlich mit einen Wagerl dorthin und sammelten die liegengebliebenen Früchte. Schon seit langer Zeit hatten wir kein Salz mehr – und ohne Salz schmeckt kein Essen. Ein Zufall kam uns zur Hilfe: Russische Soldaten hatten auf einem Gartentisch drei Fässchen Salz vergessen. Das war wie ein Sechser im Lotto!

Geschichte

Der Bombenangriff auf Cham

Die Alliierten führten gegen Kriegsende verstärkt Angriffe auf Knotenbahnhöfe durch. Am 18. April 1945 wurde Cham getroffen.

Im Herbst gingen meine Schwestern dann endlich zur Schule, während ich bei den Großeltern blieb, die beide bereits sehr krank waren: Zwischen Trümmern und verschütteten Wegen suchte ich nach einem Arzt. Nach etwa einer Stunde fand ich einen sichtlich verzweifelten Menschen vor, der mir jedoch folgte. Beim Anblick der alten Leute war er sehr traurig, weil er ihnen nicht mehr helfen konnte.

Unsere Autorin

  • Atelier:

    Biruta Schönberger (86) lebt in Altenstadt und hatte früher ein kleines Atelier in Cham.

  • Herkunft:

    Sie wurde 1933 in Lettland in der Nähe von Riga geboren. Nach dem Krieg kam sie als zwölfjähriges Mädchen mit drei Schwestern zu einem Onkel nach Geigant.

Meine tapfere Großmutter starb im März 1946 in meinem Beisein, tags darauf wurde sie, eingewickelt in einem Tuch, von zwei Männern abgeholt. Den Großvater, der zwischenzeitlich völlig gelähmt war, brachten Leute von der Stadtverwaltung gegen seinen Willen in ein Altersheim. Er wäre so gerne mit uns zusammengeblieben und weinte beim Abschied bitterlich. Zwei Monate später wurden wir vom Roten Kreuz gefunden und zu unseren Verwandten nach Bayern gebracht.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht