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Musik

Ernst und Humor

Johannes Öllinger bot Barock und Avantgarde auf Augenhöhe.
Johann Reitmeier

Künstlerisch breit aufgestellt: Johannes Öllinger brilliert gleichermaßen auf akustischer und E-Gitarre. Foto: cjr
Künstlerisch breit aufgestellt: Johannes Öllinger brilliert gleichermaßen auf akustischer und E-Gitarre. Foto: cjr

Blaibach.Eines fiel sofort auf, schon bei den ersten Tönen des Gitarrenrecitals am letzten Sonntag: Es war die ungemein klare und doch alles andere als trockene Akustik im Konzerthaus Blaibach, die es Johannes Öllinger erlaubte, sein immenses Ausdrucksspektrum sowohl auf der Konzertgitarre als auch mit der E-Gitarre auszuspielen. Das Bad Kötztinger Eigengewächs, längst in den Zentren etabliert und für seine Kreativität geschätzt und prominent ausgezeichnet, hatte seinem Solokonzert dem Titel „minimal suite“ gegeben: Gleichzeitig bezeichnete er damit den speziellen Kompositionsstil des zweiten Stückes – „Electric Counterpoint“ des US-Avantgardisten Steve Reich, mit dem dieser in eine Reihe mit Komponisten vom Stellenwert etwa eines K. H. Stockhausen gestellt wird.

Zum Verständnis: Von einem Tonband kommt ein Soundteppich von bis zu zwölf E-Gitarren und E-Bässen. Dazu vervollständigt Johannes Öllinger diesen auf seiner Fender nach einer exakten Choreographie (Kontrapunkt – Counterpoint) mit einzelnen Riffs und Figuren. Die Komposition fordert hoch präzises Zuspiel, Klangfarben werden zusätzlich dadurch verdeutlicht, dass das „Bühnengeschehen“ in wechselnde Lichtstimmungen getaucht wird – was beinahe psychedelische Wirkmomente zeitigt.

Das Publikum ist ständig gefordert, „höllisch“ aufzupassen, um auch noch die winzigsten Veränderungen des auf- und abschwellenden Klangteppichs nachzuvollziehen. Der Solist „kämpft“ gegen die beinahe hypnotischen aufeinanderfolgenden Pattern an, spielt scheinbar wie in Trance die unterschiedlichen „Sätze“ des Stücks – ein fesselndes, aufregendes Geschehen mit abruptem Schluss nach steter Steigerung. Öllinger hob dabei das oft kolportierte Vorurteil auf, dass im Blaibacher Konzerthaus elektronisch verstärkte Musik nicht transparent rüberkäme. Es kommt wohl tatsächlich auf den Einzelfall, auf das Instrumentarium und den Mixer an.

Die Ernsthaftigkeit von Öllingers Musik, sprich die Ehrfurcht vor einem der Größten in der Musikgeschichte – Johann Sebastian Bach (1685-1750) – wurde gleich zu Beginn spürbar: Die „Partita D-Moll BWV 1004“ stellte er seinem Programm voran: Die fünf barocken „Tanzsätze“ sind eigentlich für Violine solo geschrieben. Die Kunst Öllingers, dieses auf die so unterschiedlich klingende, klassische Gitarre umzusetzen, verlangt allergrößte Bewunderung. Dem Ausdrucksspektrum der Geige im Original begegnet er mit seiner profunden Gitarrentechnik, seinem tiefen Werksverständnis und einer ausgefeilten Dynamik und seinen Sinn für die Bedeutung der Rhythmik.

Der zweite Teil bringt dann ausschließlich Eigenkompositionen – „Vier kurze Stücke“, lautmalerisch von erfrischend bis recht intim. Auf jeden Fall zeugen sie von einem liebenswerten, menschelnden Humor. „Drei Intros“: Öllinger nennt sie launig „Minimal Music auf nur einer Gitarre“. Sie lassen wieder den kleinen musikalischen Schalk aufblitzen. Erst im Januar anlässlich eines Künstleraustausches in Irland entstanden, verlangen sie doch von den Zuhörern echte Konzentration, um die Systematik Steve Reich’s entdecken zu können. Ebenfalls auf der grünen Insel schrieb Öllinger die letzten vier Stücke des Programmes – „Hinterland“, „Out of nowhere“, „Wasser“ und „Fern“.

Abwechslungsreich wie das ganze Geschehen zuvor waren auch die zwei Zugaben: Zunächst ein „Drifacher“ – eine witzige Parodie auf den bairischen Zwiefachen, nur noch etwas komplizierter, erdiger und lustiger. Und, ganz zum Schluss, noch ein letzter Gruß aus Irland –„ ohne Titel“. Warmherzig und äußerst sympathisch! (cjr)

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