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Geschichte

Holz und Harz für ein ganzes Leben

Fred Ganswind wuchs in Miltach auf. Die Zeit im Sägewerk Dattler prägte ihn. Für die MZ und seinen Sohn erinnert er sich.
Von Fred Ganswind

So, wie es für viele Waldbauern im Landkreis Cham bis heute der Fall ist, drehte sich bei den Dattlers in Miltach lange Jahre alles ums Thema Holz. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa
So, wie es für viele Waldbauern im Landkreis Cham bis heute der Fall ist, drehte sich bei den Dattlers in Miltach lange Jahre alles ums Thema Holz. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Miltach.Diese Artikelserie ist für Fred Ganswind mehr als eine Aneinanderreihung von Erinnerungen, Fakten oder Berichten. Für sie ist es eine Herzensangelegenheit. Ja, für den 77-Jährigen ist das Ganze sogar so etwas wie ein Nachlass – für seinen Sohn, der wie er in Baden-Württemberg lebt und erfahren soll, wie sein Vater einst aufwuchs. Als Flüchtlingskind aus Ostpreußen, das Ende April 1945 mit seiner Mutter nach einer 2000 Kilometer langen Odyssee in Miltach gestrandet und im Wohnhaus des Sägewerksbesitzers Andreas Dattler eingezogen war. Über die Anfänge der Familie im Dattlerhaus und das Unternehmen seiner „Herbergsväter“ hatte Ganswind im ersten Teil seiner neuen Serie erzählt. Heute nimmt er seine Leser „mit auf die Reise eines Baumes aus dem Wald bis hin zum fertigen Brett“.

Die Anlieferung der Bäume im Sägewerk Dattler erfolgte über Bauern, die einen Wald hatten, zum Beispiel aus Anzenberg. Ganz früher brachten Pferde und Wagen die Holzstämme, später Lastwagen. Abgeladen wurden die Bäume am Straßenrand der Perlbachstraße vor dem Haus der Holzfurtners, weiter beim Schneider Gangerl bis zum Dattlerhaus und zusätzlich auch am Ufer des Perlbachs entlang.

Eisen vom Röhrl Schmid

Historie

Duft von Holz und Heimat in Miltach

Fred Ganswind lebt in Baden-Württemberg. Er hängt sehr an seiner Bayerwald-Heimat – und erinnert an das Sägewerk Dattler.

Das Ehepaar Holzfurtner, Emma und Xaver, befreite die Bäume von der Rinde. Dies geschah mit einem Baumschäler, einer Stange, die vorne mit einem schweren, scharfen Stahlspachtel versehen war. Zuvor brachte man den Baum mit einem Haken („Hoang“), der an einem langen Stiel befestigt war, in die gewünschte Position. Diese Eisenmaterialien, Haken und Spachtel, lieferte der im Dorf bekannte Röhrl Schmid. Die Rindenportionen pro Baum wurden eingesammelt, getrocknet und als Brennmaterial verwendet. Zu der Zeit ein sehr bedeutungsvolles Produkt!

Die Verdickungen am Baumstamm, die von den Wurzeln herrührten, wurden mit der Axt beseitigt, die Bäume also zugehauen, so dass der Baumstamm einigermaßen rund der Säge zugeführt werden konnte. Das Herausziehen der Bäume aus dem Perlbach erfolgte mit einer mit Stahlseil versehenen Umlenk-Antriebswalze. Die Bäume wurden an einer kleinen schiefen Ebene zu zwei Roll- beziehungsweise Schienenwagen herangezogen, in diese entsprechend genau eingespannt und durch die Einzugswalze der Säge zugeführt.

Im Gatter der Säge waren meterlange, blitzende Sägeblätter senkrecht eingespannt, die das Holz auf das gewünschte Maß schnitten. Die Holzhändler, Zwischenhändler, Schreiner und Zimmerleute wurden aus Miltach mit Brettern, Bohlen, Bauholz, Gerüstpfosten, Balken, Dachsparren, Planken, Dielenböden, Kanthölzern, Latten und anderem mehr bedient.

