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Gesundheit

Franziska erkennt die Enkel nicht mehr

Geschätzt 2500 Landkreisbürger leiden an Demenz. Jetzt werden Betroffene aus dem Raum Cham für eine Studie gesucht.
Von Tanja Fenzl

Nicht nur an Demenz Erkrankte, auch pflegende Angehörige sind auf Hilfsangebote angewiesen. Eine Studie soll dabei helfen, den Bedarf zu ermitteln. Foto: pa/obs VP Verband Pflegehilfe
Nicht nur an Demenz Erkrankte, auch pflegende Angehörige sind auf Hilfsangebote angewiesen. Eine Studie soll dabei helfen, den Bedarf zu ermitteln. Foto: pa/obs VP Verband Pflegehilfe

Cham.Franziska R. erkennt ihre Enkel nicht mehr und läuft mitten in der Nacht mit dem Nachthemd durch den Ort. Bei Maria S. wurde Alzheimer diagnostiziert, als sie doppelt und dreifach Futter für ihre Stalltiere bestellte. Irma M. steht manchmal stundenlang vor dem Wasserkocher und kann sich nicht mehr daran erinnern ,wie er eingeschaltet wird und wozu er überhaupt gut ist.

Meine Oma, die Mutter eines Bekannten aus dem Dorf und die Verwandte eines Kollegen sind nur drei Beispiele, wie sich Demenz in einem späteren Stadium äußern kann. Die Hilfsangebote für Betroffene und Angehörige sind allerdings begrenzt, wenigstens aber unkoordiniert. Das soll sich ändern.

Es werden Daten gesammelt

Bayernweit soll ein digitales Netzwerk in Sachen Demenz gegründet werden. Auch im Landkreis Cham werden dazu in den kommenden Jahren Daten von Demenz-Erkrankten gesammelt. Der Initiator des Projekts, Professor Elmar Gräßel, erzählte am Montag Vertretern von Ärzteschaft, Pflegeeinrichtungen und ehrenamtlichen Hilfsangeboten, wer sich an der Studie beteiligen kann, und wie alle, die mit Demenz zu tun haben, von dem Ergebnis profitieren sollen.

Dabei gibt es bereits jetzt im Landkreis zahlreiche Einrichtungen, die sich an Demenzerkrankte und pflegende Angehörige richten. Das Treffpunkt Ehrenamt im Landkreis bietet mit den Seniorenbetreuern auch Demenz- und Seniorenbegleitung an. Kurzzeitpflegeplätze sollen Angehörige zumindest eine Weile von ihren Pflichten entlasten, die Malteser im Landkreis organisieren regelmäßig ein Demenzcafé, wo Erkrankte einen Nachmittag lang betreut und unterhalten werden, während sich die Angehörigen eine kurze Auszeit nehmen können. 89 Prozent aller an Demenz Erkrankten haben mindestens einen so genannten informell Helfenden, also einen ohne Bezahlung tätigen Helfer, an ihrer Seite, besagen Studien. In der Regel ist das ein nahestehender Verwandter.

Professor Elmar Gräßel will mit seiner Studie praktische Hilfestellung für Demenzerkrankte und ihre Pflegenden erarbeiten. Foto: Gräßel
Professor Elmar Gräßel will mit seiner Studie praktische Hilfestellung für Demenzerkrankte und ihre Pflegenden erarbeiten. Foto: Gräßel

Doch wie kann man sicher sein, dass die Angebote, die es bereits im Landkreis gibt, auch ankommen? Und wie könnte man direkt und mittelbar Betroffenen zusätzliche Hilfestellungen geben? Das möchte Elmar Gräßel in einer groß angelegten, flächendeckenden Studie herausfinden. Der Leiter des Zentrums für Medizinische Versorgungsforschung am Universitätsklinikum Erlangen hat das Projekt „Digitales Demenzregister Bayern“, kurz digiDem Bayern, ins Leben gerufen. Im Idealfall genehmigt der Freistaat drei Jahre lang die Gelder für die Studie, die die Daten von bayernweit 2000 Patienten erfassen soll. Auch aus dem Landkreis als einem der großen Flächenlandkreise in Bayern sollen Betroffene für eine Teilnahme gewonnen werden.

