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Region Cham
Freitag, 22. Juni 2018 16° 6

Naturschutz

Grün kaputt – oder doch nicht?

Alljährlich fallen Gebüsch und Baum am Wegesrand. Pflege, sagen die einen, Kahlschlag nennen es andere. Was ist es nun?
Von Johannes Schiedermeier

Einer der Brennpunkte im Landkreis ist eine Abholzungsaktion nahe Chameregg. Anwohner sind sauer über den Umfang. Die Untere Naturschutzbehörde im Landratsamt sieht keinen Gesetzesverstoß. Der Landwirt sagt, dass die Hälfte des Holzes von anderen Stellen stammt. Foto: Schiedermeier
Einer der Brennpunkte im Landkreis ist eine Abholzungsaktion nahe Chameregg. Anwohner sind sauer über den Umfang. Die Untere Naturschutzbehörde im Landratsamt sieht keinen Gesetzesverstoß. Der Landwirt sagt, dass die Hälfte des Holzes von anderen Stellen stammt. Foto: Schiedermeier

Cham.Der Ärger ist groß und wiederholt sich seit Jahren zum Ende des Winters, kurz bevor am 28. Februar die Schonfrist für Busch und Baum am Wegesrand gesetzlich beginnt. Bis dahin wird geholzt, was das Zeug hält und die Meinungen prallen aufeinander: „Da steht nichts mehr – alles weg“, sagen die Anwohner. „Da steht doch was. Ich hab das extra übriggelassen“, sagt der Landwirt. „Regelgerecht auf den Stock gesetzt, aber wir hätten da schon einen Vorschlag zur Güte“, sagt die Untere Naturschutzbehörde.

Jüngstes Beispiel: Oberhalb von Chameregg hat der Landwirt Thomas Ruhland sich vom Stadtbauhof in Cham die Erlaubnis geholt, Gehölz zu pflegen, das ihm seit Jahren von städtischen Wegrändern aus in die Felder hängt und das auch getan. Und zwar gründlich.

„Alles weg!“ – „Noch was da!“

Anlieger haben sich darüber beschwert. Auch auf dem Schreibtisch der Redaktion landete diese Beschwerde. „Da ist alles weg. Wir erklären den Kindern, dass man keine Palmkätzchen abreißt und da liegen sie nun abgeholzt kubikmeterweise am Wegesrand. Was nützt es, wenn ab 28. Februar nichts mehr abgeholzt werden darf, damit die Vögel nicht beim Brüten gestört werden, wenn da nichts mehr ist, wo sie brüten können?“

Landwirt Thomas Ruhland versteht die Welt nicht mehr: „Da steht doch noch was. Ich bin jetzt alt genug, um zu wissen, wie man es macht, dass ein Strauch anschließend wieder hoch kommt“, sagt der altgediente Landwirt aus Schlondorf und hätte sich gewünscht, dass man sich direkt bei ihm beschwert.

Da steht nichts mehr, sagen die Anwohner. Da steht doch was, sagt der Landwirt. Regelgerecht auf den Stock gesetzt, sagt das Landratsamt. Foto: Schiedermeier
Da steht nichts mehr, sagen die Anwohner. Da steht doch was, sagt der Landwirt. Regelgerecht auf den Stock gesetzt, sagt das Landratsamt. Foto: Schiedermeier

Aber viel steht da nicht mehr, oder? Ruhland sieht das anders. „Ich habe die mittelgroßen Bäume stehen lassen. Auf denen brüten die Vögel am liebsten. Wenn die wieder hoch sind, schneide ich sie ab und lasse die stehen, die jetzt klein sind. Die Sträucher sind so geschnitten, dass sie wiederkommen.“ Aber warum hat er gleich so viele Sträucher so massiv auf den Stock gesetzt? „Im Grunde müsste der Stadtbauhof das machen, weil die Wege der Stadt gehören. Der Bauhofleiter hat aber gesagt, dass sie keine Zeit haben. Und da habe ich angeboten, das selbst zu machen“, sagt Ruhland. Ablaufgraben und Wasserrückhaltebecken habe er auch gleich freigemacht.

Die Anlieger haben sich im Landratsamt bei der Unteren Naturschutzbehörde beschwert, bestätigt Pressesprecher Friedrich Schuhbauer. In einer Stellungnahme an unser Medienhaus heißt es von dort: Ein Mitarbeiter sei am 15. Februar vor Ort gewesen. Es handle sich um Gehölzpflegearbeiten an „Straßenbegleitgrün“, das im Regelfall künstlich angelegt sei. Dabei handle es sich in der Regel auch nicht um gesetzlich geschützte Biotope. Die Pflegemaßnahme sei in der zulässigen Zeit durchgeführt worden. Abschnitte seien „auf Stock“ gesetzt, größere Bäume zum Teil erhalten. Die Krautschicht und der Jungwuchs in den Gehölzstreifen seien vollständig, so dass eine Verjüngung gesichert ist.

„Kein Verstoß ersichtlich“

Ein Verstoß gegen besonderes Artenschutzrecht sei ebenfalls nicht ersichtlich. Auf die Frage nach den geschnitten Palmkätzchen heißt es: „Die Salweide unterliegt nur dem allgemeinen Artenschutz. Danach kann sie bei Vorliegen eines vernünftigen Grundes (hier Pflegearbeiten) von ihrem Standort entnommen werden.“ Selbstverständlich sei es aus fachlicher Sicht wünschenswert, wenn ein guter Bestand der Salweide mit ihren Palmkätzchen im Frühjahr für Bienen und Insekten zur Verfügung stehe.

Kommentar

Der irritierte Anwohner

Das Begleitgrün heißt so, weil es sinnigerweise Straßen und Wege begleitet. In den letzten Wochen sind wir Autofahrer und Fußgänger so manche Begleiter...

Die Salweide (im Volksmund Palmkätzchen) unterliegt nur dem allgemeinen Artenschutz und darf bei vVorliegen eines vernünftigen Grundes (Pflegemaßnahmen) entnommen werden, sagt der Naturschutz. Schon passiert! Foto: Schiedermeier
Die Salweide (im Volksmund Palmkätzchen) unterliegt nur dem allgemeinen Artenschutz und darf bei vVorliegen eines vernünftigen Grundes (Pflegemaßnahmen) entnommen werden, sagt der Naturschutz. Schon passiert! Foto: Schiedermeier

Wie geht der Landkreis entlang seiner Straßen vor? Dazu erklärt der Pressesprecher: „Hier ist entscheidend, dass Anpflanzungen entlang von Straßen Bestandteil des Straßenkörpers und kein gesetzlich geschütztes Biotop sind. Das unterscheidet sie rechtlich von Hecken in der freien Natur.“

Für Gehölzpflegearbeiten ist das Bundesnaturschutzgesetz zu beachten. So ist verboten, vom 1. März bis zum 30. September Bäume außerhalb des Waldes, Hecken, Gebüsche und Gehölze abzuschneiden oder auf den Stock zu setzen. Die bei Gehölzpflege anfallende Biomasse soll als nachwachsender Rohstoff verwertet werden. Die Untere Naturschutzbehörde empfiehlt bei „auf Stock setzen“, sich auf ca. ein Drittel des Bestandes zu beschränken.

Im Moment können Gehölzpflegemaßnahmen auf die Anlieger manchmal „irritierend“ wirken, räumt der Naturschutz ein. Die Pflege begünstige jedoch eine schnelle Regeneration der Bestände. Rechtzeitige Information von Anliegern könne entscheidend sein für deren Akzeptanz. Es empfehle sich, vor Pflegemaßnahmen die Naturschutzbehörden zu beteiligen.

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