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Donnerstag, 16. August 2018 27° 1

Demokratie

Erinnerungen gegen den braunen Terror

Nun ist die FC-Bayern-Ausstellung „Verehrt-Verfolgt-Vergessen“ in Cham zu sehen. Sie erinnert an Vereinsopfer der NS-Zeit.
Von Christoph Klöckner

FCB-Kurator Andreas Wittner zwischen Kurt Landauer und Otto Beer, die beide Opfer der Nationalsozialisten wurden. Fotos: Klöckner
FCB-Kurator Andreas Wittner zwischen Kurt Landauer und Otto Beer, die beide Opfer der Nationalsozialisten wurden. Fotos: Klöckner

Cham.Eines ist sicher: Einen besseren Zeitpunkt für die Ausstellung über den FC Bayern zu Zeiten des braunen Terrors als jetzt hätten die Organisatoren nicht aussuchen können. Wobei es traurige Anlässe sind, die die Ausstellung gerade aktuell besonders wichtig macht.

Die Erinnerung des Deutschen Rekordmeisters an die Vergangenheit kommt zu einer Zeit ins Foyer des Landratsamtes Cham, wo es Preise für Rap-Songs mit antisemitische Texten gibt, wo Angriffe auf Flüchtlinge und Fremde zum Alltag gehören, wo jüdische Mitbürger in der deutschen Hauptstadt verprügelt werden oder die AfD mit rechten Parolen Stimmung macht. Das betonen auch die Redner am Donnerstagabend bei der Eröffnung der Wanderausstellung des FC Bayern, die den Titel trägt „Verehrt-Verfolgt-Vergessen. Opfer des Nationalsozialismus beim FC Bayern München“.

Aktuelle Probleme der Kurven

Ausstellung: Kreisjugendpfleger Simon Frank, der mit dem Kreisjugendring, dem FC-Bayern-Fanclub „Rekordmeister ‚87“ aus Katzbach und dem Jugendrat Cham Initiator für die Ausleihe der Ausstellung ist, wies auf Termine für Besichtigungen und auf das Rahmenprogramm hin. So ist die Ausstellung bis 3. Mai und vom 7. bis 11. Mai im Foyer des Landratsamtes, am 5./6. Mai im Rathaus Cham. Fotos: Klöckner
Ausstellung: Kreisjugendpfleger Simon Frank, der mit dem Kreisjugendring, dem FC-Bayern-Fanclub „Rekordmeister ‚87“ aus Katzbach und dem Jugendrat Cham Initiator für die Ausleihe der Ausstellung ist, wies auf Termine für Besichtigungen und auf das Rahmenprogramm hin. So ist die Ausstellung bis 3. Mai und vom 7. bis 11. Mai im Foyer des Landratsamtes, am 5./6. Mai im Rathaus Cham. Fotos: Klöckner

Andreas Wittner etwa weist auf die aktuellen Probleme in vielen Fankurven in Deutschland hin, wo Gruppen mit antisemitischem und rassistischem Gedankengut auftauchen und sich breitmachen. Sicher gebe es auch beim FC Bayern in der Fankurve Anhänger der AfD, doch kämen die Dank der Übermacht der linksorientierten Ultra-Gruppe „Schickeria“ nicht zum Zuge, lobt Wittner die sonst nicht immer von der Vereinsführung geliebten Stimmungsmacher beim FC Bayern. Die Schickeria war es auch, die den langjährigen Chef der Vor- und der Nachkriegszeit des FC Bayern, Kurt Landauer, aus der Vergessenheit holte und mit Fan-Choreographien ihn und seine Werte feierten. Dem schloss sich die Vereinsführung des FC Bayern an und konzipierte unter anderem die Wanderausstellung.

Chams Ex-FCB-Spieler Willi Reisinger erzählte aus seiner Fußball-Zeit. Fotos: Klöckner
Chams Ex-FCB-Spieler Willi Reisinger erzählte aus seiner Fußball-Zeit. Fotos: Klöckner