Die Studie

  • Teilnehmer:

    Zum Aufbau des landesweiten Registers sucht digiDEM Bayern Kooperationspartner, die Menschen mit Demenz und deren Angehörige befragen. Folgende Personengruppen kommen für eine Teilnahme am Projekt in Frage: Menschen mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen, Menschen mit leichter oder moderater Demenz und pflegende Angehörige (Hauptpflegeperson des Menschen mit Demenz)

  • Partner:

    Orte, an denen Teilnehmer gewonnen werden sollen, sind unter anderem ambulante Pflegedienste, Beratungsstellen, Arztpraxen, Gedächtnisambulanzen, Tageskliniken und Rehabilitationseinrichtungen. Für die Befragung der Teilnehmenden erhalten die Kooperationspartner eine Aufwandsentschädigung. Sie werden unterstützt durch regionale Projektassistenzen und können einrichtungsspezifische Auswertungen erhalten.

  • Initiatoren:

    digiDEM Bayern bildet einen Verbund aus der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, dem Universitätsklinikum Erlangen und dem Innovationscluster Medical Valley Europäische Metropolregion Nürnberg.

  • Kontakt:

    www.digidem-bayern.de

„Das ist ein aktuelles Thema, das weite Teile der Gesellschaft auch bei uns betrifft“, sagt Landrat Franz Löffler. Das Landratsamt habe deshalb gerne als Mittler zwischen Gräßel, der auch Vorsitzender der Alzheimergesellschaft Mittelfranken ist, und den hiesigen Einrichtungen fungiert. „Im Landkreis leben schätzungsweise 2500 an Demenz Erkrankte“, rechnet Löffler bayernweite Zahlen auf die Landkreis-Bevölkerung herunter.

„Am Ende des Tages geht es darum, dass das Leben für alle lebenswert bleibt. Für Erkrankte und für Pflegende“, unterstreicht er. Die Digitalisierung könne helfen, Krankheit und Therapie zu erforschen, ist er überzeugt. „Unser Landkreis eignet sich als Gesundheitsregion plus hervorragend für eine Teilnahme an der Studie.“

Professor Dr. Elmar Gräßel, Leiter des Zentrums für Medizinische Versorgungsforschung am Universitätsklinikum Erlangen (2. von rechts), stellte das digiDEM Bayern vor. Mit im Bild seine wissenschaftlichen Mitarbeiter Andreas Nagel und Anna Kirchner, Landrat Franz Löffler (von links) und der Leiter der Gesundheitsregion Plus im Landkreis Cham, Peter Fleckenstein (rechts). Foto: Tanja Fenzl
Professor Dr. Elmar Gräßel, Leiter des Zentrums für Medizinische Versorgungsforschung am Universitätsklinikum Erlangen (2. von rechts), stellte das digiDEM Bayern vor. Mit im Bild seine wissenschaftlichen Mitarbeiter Andreas Nagel und Anna Kirchner, Landrat Franz Löffler (von links) und der Leiter der Gesundheitsregion Plus im Landkreis Cham, Peter Fleckenstein (rechts). Foto: Tanja Fenzl

Immerhin sollen am Ende digitalisiert Informationen für Betroffene abrufbar sein. Auch digitale Hilfsangebote sollen bereitgestellt werden. Und möglicherweise auch Empfehlungen dafür, welche Hilfsangebote im Landkreis noch fehlen oder welche verbessert werden können.

Beispiel: „Vielleicht stellt sich heraus, dass mehr Kurzzeitpflegeplätze benötigt werden. Oder dass Betroffene zu wenig über vorhandene Angebote wissen.“ Das würde dann bedeuten, dass man die Werbetrommel lauter rühren könnte. Gräßel: „Wir können Demenzen nicht abschaffen oder heilen.“ Doch die Ergebnisse der Studie sollten teilweise bis Ende 2021 bereitstehen und praxisorientiert sein.

Soziales

Eine hilfreiche Hand für Demenzkranke

Die Malteser bieten im Landkreis Cham für pflegende Angehörige Beratungen und regelmäßige Treffpunkte im „Demenz Cafe“ in Cham und Waldmünchen an.

Gräßel sucht für die Erhebung leicht bis mittelschwer Erkrankte: Menschen mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen, mit leichter oder moderater Demenz und pflegende Angehörige. Ausgenommen von der Studie sind ausdrücklich Menschen, die bereits in einer stationären Langzeiteinrichtung leben. Denn das Angebot soll letztendlich für ambulante Hilfe optimiert werden.

Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.digidem-bayern.de.

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