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Gesellschaft

Gegen Gaffer: Kinder lernen Erste Hilfe

Schon Kindergartenkinder können stabile Seitenlage. Im BRK-Programm „Trau dich“ lernen sie Notfallmaßnahmen
Von Tanja Fenzl

Luca verbindet Maximilian den Ellbogen mit einem Wundverband. Kleine herausgeschnittene Ecken sorgen dafür, dass er sich optimal an das Gelenk anpasst.Foto: tf
Luca verbindet Maximilian den Ellbogen mit einem Wundverband. Kleine herausgeschnittene Ecken sorgen dafür, dass er sich optimal an das Gelenk anpasst.Foto: tf

Cham. „Wir wollen später viele Ersthelfer, keine Gaffer“, sagt Stefan Raab. Der Ausbildungsleiter des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) Cham freut sich, dass immer mehr kleine Kinder bereits lernen, wie ein Verband angelegt wird, oder wie sie im Notfall Hilfe herbeitelefonieren können. Das Programm „Trau dich“, das das BRK im Landkreis seit ungefähr zehn Jahren anbietet, boomt. „Die Tendenz ist Gottseidank auch bei uns seit einer Weile steigend“, sagt Raab. „In den USA ist es schon Standard, den Kindern möglichst früh zu zeigen, wie sie Erste Hilfe leisten können.“ Vier Ausbilder sind speziell geschult, um Kindergarten- und Grundschulkinder im Landkreis Cham altersgerecht in Erster Hilfe zu unterrichten.

Die drei A‘s: Atmung prüfen, Ansprechen, Anfassen. Simon und Vinzenz haben gut aufgepasst.Foto: tf
Die drei A‘s: Atmung prüfen, Ansprechen, Anfassen. Simon und Vinzenz haben gut aufgepasst.Foto: tf

Maximilian, Luca, Simon und ihre Vorschulfreunde vom Kindergarten Altenmarkt sind die neuesten jungen Ersthelfer. Elf Buben und Mädchen im Alter von knapp sechs bis sieben Jahren sitzen auf kleinen Bänken im Turnraum und lassen sich von Notfallsanitäter Klaus Scherr zeigen, wie sie eine Fingerwunde optimal verbinden können.

Das perfekte Pflaster

Angestrengt schneiden sie aus einem Stück Wundverband kleine Dreiecke heraus, damit sie das Pflaster am Ende perfekt um die Fingerkuppe des Nachbarn kleben können. Als der 57-jährige Tiefenbacher den Kindern zuvor erklärt hat, was er mit ihnen zwei Tage lang jeweils zwei Stunden lang einüben möchte, sind die Kinder gleich voll bei der Sache. „Mein Bruder hat sich schon einmal mit der Schere geschnitten“, „Meine Schwester hat sich schon mal ein großes Aua gemacht und hat fest geblutet“, „ich war schon mal im Krankenhaus“, teilen die Kleinen ihre Erfahrungen mit verletzungen mit den anderen. Sofort leuchtet ihnen ein, wie toll es wäre, wenn sie im Notfall selbst helfen könnten. „Keiner ist zu klein, um Helfer zu sein“, teilt ihnen Scherr das Motto des Kurses mit. Stabile Seitenlage? Wer glaubt, damit würden Vorschulkinder überfordert, täuscht sich schnell. Nach einer Viertelstunde beherrschen alle Kinder das, was manchen Erwachsenen Probleme bereitet.

Am Ended es Kurses gibt es für die kleinen Ersthelfer Urkunden.Foto: tf
Am Ended es Kurses gibt es für die kleinen Ersthelfer Urkunden.Foto: tf

Erste Hilfe für Kinder

  • Programm:

    Das BRK-Ausbildungskonzept „Trau dich“ wendet sich bereits an Kinder ab drei Jahren. Die Kinder lernen Erste-Hilfe-Maßnahmen, Unfallvermeidung und das richtige Verhalten im Ernstfall, einschließlich dem Absetzen eines Notrufs.

