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Überblick

Es war die Nacht der müden Sieger

Ein nachdenklicher CSU-Mann Dr. Gerhard Hopp gewinnt das Direktmandat im Landkreis Cham. Was wird aus dem zweiten Mandat?
Von Johannes Schiedermeier, Christoph Klöckner, Tanja Fenzl und Evi Paleczek

Sie wirkten müde und nachdenklich, die CSU-Sieger der Wahlnacht, mit dem Gewinner des Direktmandats Dr. Gerhard Hopp (2. von links). Foto: Schiedermeier
Sie wirkten müde und nachdenklich, die CSU-Sieger der Wahlnacht, mit dem Gewinner des Direktmandats Dr. Gerhard Hopp (2. von links). Foto: Schiedermeier

Cham.Sie wirkten müde und nachdenklich, als sie vor die Presse traten. Das Wahlkampfteam aus Dr. Gerhard Hopp, Barbara Haimerl, Markus Müller und Landrat Franz Löffler samt dem CSU-Kreisvorsitzenden MdB Karl Holmeier – Freude sieht anders aus. Dabei hatte Dr. Gerhard Hopp gerade ziemlich überzeugend das Direktmandat für den Landtag verteidigt. Noch nie hatte man in den vergangenen Jahren ein Team der CSU im Vorfeld so verunsichert erlebt und so verbissen kämpfend.

Ein „Drama“ nennt Alfred Stuiber die AfD-Ergebnisse. Foto: Simon Tschannerl
Ein „Drama“ nennt Alfred Stuiber die AfD-Ergebnisse. Foto: Simon Tschannerl

Das zog sich bis in die späten Stunden des Wahlabends und äußerte sich auch dadurch, dass weder Landrat Franz Löffler noch der Kandidat selbst sich trotz eines klaren Trends vor 20.30 Uhr dazu äußern wollten, was sie von dem Abschneiden halten. Dr. Hopp hat im Landkreis Cham im Vergleich zu vor fünf Jahren rund vier Prozent verloren – wesentlich weniger als seine Partei, die bayernweit um rund zwölf Prozent abstürzte. „Das ist ein klares Argument für die Sachpolitik vor Ort“, erläuterte der Landrat, dessen Ergebnis für den Bezirkstag erst ab Montag debattiert wird.

Einig war sich die Mannschaft aber mit ihrem Kandidaten über einen Punkt: „In diesem Wahlkampf war kein Rückenwind zu spüren. Lediglich im Kreisverband. Wir haben gekämpft bis zum letzten Tag.“ Das könnte demnächst auch Folgen haben. Denn Dr. Gerhard Hopp gab nicht nur das zu Protokoll, sondern auch, dass man sich am Dienstag in der Fraktion ganz sicher über die möglichen Folgen für Personen unterhalten werde, die dafür verantwortlich seien. Von Seehofer habe er sich zum Beispiel mehr erwartet. Auch Landrat Franz Löffler erklärte, dass er am Montag im Parteivorstand deutliche Worte bei der Analyse des Wahlkampfes finden werde.

Ein weiteres Thema war das Abschneiden der AfD. Insgesamt könne man natürlich mit diesem Ergebnis über 15 Prozent nicht zufrieden sein. Allerdings müsse man auch sehen, dass es rückläufig sei im Vergleich zur Bundestagswahl.

Über seine künftige Arbeit im Landtag macht sich Dr. Gerhard Hopp keine Illusionen: „Es wird bunter werden, es wird schwieriger werden.“ Allerdings sei es nicht seine Aufgabe, sich an einem solchen Tag über Koalitionen zu äußern. „Ich sehe jetzt erst einmal mein Ergebnis und werde mir die Zeit nehmen, es zu analysieren. In Anbetracht aller Begleitumstände bin ich aber damit zufrieden.“

„Es wird bunter werden, es wird schwieriger werden.“

Gerhard Hopp

Auch mit dem Abschneiden der anderen Parteien wollte sich an diesem Abend keiner mehr beschäftigen. Es könnte nämlich noch eine Überraschung am Montag geben. Der Direktkandidat der Freien Wähler, Robert Riedl, erhielt weniger Erststimmen als seine Partei Zweitstimmen erreichte – mit dem Kandidaten Dr. Herbert Weidacher. Wenn dessen Stimmen reichen, dann könnte plötzlich der Chamer Urologe als zweiter Mann im Landtag sitzen.
„Darüber unterhalten wir uns heute ganz sicher nicht“, gab Landrat Franz Löffler die Richtung vor. Markus Müller, der selber in Neukirchen beim Hl. Blut 23,8 Prozent AfD-Erststimmen hinnehmen musste, wurde gefragt, wie er sich das erklärt. Auch er wies zunächst darauf hin, dass sich das Ergebnis reduziert habe. Es sei aber auch schwer, mit Leuten ins Gespräch zu kommen, die keine eindeutigen Wünsche äußerten. „Wir hatten das Problem, dass Sachthemen in diesem Wahlkampf untergegangen sind. Seit dem Flüchtlingsproblem 2015 ist hier nur Stimmung gemacht worden und nicht nur von der AfD“, so Dr. Hopp.

Franz Kopp: Aufgeben will er nicht. Foto: Simon Tschannerl
Franz Kopp: Aufgeben will er nicht. Foto: Simon Tschannerl

Der Landrat verriet auch, warum er in Sachpolitik ein Erfolgskonzept sieht: „Klar war es so, dass viele Leute gar nicht gewusst haben, wofür der Bezirk eigentlich zuständig ist, aber das Programm dieser Partei bietet keinerlei Lösungen. Ich setze darauf, dass die Menschen das bald merken.“

„Ich komme aus dem östlichen Landkreis, und da herrscht für mich einfach gerade ein Fremdschämen vor aufgrund des Ergebnisses der AfD.“

Robert Riedl

Mit dem Ergebnis von 11,6 Prozent bayernweit für die Freien Wähler ist Landtagskandidat Robert Riedl sehr zufrieden. Im Landkreis zeichneten sich die Freien als zweitstärkste Kraft nach der CSU ab, auch das sei schön. Er hätte sich mehr erhofft, aber das Ergebnis sei schon okay. Enttäuscht ist Riedl von seiner Heimatstadt Bad Kötzting, wo er weniger Stimmen als Dr. Gerhard Hopp bekam. Ob es für ihn reicht für den Einzug in den Landtag, das sei noch nicht klar, meint Riedl.

Robert Riedl konnte nicht so recht glauben, dass er in seiner Heimatstadt Bad Kötzting nicht vor Gerhard Hopp lag. Foto: Simon Tschannerl
Robert Riedl konnte nicht so recht glauben, dass er in seiner Heimatstadt Bad Kötzting nicht vor Gerhard Hopp lag. Foto: Simon Tschannerl

Sein Fazit der Wahl betreffe aber eigentlich gar nicht sein Ergebnis, sagt er im Gespräch mit unserem Medienhaus. Ob er in den Landtag einzieht oder nicht, sei gerade zweitrangig für ihn. Er komme aus dem östlichen Landkreis, und da herrsche für ihn nun einfach gerade ein Fremdschämen vor aufgrund des Ergebnisses der AfD. So schlimm hätte er den Wahlausgang nicht erwartet, sagt Robert Riedl.

„Ich kann das nicht mehr verstehen.“ Bei 10,9 Prozent liege die Partei bayernweit derzeit, dass sie im Landkreis Cham das Doppelte an Stimmen bekommen habe, sei beschämend. Aber es handle sich um eine demokratische Wahl, und die Bürger hätten entschieden. Das müsse man akzeptieren, ob es einem nun schmecke oder nicht.

„Die Stimmung ist am Boden!“

Franz Kopp

„Die Stimmung ist am Boden!“, so lautete die erste Reaktion des Chamer Spitzenkandidaten der SPD, Franz Kopp. Er habe nicht gedacht, dass es soweit runtergehe für die Sozialdemokraten. Was passieren müsse? Er sei kein Freund von vorschnellem Aktionismus: „Wir müssen uns in Ruhe zusammensetzen, alles auf den Tisch legen und Tacheles reden.“ Die Bayern-SPD sei auch in den Skepsis-Strudel gegenüber der SPD gekommen, der seit zehn, 15 Jahren herrsche.

Im Landkreis sei die SPD solch niedrige Ergebnisse gewohnt, deshalb sei man hier ruhig gewesen. Gehofft habe er auf 15 Prozent. Für sich selbst erwartet er ein ähnlich niedriges Ergebnis: „Ich bin einfach zu unbekannt. Zwischen fünf und sieben Prozent wären anständig.“ Mehr Wahlkampf habe er nicht machen können. Aufgeben werde er nicht, sagte er am Sonntag.

Er dachte, es klappt

Was die Linke falsch gemacht habe, könne man so genau nicht sagen, meinte Marius Brey. Foto: Simon Tschannerl
Was die Linke falsch gemacht habe, könne man so genau nicht sagen, meinte Marius Brey. Foto: Simon Tschannerl

Die Linke hat es nicht geschafft – Enttäuschung herrschte am Wahlabend beim Oberpfälzer Spitzen- und Chamer Direktkandidaten Marius Brey. „Ich hätte geglaubt, es klappt“, sagt der 22-Jährige. Weil in der letzten Zeit doch viele positive Rückmeldungen gekommen seien. Leid tut Brey zudem das schlechte Abschneiden der SPD. Er hätte sich einen starken linken Part im Landtag gewünscht. Am liebsten hätten da natürlich Die Linken punkten sollen, aber der SPD hätte der 22-Jährige auch mehr Rückhalt gewünscht. Wenn es nun zu Schwarz-Grün komme, fehle die linke Opposition in der Regierung. Trotzdem freut sich der Chamerauer über den Erfolg der Grünen.

„Es kommt nun auf die CSU an, ob sie den Wählerwillen übergeht oder nicht“, sagte Michael Doblinger von den Grünen. Foto: Simon Tschannerl
„Es kommt nun auf die CSU an, ob sie den Wählerwillen übergeht oder nicht“, sagte Michael Doblinger von den Grünen. Foto: Simon Tschannerl

Was die Linke falsch gemacht hat, könne man so genau nicht sagen. Die Partei habe schon die richtigen Themen auf der Agenda gehabt, meint Brey. Und das initiierte Volksbegehren gegen den Pflegenotstand sei erfolgreich gewesen: In zwei Monaten seien mehr als 100 000 Unterschriften zusammengekommen, wesentlich mehr, als er gedacht hätte, sagt der 22-Jährige. Die Parteimitglieder hätten vielleicht zu wenig betont, wer das Volksbegehren gestartet habe. Für die Zukunft kündigt Brey an, die Linke werde auf jeden Fall weiter außerparlamentarisch Politik machen in Bayern – und auf die Kommunalwahlen 2020 setzen.

Michael Doblinger, Direktkandidat der Grünen im Landkreis, weiß sein Ergebnis einzuordnen. „Wir sind auf niedrigem Niveau der letzten Wahl gestartet und mit dem Erreichten zufrieden!“ Dass das natürlich nicht mit dem Abschneiden der Grünen in den Städten zu vergleichen sei, sei klar. Bayernweit sei ein Superergebnis erreicht worden – die Frage sei, was das am Ende wert sei. „Es kommt nun auf die CSU an, ob sie den Wählerwillen übergeht oder nicht!“, sagt er. Und: „Wir wären bereit für eine Zukunftspolitik.“

„So lange Aiwanger einen schönen Posten erhält, machen die Freien Wähler doch alles.“

Michael Doblinger

An einer Entscheidung für die Grünen als Partner könne auch die CSU wachsen. Er vermute jedoch, dass die CSU den leichtesten Weg einschlagen werde und mit den Freien Wählern koaliere. „So lange Aiwanger einen schönen Posten erhält, machen die Freien Wähler doch alles.“ Somit drohe Bayern ein Weiterwurschteln wie bisher, statt einer Politik, die zukunftsträchtig sei. Er selbst sei sicher nicht im Landtag, so Doblinger – dafür brauche es mehr Stimmen aus dem Landkreis. Das überdurchschnittliche Abschneiden der AfD in Cham sieht er mit Sorge.