Autor Fred Ganswind kam 1945 als Vierjähriger nach der Flucht mit seiner Mutter nach Miltach. 1952 zog die Familie nach Cham. Heute lebt er in Giengen (Baden-Württemberg). Der Diplom-Ingenieur war in seinen letzten Berufsjahren technischer Geschäftsführer in der Textilbranche. Foto: Ganswind
Autor Fred Ganswind kam 1945 als Vierjähriger nach der Flucht mit seiner Mutter nach Miltach. 1952 zog die Familie nach Cham. Heute lebt er in Giengen (Baden-Württemberg). Der Diplom-Ingenieur war in seinen letzten Berufsjahren technischer Geschäftsführer in der Textilbranche. Foto: Ganswind

Natürlich fiel in der Produktion jede Menge Sägemehl an. Was passierte damit? Eine Möglichkeit: Es ging an die Landwirte, die es zum Einstreuen im Stall verwendeten. Der andere Verwendungszweck waren die Kanonenöfen. Deren Heizleistung reichte nur für ein Zimmer aus, entsprechend wurden unterschiedliche Größen angeboten.

Doch mit dem Schneiden allein war es nicht getan: Das geschnittene Holz musste richtig gelagert und getrocknet werden. Beim Sägewerk Dattler in Miltach kam zu der Zeit nur die Freilufttrocknung in Frage. Der hierfür benötigte Lagerplatz war genau gegenüber dem Wohnhaus. Diese Art der Trocknung war kostensparend. Beim Stapeln von Brettern wurden kleine Leisten, etwa drei Zentimeter stark, von Lage zu Lage dazwischen gelegt, damit eine bessere Luftzirkulation gewährleistet war.

Nach und nach begann damals allerdings ein Sägewerkssterben. In Miltach selbst war vordergründig, dass kein familiärer Nachfolger und auch kein Fremder da waren, die an der Fortsetzung des Betriebes Interesse gezeigt hätten. Hinzu kam die Renaturierung des Perlbaches – und somit war das Sägewerk mit der Zeit im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Holzweg. Ein weiterer Grund, die Firma nicht fortzuführen, war der, dass sich die relativ kleinen Betriebe nicht mehr rentierten.

Das Haus steht bis heute

Auf dieser Luftaufnahme aus dem Jahr 1957 ist das gesamte Miltacher Dattler-Sägewerk-Areal zu sehen. Foto: Erwin Vogl
Auf dieser Luftaufnahme aus dem Jahr 1957 ist das gesamte Miltacher Dattler-Sägewerk-Areal zu sehen. Foto: Erwin Vogl

Auf der nebenstehenden Luftaufnahme von 1957 ist das Dattler-Sägewerk-Areal mit Wohnhaus, Baumablage, Sägewerk und Brettern abgebildet. Ganz oben ist die Perlbachstraße zu sehen. Das zweite weiße große Haus ist das Dattlerhaus (in dem ich im ersten Stock wohnte; es existiert noch heute), links daneben der Terrassengarten. Es folgt das weiß-graue Haus, es gehörte dem Schneider Gangerl (Hausname), dann das Haus der Familie Holzfurtner, links daneben ein kleineres Haus, das war der Sohn der Holzfurtners (er war Schneidermeister), genau gegenüber das kleine Wehr, wieder parallel zur Perlbachstraße rechts zurückgehend stößt man auf das Sägewerk, davor die großen Bretterstapel, halbrechts dahinter das Kieflhaus (Karl Kiefl war der Sägemeister, auf den später noch eingegangen wird).

Was das Personal des Sägewerkes nach dem Zweiten Weltkrieg angeht, ist an allererster Stelle Andreas Dattler zu nennen, ein Sohn des Firmengründers Paul Dattler. Andreas, auch „Anderl“ genannt, ist am 29. 09. 1891 in Kötzting geboren, er starb am 21. 06. 1954 in Miltach. Die kirchliche Trauung zwischen ihm und Anastasia Feldmüller fand am 19. 03. 1921 in Miltach statt. Andreas Dattler hielt sich weitgehend aus dem Geschäft heraus, er hatte im 1. Weltkrieg ein ganzes Bein von der Hüfte abwärts verloren und war dadurch sehr bewegungsunfähig.

Seine Frau Anastasia, sie wurde „Stasi“ gerufen, managte kaufmännisch das komplette Sägewerk. Sie besuchte in München das Städtische Riemerschmid-Gymnasium, eine Wirtschaftsschule für Mädchen, und war sehr belesen. Eine Besonderheit, die ich als Zehnjähriger mit ihr erlebte, habe ich bis heute in Erinnerung. Ich werde sie im nächsten Teil der Serie verraten...

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