  • Teilnehmer:

    Im vergangenen Jahr fanden im Landkreis Cham rund 25 Trau-dich-Kurse für Kindergartenkinder statt. Etwa 300 Buben und Mädchen nahmen daran teil. Dazu kommen noch einmal rund 225 Grundschüler, die die Juniorhelfer-Ausbildung absolvierten.

  • Kosten:

    Das Projekt ist auf die Zukunft ausgerichtet. Fünf Euro Unkostenbeitrag pro Kind sollen dafür sorgen, dass kostendeckend gearbeitet werden kann. „Meistens übernimmt der Elternbeirat diese Kosten“, so die Erfahrung von Stefan Raab.

  • Anmeldung:

    Kindergärten oder Schulen, die an dem Programm teilnehmen möchten, können sich an BRK-Ausbildungsleiter Stefan Raab oder seine Kollegin Annemarie Auer wenden, Tel. (09971) 85 00 16. Am Ende des Kurses bekommen die Kinder Urkunden überreicht.

„Natürlich erklärt man den Kindern die Sachen anders, aber sie lernen schnell. Zu zweit können auch kleine Kinder sogar einen Erwachsenen in die Seitenlage drehen“, sagt Scherr. Bei der nächsten Übung zeigt er den Kindern, wie sie mit jemandem, der ohnmächtig ist, umgehen. Atmung kontrollieren, Ansprechen, Anfassen, die drei A‘s können sich auch Sechsjährige bereits gut merken. Den Kindergartenfreund mit einem Verband einwickeln, macht natürlich sowieso ziemlich viel Spaß und kostet Scherr einige Rollen Verband. „Viele üben daheim mit den Eltern und Geschwistern, das erzählen viele Kinder am zweiten Tag“, grinst Scherr. Doppelter Vorteil des Programms: Auch die Familienangehörigen daheim werden durch den Kindergartenkurs wieder einmal mit Erste-Hilfe-Maßnahmen konfrontiert.

Michael legt Luca einen Verband an.Foto: tf
Michael legt Luca einen Verband an.Foto: tf

Doch nicht nur um die Erstversorgung geht es in dem Kurs, auch Unfallvermeidung und -vorbeugung steht auf dem Programm. Die Kinder lernen, dass sie mit heißem Wasser besonders vorsichtig umgehen müssen, dass sie beim Hochklettern aufpassen sollen und vieles mehr. Und auch, wie sie einen Notruf absetzen, steht auf dem Lehrplan. Die Notrufnummer 112 haben die Jungs und Mädels bereits in kürzester Zeit parat.

Selbstbewusstere Kinder

Stefan Raab ist ein großer Fan des Trau-dich-Programms. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Kinder viel lockerer mit allem, was mit einem Notfall zu tun hat, umgehen. Zum Beispiel, wenn sie selbst Hilfe brauchen und der Sanka kommt. Wir stellen fest, das Kinder, die schon einen Kurs gemacht haben, viel weniger Angst haben. Die Kurse fördern auch das Selbstbewusstsein.“ Die Kinder seien stolz darauf, dass sie nicht so hilflos sind, wenn einmal etwas passieren sollte. Und natürlich hoffen die Verantwortlichen darauf, dass Kinder, die schon früh mit Erste-Hilfe-Maßnahmen konfrontiert wurden, später dabei bleiben.

Klaus Scherr zeigt den Kindern noch einmal, wie stabile Seitenlage funktioniert. Foto: tf
Klaus Scherr zeigt den Kindern noch einmal, wie stabile Seitenlage funktioniert. Foto: tf

In Altenmarkt zeigen die Kinder am zweiten Tag noch einmal das ganze Gelernte an einem Stück. Die drei A‘s, einen Notruf absetzen, eine Wunde verbinden, den Verletzten in die stabile Seitenlage bringen und sich weiter um ihn kümmern. Der „Verletzte“ Luca grinst zu seinen Ersthelfern Simon und Vinzenz empor. Die Hilfsmaßnahmen sind kitzlig. Kein Ernstfall. Aber ziemlich viel Spaß.

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