Dass Kurt Landauer – ein Münchner, Bayer und Jude – und viele andere verdiente jüdische oder politische Opfer der NS-Zeit, von denen in der Ausstellung beispielhaft einige Biografien dargestellt werden, lange Jahre wirklich nur wenigen im Verein ein Begriff waren, berichtet Willi Reisinger. Der ehemaliger ASV Cham-Spieler kickte von 1976 bis 1980 mit Beckenbauer, Rummenigge und Hoeneß in der Bundesliga mit dem FC Bayern und war dann noch zwei Jahre vom FCB an andere Vereine ausgeliehen. Viele Bundesliga-Clubs hatten damals Interesse an ihm, doch eigentlich wollte er zu Bayern, so Reisinger. Als er sich mit Nürnberg schon geeinigt hatte, kam doch noch ein Brief des FCB. Und weil der Mittelstürmer im Probespiel einen Nationalspieler tunnelte, gab Trainer Dettmar Cramer dem 17-Jährigen einen Vertrag. „In den sechs Jahren, die ich bei Bayern war, ist nie der Name Landauer erwähnt worden!“ Dinge über diese Zeit seien irgendwie immer verschwiegen worden, auch bei der 100-Jahr-Feier im Jahr 2000 sei kein Wort über den ehemaligen, jüdischen Bayern-Präsidenten gefallen, sagt Reisinger. Das bestätigt FCB-Kurator Andreas Wittner. Auch Rummenigge habe sich ihm gegenüber ähnlich geäußert.

Chronik mit Außergewöhnlichem

Bei der 50-Jahrfeier im Jahre 1950 sei in der Chronik der Gefallenen und Vermissten der Kriege gedacht worden, so Wittner. Doch gebe es auch eine Passage, die an die FCB-Mitglieder erinnere, die Opfer aus rassistischen, politischen oder religiösen Gründen geworden seien. „Das ist für die damalige Zeit schon außergewöhnlich gewesen“, sagt Wittner. Mittlerweile seien 92 Biografien der 100 jüdischen Mitglieder des FC Bayern erforscht worden. Der Verein habe in den 30er Jahren 1100 Mitglieder gehabt, davon 100 Juden. Das sei auf die Gesamtbevölkerung Münchens viel gewesen.

Deportiert und ermordet

Kino: Am 2. Mai, 20 Uhr, und am 8. Mai, 17 Uhr, wird der Film „Landauer – Der Präsident“ im Cine-World Cham gezeigt, am 4. Mai gibt es einen Vortrag über Antisemitismus im Fußball für angemeldete Schulklassen im Langhaussaal im Chamer Rathaus und am 7. Mai führt Stadtarchivar Timo Bullemer um 19 Uhr Interessierte (Anmeldung nötig, Tel. 8579-380) über den Jüdischen Friedhof. Fotos: Klöckner
Kino: Am 2. Mai, 20 Uhr, und am 8. Mai, 17 Uhr, wird der Film „Landauer – Der Präsident“ im Cine-World Cham gezeigt, am 4. Mai gibt es einen Vortrag über Antisemitismus im Fußball für angemeldete Schulklassen im Langhaussaal im Chamer Rathaus und am 7. Mai führt Stadtarchivar Timo Bullemer um 19 Uhr Interessierte (Anmeldung nötig, Tel. 8579-380) über den Jüdischen Friedhof. Fotos: Klöckner

Otto Beer, der sich um die Jugend kümmerte, sei mit dem ersten Deportationszug von München, der mit 1000 Menschen losfuhr – darunter acht FCB-Mitglieder – nach Kaunas in Litauen gebracht worden. Dort seien die Münchner dann von den Nazis ermordet worden. Von den 98 Mitgliedern, deren Leben in dieser Zeit recherchiert sei, seien 48 emigriert in alle Welt – die restlichen 50 seien ermordet worden oder hätten Selbstmord gemacht. Wittner wies auch auf politische Opfer hin, wie den engagierten Sozialdemokraten Wilhelm Buisson. Das FCB-Mitglied verteidigte nach der „Machtergreifung“ das Gewerkschaftshaus in München gegen die Nazis. Er wurde später wegen „Landesverrats“ zum Tode verurteilt. 1940 wurde er im Gefängnis in Berlin-Plötzensee im Alter von 48 Jahren ermordet.

Es sei bemerkenswert, dass sich ein Verein mit dieser Zeit seiner Vergangenheit auseinandersetze, sagt Landrat Franz Löffler zur Eröffnung der Ausstellung. Es gehe darum, eine Lehre zu ziehen und dem Rechtsradikalismus und Rassismus keine Spielräume zu lassen. Solche Dinge wie die Echo-Verleihung „gehen einem unter die Haut!“ und würden auch zeigen, dass die Jugend offenbar kein Problem mit solchen Texten hätte, die Frauenfeindlichkeit, Gewalt und Judenhass propagieren würden. „Die Stärkung von Toleranz und Demokratie muss die Antwort sein!“, so Löffler. Genial findet er die Verbindung von Fußball und Politik, zumal der FC Bayern ein großer Sympathieträger sei. Dass das wirke, zeige die Resonanz – bereits 20 Schulklassen haben sich für eine Führung angemeldet.

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