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Bildung

Handy-Verbot in Schulen auf der Kippe

Dürfen Schüler bald selbst entscheiden, ob sie das Handy in der Pause zücken? Die Diskussion fällt in Cham kontrovers aus.
Von Michael Gruber

Nach Schulschluss darf das Smartphone wieder eingeschaltet werden: Das würden sich Julia und Sebastian auch während der Pausenzeiten am Robert-Schuman-Gymnasium wünschen. Nach den Plänen von Kultusminister Bernd Sibler soll das künftig möglich werden. Foto: Gruber/Tobias Hase/dpa
Nach Schulschluss darf das Smartphone wieder eingeschaltet werden: Das würden sich Julia und Sebastian auch während der Pausenzeiten am Robert-Schuman-Gymnasium wünschen. Nach den Plänen von Kultusminister Bernd Sibler soll das künftig möglich werden. Foto: Gruber/Tobias Hase/dpa

Cham.Ein Wisch nach rechts, ein Wisch nach links. Kurz noch mal die Herzchen zählen auf Instagram und der Freundin auf WhatsApp antworten. Im Schnitt blicken die Deutschen 88 Mal am Tag auf ihr Smartphone, wie eine Nutzerstudie ergab. Wobei niemand so häufig den Daumen am Bildschirm hat wie Kinder- und Jugendliche – mit einer Ausnahme. In der Schule mussten die Handys bisher ausgeschaltet bleiben.

Geht es nach den Plänen der bayerischen Staatsregierung, soll dieses strikte Handy-Verbot nun gelockert werden. Schulen sollen künftig selber entscheiden dürfen, ob sie die private Nutzung auf ihrem Schulgelände erlauben oder nicht, kündigte Kultusminister Bernd Sibler an. Bisher durften Schüler ihrer Handys nur mit Zustimmung eines Lehrers einschalten, genauso erlaubt war die Nutzung von Smartphones zu Unterrichtszwecken.

Der Messenger bimmelt weiter

Was Chamer Schüler davon halten? „Find ich super, die Idee“, sagt Julia, „dann müssen wir nicht mehr heimlich aufs Handy schauen.“ Vor einem Jahr wechselte die 18-jährige von der Realschule in Roding zu den Chamer Schumanisten, wo sie ihr Abitur machen will. So wie bei ihren Mitschüler bleibt ihr Handy auf dem Pausenhof meistens an – auch wenn ihnen das Verbot bekannt ist. „Da kommt es ganz auf den Lehrer an, ob es Ärger gibt“, sagt die Schülerin. Von einer offiziellen Erlaubnis auf dem Pausenhof erhofft sich Julia vor allem eine Sache: „Deine Nachrichten willst Du auch in der Schule checken. Wenn Du das in der Pause darfst, passiert's nicht mehr so oft im Unterricht. Da stört's ja manchmal wirklich.“

Von einer möglichen Lockerung des Verbots verspricht sich auch Antonia Seidl ein paar Meter weiter oben auf dem Schulberg einen Vorteil. „Inzwischen ist es so, dass eine Mehrheit der bayerischen Schüler für eine private Handynutzug am Schulgelände ist“, sagt die Schülersprecherin des Fraunhofer-Gymnasiums mit Verweis auf die vergangenen Treffen der bayerischen Schülervertretung. In ihren Augen könne damit auch das Phänomen von Cybermobbing mit der Aufnahme von Fotos oder Videos eingegrenzt werden: „Durch die offene Nutzung ist auch die Kontrolle besser möglich“, findet Seidl.

Ihr Schulleiter Dr. Hubert Balk ist ähnlich aufgeschlossen, wenn es um die Lockerung des bestehenden Handy-Verbots geht. Schüler des Fraunhofer-Gymnasiums dürfen in der Bibliothek, im Sekretariat oder in der Pausenhalle ihr Smartphone privat nutzen – vorausgesetzt, ein Lehrer erteilt ihnen die Erlaubnis dazu. „Es ist in meinen Augen längst überfällig, den Schulen bei der Frage der Handy-Nutzung mehr Spielräume zu geben“, sagt Balk. Die Aufhebung des Verbots während der Unterrichtszeiten sei allerdings nur dann sinnvoll, wenn das Gerät auch gezielt für den Lernprozess eingesetzt werden kann, etwa zur Recherche oder für spezielle Lern-Apps in den Naturwissenschaften.