Josef Lankes sprach von einem „guten Wahlkampf“.Foto: Simon Tschannerl
Josef Lankes sprach von einem „guten Wahlkampf“.Foto: Simon Tschannerl

Mit dem Erreichen der Fünf-Prozent-Hürde bayernweit ist FDP-Kandidat Alfred Stuiber zufrieden, „Hauptsache drin, das passt“, sagt er. Mehr wäre natürlich noch schöner gewesen, aber bei einer so hohen Wahlbeteiligung wie dieses Mal sei klar gewesen, dass für die FDP nicht so viel herausspringe. Diese Stimmen gehörten wohl am ehesten CSU und AfD, meint Stuiber. Mit durchschnittlich gut vier Prozent in den Rodinger Umlandgemeinden freut sich Stuiber über einen Erfolg in seiner Heimat. Bedauern lösen bei ihm die Ergebnisse der AfD im Landkreis Cham aus. Das „Drama“ sei zwar zu erwarten gewesen, aber trotzdem einfach schlimm.

Josef Lankes, Direktkandidat der AfD im Landkreis, ist „zufrieden“ mit dem erreichten Ergebnis im Landkreis, auch wenn er damit nicht in den Landtag einziehe. Er müsse die Zahlen jedoch erst genau anschauen, um ein abschließendes Statement abgeben zu können. Sicher sei der gute Wahlkampf der AfD entscheidend gewesen. „Frustration gab es vor allem bei den gut informierten CSU-Wählern“, meinte Lankes.

„Hauptsache drin, das passt.“

Alfred Stuiber über das Abschneiden der FDP

Der AfD-Kreisvorsitzende Dr. Felix Börner sagte, er habe das gute Abschneiden so erwartet, sei weder positiv noch negativ überrascht. Insgeheim habe er auch mal mit dem Gedanken an 15 Prozent gespielt, doch eigentlich ein Ergebnis wie bei der Bundestagswahl mit etwa zwölf Prozent erwartet.

Alexander Schweikl von der Bayernpartei sieht sich als Gewinner. Foto: Simon Tschannerl
Alexander Schweikl von der Bayernpartei sieht sich als Gewinner. Foto: Simon Tschannerl

Das teils überdurchschnittliche Abschneiden von Lankes sei auf gute Wahlkampfauftritte zurückzuführen. Dass die Freien Wähler im Landkreis oft die Nase vor der AfD haben, sei nicht überraschend: „Die sind in den Kommunen stark verankert!“ Für die AfD gebe es im Landtag nur die Oppositionsbank: „Es gibt keine Koalition für uns.“

Ruth Meissner von der ÖDP war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Foto: Simon Tschannerl
Ruth Meissner von der ÖDP war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Foto: Simon Tschannerl

Die Fünf-Prozent-Hürde hat er für die Bayernpartei im Landkreis nicht geschafft – trotzdem sieht sich Alexander Schweikl als Gewinner. Als Optimist hoffte er am Wahlabend sogar nach der Hälfte der ausgezählten Stimmbezirke und einem vorläufigen Stand von rund drei Prozent noch immer auf sein Wunschergebnis – und war doch bereits gut gelaunt. „Ich bin immerhin Sechster von zehn Kandidaten“, meinte er, und ergänzte: „Dafür, dass ich das erste Mal angetreten bin und mich kaum jemand kennt, ist das doch gut. Darauf bin ich schon stolz.“

ÖDP-Direktkandidatin Ruth Meissner war am Wahlabend für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Mit 1,08 Prozent der Erst- und 1,28 Prozent der Zweitstimmen hat ihre Partei überall im Vergleich zur Wahl 2013 Anteile verloren.

Andrea Pedanova wollte nicht Trübsal blasen. Foto: Simon Tschannerl
Andrea Pedanova wollte nicht Trübsal blasen. Foto: Simon Tschannerl

Auch Andrea Pedanova mochte nicht Trübsal blasen, auch wenn sie schon von Beginn der Auszählung an für die V-Partei das Schlusslicht der Direktkandidaten bildete.

„Alles, was über dem Ergebnis bei der letzten Bundestagswahl von 0,2 Prozent liegt, ist super.“ 0,3 Prozent seien ein deutlicher Erfolg, „besonders, da ich ja noch nicht einmal im Landkreis Cham wohne.“ Sie habe sich auch „wirklich keine Hoffnungen gemacht“. Der Endstand der V-Partei: 0,33 Prozent bei den Erst- und 0,3 Prozent bei den Zweitstimmen.

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