MyMz
Anzeige

Konzert

‚Freude schöner Götterfunken’

Bei Beethovens Neunter gab es stehende Ovationen für das OJO und den Projektchor aus Lehra und Mehra sowie JvFG-Schulchorsängern.
von Johann Reitmeier

  • Alle Mitwirkenden – vorne Dirigent Desar Sulejmani und 1. Geigerin Johanna Fante — Chor und Orchester, durften hochzufrieden den begeisterten Beifall entgegennehmen. Fotos: Johann Reitmeier
  • Ein gut aufgelegtes Solistenquartett sorgte zusammen mit dem stimmgewaltigen Chor für die erzählerischen Momente der „Ode an die Freude“.

Cham.Obwohl es ursprünglich nicht danach ausgesehen hat – zäher Kartenvorverkauf, andere Veranstaltungen – war der Andrang in der Chamer Klosterkirche dann doch gewaltig. Das dürfte wohl auf das anstehende Konzertereignis mit einem der allerwichtigsten Werke abendländischer Musik zu tun gehabt haben: Ludwig van Beethoven, Sinfonie Nr. 9, Op. 125 in d-Moll. Und mit ihrem Grad an Popularität, vor allem des Themas im 4. Satz: Schillers „Ode an die Freude“ – weltweit geläufig auch mit dem Kernsatz „Freude schöner Götterfunken“ als universelles Bekenntnis zu Menschlichkeit und zu Europa.

Und natürlich war man auch gekommen, um die Ausführenden dieses großen und in seiner Komplexität extrem anfordernden Werkes zu erleben. War mit dem Ostbayerischen Jugendorchester (gegründet vor gut 20 Jahren und vom Chamer Musikpädagogen Hermann Seitz über die Jahre so großartig entwickelt) und dem erweiterten Chamer Kultchor Lehra und Mehra doch ein gewisser lokaler Faktor für das Publikum interessant.

Der Wert des Musizierens

Der Hausherr in der Klosterkirche, Pater Peter Renju, sprach in seiner Begrüßung vom immensen Wert dessen, was das gemeinsame Orchester- und Chormusizieren allgemein, und für die Jugend im Besonderen, bedeutet. Im Ostbayerischen Jugendorchester (OJO) sitzen (fast) ausschließlich begabte junge Instrumentalisten aus dem ostbayerischen Raum an den Notenpulten, die an der Musikakademie Schloss Alteglofsheim bei Probenwochenenden mehrmals im Jahr an anspruchsvolle musikalische Projekte herangeführt werden. Auch wird der Laien-Chor Lehra und Mehra durch ausgewählte Mitglieder des Schulchores des Joseph-von-Fraunhofer-Gymnasiums unterstützt und werden diese so mit großen Werken der Musikliteratur vertraut gemacht. Beide – MusikerInnen und SängerInnen – erfahren auf diese Weise Gemeinschaft und, nicht zuletzt gerade heutzutage wichtig, wertvolles „europäisches Bewusstsein“ im Zusammensein mit Gleichgesinnten.

Zum Konzert: Der optische Eindruck, der sich dem erwartungsvollen Publikum bot, war schon mal imposant: Die Streicher – 1. und 2. Geigen, Kontrabässe, Celli, Bratschen, waren vor den Altarstufen platziert, darüber die Bläser angeordnet und in zentraler Position die Pauken. Und (während der Sätze 1-3 noch sitzend) die Phalanx der knapp 60 Sängerinnen und Sänger des Chores. Die Spannung stieg langsam aber sicher, dem Einstimmen folgte dann eine etwas kryptische Pause, bis der Dirigent des OJO, Desar Sulejmani, das Podium betrat und mit weit ausgreifendem Dirigat das Orchester in den 1. Satz führte.

Es ist bemerkenswert, wie sehr sich die jungen Leute in dieses Allegro - Un poco Majestoso hineinfanden. Wie sie diese expressive Dynamik hochkonzentriert angingen und ausspielten. Ein Blick in die jungen Gesichter zeigte deutlich, wie sehr alle dafür brennen, diesem immens schweren, vielgestaltigen Werk zu genügen. Wie sie andererseits aber die Seriosität dafür haben.

Wunderschön transparent kamen die gestaffelten Einsätze zu Beginn des Molto Vivace, das ungeheuer Fahrt aufnahm, vom vitalen Dirigenten und dem (ausgezeichneten) Pauker kräftig befeuert. Wiederum war der sinfonische Grundgedanke vordergründig. Die Absicht Beethovens, den 3. Satz Adagio molto e Cantabile wie eine Welt des Friedens zu musizieren, wurde ebenso sensibel und stimmungsvoll schwebend umgesetzt, wie das so junge Orchester andererseits die mächtigen, schnellen Passagen des Kopf- und Schlusssatzes mit eindrucksvoller Leidenschaft und beachtlichem Einfühlungsvermögen bewältigten.

Der vierte Satz, Presto-Allegro assai: Mit einem infernalischen Auftakt aller Bläser begann er, dramatisch konterkariert von den Bässen – auch hier wieder dieser runde, aber gleichzeitig differenzierte Klang, wiederum werden alle Möglichkeiten des großartigen Instrumentierers Beethoven verinnerlicht. Erstmals intoniert das gesamte Orchester die Melodie, die diesen Schlusssatz zum vielleicht berühmtesten der gesamten Musikgeschichte macht.

Klasse Gemeinschaftsleistung

Mit dem Rezitativ des voluminösen Baritons beginnt jetzt der sängerische Part: Chor, Sopran, Alt, Bariton und dann auch der Tenor bringen das zur Zeit der Uraufführung im Mai 1823 unerhörte Moment des Gesanges in einer Sinfonie hinein. Dies tat mit Verve der von Andreas Ernst vorbereitete erweiterte Chor stimmgewaltig, hochpräzise in den Einsätzen und ebenfalls in der packenden Dynamik – und mit umwerfenden Enthusiasmus. Die Solisten rechtfertigten ausnahmslos die Vorschusslorbeeren, die ihnen zugedacht waren. Gewaltige Anforderungen an den Chor bringen vor allem die Höhen mit.

Das Zusammenwirken von Chor, Solisten und dem Orchester steigerte sich im Verlauf dieses vierten Satzes zu einem gewaltigen festlichen Fanal der Freude und der überbordenden Leidenschaft für die große Musik Ludwig van Beethovens – was letztendlich diese tiefreichende grandiose Wirkung auf die Menschen ausmacht.

Nach dem opulent festlichen Schlussakkord herrschte einen langen Moment ergriffene Stille, bevor der Applaus des Publikums losbrach – der Dirigent würdigte die einzelnen Register, die Solisten und den Chor, jeweils heftigst „stehend“ frenetisch beklatscht.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht