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Reise

Gemeinsam musizieren für bessere Welt

Das Ostbayerische Jugendorchester ist zurück aus dem Kongo – mit zahlreichen neuen Erfahrungen und der Ansicht, dass es so nicht weitergehen kann.
Von Christoph Klöckner

  • Musik bringt Menschen zusammen, bewegt und überschreitet Grenzen: Stephane, der Sousaphone-Spieler, und Julia, die Sängerin des OJO, in Kinshasa.
  • Unendliches Häusermeer in der Millionenstadt Kinshasa. So sieht es um das Projektzentrum der Espace Masolo aus.
  • Wie geht das mit dem Rhythmus und der Trommel? Manches kann man von einander lernen.
  • Probe auf der Straße: die Kinder hören zu, während die Ostbayern aufspielen. Fotos:David Kasperowski
  • Hermann Seitz in der typischen Jacke von Espace Masolo und mit Produkten aus dem Sozialprojekt aus Kinshasa.

Cham.Der Junge liegt am Boden. Nur eine Decke drunter und drüber, kein Bett. So liegen alle 30 abends im Raum – die verstoßenen Kinder im Kongo. Nur, der Junge, den Hermann Seitz gerade beobachtet, hat sein Handy am Ohr. Horcht auf das, was ihn schon am Tag zuvor fasziniert hat. Die Botschaft einer Hoffnung auf ein anderes Leben, ein besseres für den jungen Kongolesen. Es sind die Klassiker von Bach oder Händel, die er sich immer wieder anhört, mitsummt. Musikalisches Neuland.

„Es hat sich gelohnt!“

Als Hermann Seitz das sieht, weiß er, dass er nicht vergebens mit seinem Orchester im Kongo ist. Nicht aus wirtschaftlichen Gründen, nicht als exotisches Event, nicht als Tourist – sondern als Botschafter des Herzens, der mit Musik Distanz überwindet und in den Köpfen der Jugendlichen und Kinder – ob aus Ostbayern oder aus Kinshasa – etwas bewegt hat. „Es hat sich gelohnt“, sagt Seitz in dem Moment zu sich selbst. Vorher waren da noch Zweifel, ob der Aufwand, mit 29 Musikern, Dozenten und Begleitern von Ostbayern aus für neun Tage in den Kongo zu reisen, um dort Musik zu machen, gerechtfertigt ist.

Was da bei dem Jungen passiert ist und was er ein weiteres Mal am nächsten Tag beobachtet, ist das, was er sich tief im Inneren gewünscht hat, sagt der Chamer Musiklehrer: „Junge Leute lernen sich kennen, machen zusammen Musik und bauen an einer neuen Welt!“ Das Orchester und er sind am 25. August gesund zurück in der Heimat – dem Tag, als die ersten zwei Ebola-Fälle in der Republik Kongo gemeldet werden. Kongo hat Erfahrung im Umgang mit dem Virus: Es handelt sich bereits um den siebten Ausbruch in den vergangenen 40 Jahren. Das deutsche Auswärtige Amt warnt dennoch und auch vor Reisen in den Osten des afrikanische Landes, wo Rebellen kämpfen.

„Das alles ist weit weg“, sagt Seitz. Das Sozialprojekt für Straßenkinder Espace Masolo, das Anlass für den Besuch der Bayern in Afrika ist, ist in der Millionenstadt Kinshasa beheimatet. Millionenstadt ist dabei flexibel – genau weiß keiner, wie viele Menschen in der Hauptstadt leben. Mal werden sechs, mal 15 Millionen geschätzt.

„Heftiger als erwartet“

Mit einem uralten Bus ohne Scheiben kommen die Ostbayern über rumpelige, unbefestigte Straßen vom Flughafen dort an. Scheinbar unendlich erstrecken sich die geduckten, eingeschossigen Häuser in dem Viertel. Kleine Geschäfte sind dazwischen, Verkaufs- und Essensstände. Das Leben findet auf der Straße statt.

„Es war heftiger, als wir erwartet haben“, so Seitz und meint damit die Einfachheit der Lebenswelt, bedingt durch die Armut der Menschen. Ein Grund dafür sei die miserable Ausbildungssituation, sagt Seitz. Dabei ist das Viertel, wo sie ihre Zelte aufschlagen, kein „Slum“ – die Wellblechhütten oder Autowracks, in denen Menschen wohnen, hat Seitz in Kinshasa auch gesehen. So einfach das Drumherum ist, mit regelmäßigen Stromausfällen, chaotischem Verkehr mit völlig überfüllten Kleinbussen, offenen Abwasserkanälen, Müll entlang der Straße oder fehlendem, fließenden Wasser, um so herzlicher ist der Empfang durch die Menschen, beschreibt Seitz. Die seien trotz allem voller Lebensmut, die Frauen schön und bunt gekleidet und mit aufrechtem Gang. Schnell finden die Jugendlichen Wege der Verständigung – auch ohne gemeinsame Sprache. Landestypisches Essen wie geröstete Raupen, Antilopenfleisch oder Maniok dürfen die Gäste genießen. Oder, lassen die typisch-bunten Kleider nähen und spielen zusammen Brettspiele. Die Bayern fühlen sich wohl und willkommen.

Dann wird Musik gemacht. Man probt gemeinsam auf dem Platz vor Espace Masolo, spielt Open-air-Konzerte für das Publikum des Viertels. Heraus kommt Musik mit viel europäisch-afrikanischer Klangfarbe. Das Ganze habe eine große Bandbreite gehabt – teils „frei vagabundierend“, aber passend, so Hermann Seitz. Touristen verirren sich im übrigen selten nach Kinshasa. Nur fünf Weiße habe er die neun Tage dort gesehen, sagt Seitz. Weiße seien eine Rarität und würden von Kindern mit „Mundele, Mundele“-Rufen angekündigt. „Doch trotz dieser anderen Welt haben wir sehr viel mit den Menschen dort gemeinsam. Träume, Ideen oder auch die Liebe zur Musik, die uns zusammengebracht hat“, beschreibt Lukas Deutscher, der OJO-Fagott-Spieler. Beide Seiten hätten profitiert. Und: „Es freut einen, wenn man am Morgen nach dem Konzert hört, wie die Kinder unsere Melodien pfeifen.“

Die OJO-Reisenden haben einen Aufruf verfasst, dessen Motto der 1. Sekretär des deutschen Botschafters in Kongo, Dr. Becker, beim Empfang der Gruppen anklingen ließ: „Sie kommen hierher, lernen sich kennen, musizieren zusammen, knüpfen Freundschaften und bauen auf diese Weise an einer neuen Welt.“

Der Appell im Wortlaut

„Wir, 21 junge Musikerinnen und Musiker aus Ostbayern, waren vom 13. bis 25. August 2014 in Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo in Zentralafrika, um mit ehemaligen Straßenkindern zu musizieren. Wir haben gemeinsam geprobt und gemeinsam Konzerte gegeben. Wir haben in ganz einfachen Unterkünften gewohnt, um die Lebensverhältnisse der Menschen hautnah an uns heranzulassen. Die Begegnungen waren herzlich und freundschaftlich, doch war auch die bedrückende Armut ständig präsent. Sie ist vor allem der Grund dafür, dass in Kinshasa mindestens 20 000 Kinder und Jugendliche auf der Straße leben müssen.

Aufruf: Die wirtschaftlichen Zusammenhänge sind weltweit. Auch wir hier in Europa haben Einfluss-möglichkeiten, die Armut in anderen Regionen der Welt zu lindern.

Auf dem Hintergrund unserer Erfahrungen rufen wir deshalb die „Verbraucher“ auf, Lebensmittel wie z. B. Kaffee, Kakao, Fruchtsäfte, Gewürze, Wein aus fairem Handel zu kaufen; beim Kauf von Kleidung darauf zu achten, dass sie unter menschenwürdigen Bedingungen hergestellt werden; die Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik dazu auf, darauf hinzuwirken, dass bei Lebensmitteln und Rohstoffen, mit denen sie handeln, entlang der gesamten Lieferkette angemessene Sozialstandards eingehalten werden.

Dafür erheben wir unsere Stimme! (Lea Arbinger, Deggendorf; Raphael König, Passau; Stefan Binder, Innernzell; Florian Kraus, Grafling; Lena Brandt, Fürth; Michael Lakota, Fürstenzell; Roman Chwalinski, Weiden; Laura-Fabienne Mauerer, Roding; Lukas Deutscher, Schierling; Lea Pommer, Deggendorf; Johanna Fante, Dingolfing; Tommes Rute, Illschwang; Matthias Hanke, Cham; Florian Schröter, Cham; Benedikt Heggemann, Regensburg; Matthias Stadler, Wolnzach; Maria Hofbauer, Deggendorf; Amelie Staudhammer, Niederalteich; David Huml, Hengersberg; Julia Wagner, Weiden; Hermann Seitz, Chammünster)

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