Schwarzer Peter für die Schule

Weniger Begeisterung für den Vorstoß des Kultusministers zeigt die Schulleitung der Maristen-Realschule. „Die Staatsregierung schiebt jetzt uns den schwarzen Peter zu“, findet Konrektor Christian Haringer. Mit der einheitlichen Regelung, wie sie bisher galt, seien sowohl die Lehrer, Eltern und die Schüler in seiner Schule glücklich gewesen. „Wenn die Schulen jetzt selbst über das Handy-Verbot entscheiden dürfen, klingt das zwar nach mehr Freiheit. Allerdings weckt das unter den Schülern Begehrlichkeiten. Nach dem Motto: Wenn die Nachbarn das dürfen, wollen wir das jetzt auch.“ Bei den Maristen soll es auch im Fall einer Lockerung des Verbots weitergehen wie bisher. Handys bleiben aus in der Schule. Ausnahmen gibts nur mit Einwilligung der Lehrer, etwa wenn ein Schüler sich krank fühlt und mit den Eltern telefonieren möchte. Oder im Geografie-Unterricht – zum Kennenlernen von GPS und Kartographie.

Außerdem kann die Handy-Auszeit in der Schule ja auch einen willkommenen Nebeneffekt haben: „Dann reden die Schüler wenigstens in der Pause miteinander, statt ständig auf den Bildschirm zu schauen“, meint Rektor Johann Pongratz von der Mittelschule Cham. Für das bestehende Handy-Verbot zeige inzwischen ein Großteil seiner Schüler Akzeptanz, weshalb auch seine Schule am bisherigen Kurs festhalten wolle. Nach den Plänen von Kultusminister Bernd Sibler sollen die einzelnen Schulen eine mögliche Lockerung des Verbots im Schulforum diskutieren und diese Idee findet vor allem in Roding Anklang. Christina Beck, stellvertretende Schulleiterin, möchte sich jetzt jedenfalls noch nicht festlegen, welchen Weg die Konrad-Adenauer-Schule hier einschlägt. „Hier möchten wir uns mit Lehrern, Eltern und Schülern erst einmal an einen runden Tisch setzen.“

Lesen Sie hier ein Interview mit Medienexpertin Birgit Zwicknagel

Frau Zwicknagel, als Beraterin von „clever-ins-netz.de“ bringen Sie Schülern jeden Tag bei, richtig mit neuen Medien umzugehen. Was halten Sie von einer Lockerung des Handy-Verbots?

Ich glaube nicht, dass wir jetzt schon bereit sind dafür. Wir stehen mit der Erziehung beim Umgang mit den neuen Medien erst am Anfang. Es gibt noch so viel Halbwissen beim Umgang mit dem Internet und das nicht nur unter den Schülern, sondern auch unter den Erwachsenen und Lehrern.

An was denken Sie bei diesen Punkten konkret?

Birgit Zwicknagel
Birgit Zwicknagel

Das fängt an mit Themen wie Cybermobbing und Sexting und hört auf mit Fragen des Medienrechts bei der Veröffentlichung und dem Download von Bildern oder Videos. Hinzu kommt die neuen Datenschutzverordnung der EU, in der ebenso viele Regelungen hinzukommen. Wo es noch weniger Sinn macht, ist die Erlaubnis an Grundschulen. Über die Nutzung eines Smartphones sollte man frühestens ab der siebten Klasse reden.

Was muss passieren, damit die Zeit reif für die private Handy-Nutzung an Schulen ist?

Die Aufklärung über einen verantwortungsvollen Umgang mit den neuen Medien muss an den Schulen intensiviert werden, vor allem müssen aber auch die Eltern und die Lehrer dabei mit eingebunden werden. Das gilt sowohl für die rechtlichen Aspekte als auch für die Probleme, die sich für die Jugendlichen beim Austausch in den sozialen Medien oder anderen Plattformen ergeben. Ich vergleiche das gerne mit dem Führerschein ab 17 Jahren: Da muss derjenige, der die Jugendlichen am Beifahrersitz begleitet, auch wissen, wie man ein Auto fährt und warum es überhaupt fährt.

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