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Eröffnung

Extravagantes Konzerthaus im Dorf

Die 2000-Seelen-Gemeinde Blaibach leistet sich einen Kulturtempel: eine Großtat in minimalistischer Architektur. Zum Auftakt erklang Haydn.
Von Michaela Schabel, MZ

  • Eröffnung in Blaibach: Publikum und Orchester kurz vor Beginn des Konzerts am Freitagabend Foto: Schabel
  • Blaibach ist auf breiter Front innovativ: Großflächige Fotografien von Edward Beierle und Jutta Görlich sind in einer Ausstellung zu sehen. Foto: Schabel
  • Eröffnung in Blaibach: Zur Eröffnung erklang Haydns „Schöpfung“. Foto: Schabel
  • Thomas Bauer hatte bis zur letzten Minute am Konzerthaus mitgearbeitet und sang dann noch zwei Soloparts am Auftaktabend: Chapeau. Foto: Schabel
  • Das Konzerthaus ist aufwändig verschalt. Foto: Schabel
  • Grün-blaues Licht intensiviert die geheimnisvolle Wirkung der Treppe, die unterirdisch zum Foyer führt. Foto: Schabel

Blaibach.Minimalistisch, innovativ steht es da, das neue Konzerthaus mitten im oberpfälzischen Blaibach. Auch wenn es noch nicht ganz fertig ist, die Architektur ist ein Blickfang. Am Freitagvormittag herrschte noch Chaos, aber mit Hilfe von 60 engagierten Mitarbeitern klappte der Countdown bis zur Eröffnungsfeier um 19 Uhr.

2000 Einwohner leben in Blaibach. Heftig umstritten war das Projekt. Eine Bürgerinitiative scheiterte – und jetzt ist man stolz und hofft auf die innovative Kraft des Hauses, auf Touristen und Aufschwung.

Viele Arbeiten ehrenamtlich

Thomas Bauer, international gefragter Bariton, verheiratet mit der Pianistin Uta Hielscher, brachte den Stein ins Rollen. 2007 gründete er den „Kulturwald“, um im Bayerwald ein Festival zu verorten. Mit spektakulären Ideen und einer Carmina Burana mit Live-Übertragung aus dem Hubschrauber erregte er überregionales Interesse. Er organisierte eine charmante „Zauberflöte“ in der Scheune und den „Jedermann“ in der Deggendorfer Grabkirche. Durch ein unkompliziertes Nebeneinander aller möglichen Genres von Klassik, Jazz und internationaler Volksmusik, dargeboten an schönen Orten, in der Natur oder auch im Wirtshaus, fand der „Kulturwald“ immer mehr Anhänger. Dank der musikalischen Kontakte von Thomas Bauer blieb das Niveau hochkarätig und die Vision von einem Konzertsaal wurde nachvollziehbar.

Das Konzerthaus wurde in verblüffend kurzer Zeit realisiert. 1,66 Millionen Euro waren veranschlagt, zwei Millionen Euro wird das Haus am Ende kosten. Über den neuen Förderverein kamen 50 000 Euro in die Kasse. Viele Arbeiten am Bau erfolgten ehrenamtlich. Thomas Bauer finanziert selbst kräftig mit.

Die Gemeinde Blaibach bezuschusste das Projekt mit 400 000 Euro. 60 Prozent der Kosten flossen aus der staatliche Fördermaßnahme „Ort schafft Mitte“.

Ein schräg platzierter Monolith

Das Konzerthaus steht in der Diagonalachse zur Kirche, wird flankiert vom restaurierten Bürgerhaus und von einem Waidlerhaus als Unterkunft für die Sänger. Es schenkt Blaibach ein ganz neues Erscheinungsbild. Architekt Peter Haimerl, vielfach ausgezeichnet, folgte der Basisidee, Orte und Gebäude innovativer und effektiver zu gestalten, und wagte, wie in seinen bisherigen Projekten, wieder Ungewohntes.

Wie ein Monolith steht das Konzerthaus in der Ortsmitte. Das Außergewöhnliche ist die dominante Schräglage parallel zur Topographie. Die aufwändige Verschalung verweist auf das Blaibacher Steinhauerhandwerk. Eine breite Treppe führt unter die Erde zum Foyer. Nachts wird ihre geheimnisvolle Wirkung durch eine blau-grüne Beleuchtung raffiniert intensiviert. Das Foyer umrundet den Konzertraum und die steil ansteigenden Zuschauertribünen für 200 Gäste. Durch transparente Möblierung und fein gesetzte indirekte Lichtschlitze wirkt der Innenraum weiträumig und schwebend leicht. Und die Betonstrukturen ergeben ein dezent bewegtes Bühnenbild.

Von Euphorie getragen

Zur Eröffnung war Haydns „Schöpfung“ zu hören – das passte bestens für die Einweihung eines architektonischen Blickfangs in ländlicher Umgebung, zur Feier eines Projekts, das einem kleinen Wunder gleicht. „Es werde Licht“, das Rezitativ aus dem ersten Teil des Oratoriums, signalisiere den Neustart des „Kulturwalds“, sagte Dirigent Andreas Sperling. Seiner Capello Augustina aus Köln gelang mit den Frauenchor „Lofoten Voces“ und dem Männerchor der Münchner „Max Reger Vereinigung“ eine schwungvoll-leidenschaftliche Interpretation der „Schöpfung“, hörbar und sichtbar beflügelt von der Euphorie der 70 Künstler, das Konzerthaus eröffnen zu dürfen. Als Solisten begeisterten Koloratursopranistin Ilse Emerenz (Gabriel, Eva), Tenor Sebastian Kohlhepp (Uriel) und Bariton Thomas E. Bauer (Raphael, Adam), der seit Wochen rund um die Uhr gearbeitet hatte.

75 Veranstaltungen im Jahr

Mit 50 Konzerten pro Jahr wird das Konzerthaus von sich hören machen. Die Akustik könnte nicht besser sein. Selbst bei Klanggewittern im Fortissimo ergeben sich keine Überschallungen. Ausgewogen bleibt die Klangharmonie auf den Seitenplätzen. Thomas Bauer wollte seiner Heimat durch sein künstlerisches Engagement etwas zurückgeben. Das Label „Kulturwald“ etabliert sich auf ungewöhnlich hohem Niveau und gibt der ganzen Bayerwaldregion Impulse.

Das Programm weitet sich: Beim 7. „Kulturwald“ in diesem Jahr gibt es bis 14. September 18 Veranstaltungen zu erleben. Die Künstler kommen gern, oft auf Urlaubsbasis und ohne Gage. Sie sind untergebracht im Gästehaus, einem traditionsbewusst restaurierten Waidlerhaus. Das Festival ist nur der Auftakt für ein Ganzjahresprogramm mit 75 anvisierten Veranstaltungen im Konzerthaus, wobei ein Drittel die Gemeinde und zwei Drittel die Kulturwald GmbH verantwortet. Vom „Kulturwald“ und seinem Konzerthaus ist einiges an Impulsen zu erwarten.

Ein Beitrag über das „Wunder von Blaibach“ eröffnet am 28. September, 15.30 Uhr, im BR-Fernsehen die Serie „Dorfgeschichten“.

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