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Bauernverband

Hunderte Landwirte „zeigen Flagge“

Die Mitgliedertagung hatte massenhaften Zulauf. Ministerialdirektor Hubert Bittlmayer riet zum
von Elisabeth Angenvoort

  • „Lassen Sie uns mutig sein“, rief Ministerialdirektor Hubert Bittlmayer die Landwirte auf. Fotos: Elisabeth Angenvoort
  • Das Ende der Landwirtschaft?

Cham.Ein von Hand gezimmerter Sarg aus hellem Holz, darauf drapiert ein Trauerband: „Als letzter Gruß an unsere Bauern“, gewidmet „von der Deutschen Staats- und Bundesregierung“. Etwa 300 Schlepper, die seit dem Nachmittag das Chamer Stadtbild veränderten, und mindestens ebenso viele emotional bewegte Menschen, deren Existenz mit der Landwirtschaft verbunden ist: Diese Kulisse ließ am Donnerstagabend nichts Gutes vermuten, als das Bildungswerk des Bayerischen Bauernverbandes zur alljährlichen Mitgliedertagung in das Hotel am Regenbogen geladen hatte.

Tatsächlich verlief die Veranstaltung unerwartet „harmonisch und ruhig“, wie Kreisbäuerin Rosmarie Maier nach über vierstündiger Veranstaltung gegen Mitternacht mit sichtlicher Erleichterung feststellte. Sie habe mit mehr Unruhe gerechnet, doch „die Leute waren ruhig und haben zugehört“, sagte sie. Verunsicherung und Ärger waren zuvor noch deutlich spürbar gewesen, als eine dichtgedrängte Menge vor dem Hotel auf die Ankunft von Ministerialdirektor Hubert Bittl-mayer wartete, dessen Vortrag zum Thema „neue Herausforderungen für die Bayerische Landwirtschaft“ angekündigt war. „Die Landwirtschaft stirbt und wird zu Grabe getragen“, so formulierte es einer der teilnehmenden Landwirte drastisch.

Den richtigen Ton treffen

Kreisobmann Josef Wutz hatte nicht mit einem derartigen Andrang gerechnet: 150 Teilnehmer waren es zunächst im Saal, mindestens ebenso viele auf dem Vorplatz. Bittlmayers Ankunft registrierte man verhalten; der Unmut über mangelnde und zum Teil unrichtige Berichterstattung bezüglich der Situation, in der sich die Landwirte tatsächlich befinden, wurde jedoch deutlich verbalisiert. Wutz verwies auf das Gebot der Pressefreiheit: Weder Verwaltung noch Politik hätten hier Einfluss und noch weniger „Zugriff“. Damit stand er der laut geäußerten Ansicht gegenüber, mit der „Freiheit der Presse“ sei es schon längst vorbei; die Probleme der Landwirte seien offenbar so uninteressant, „dass wir erst gar nicht in die Berichterstattung reinkommen“. Die Agrarministerin kämpfe „an allen Fronten“, hielt Wutz dagegen; in jeder Sitzung werde die Problematik thematisiert.

Im Saal begrüßte der Kreisobmann zahlreiche Ehrengäste, unter ihnen stellvertretenden Landrat Sandro Bauer, als Vertreter der Stadt Cham 3. Bürgermeister Sepp Blaha und den ehemaligen Geschäftsführer des BBV Cham, Rudolf Reisinger. Wutz‘ besonderer Gruß galt der stark vertretenen jungen Generation, um deren Zukunft es letztlich gehe.

Auch Sandro Bauer sprach den Jungbauern seinen Respekt angesichts ihrer geschlossenen Präsenz aus. Für das Zitat eines der Berliner Demonstranten: „sie“ (die Politiker) „säen, ernten, düngen nicht, aber wissen alles besser“, erhielt Bauer spontanen Beifall, brachte er doch damit die Stimmungslage auf den Punkt.

3. Bürgermeister Sepp Blaha stellte der Versammlung seinen ausdrücklichen Wunsch voran, sie möge „harmonisch“ verlaufen. Dass dem tatsächlich so war, ist sowohl der durchgehenden Sachlichkeit des Ministerialdirektors zuzuschreiben, der nach eigenen Worten „zum ersten Mal vor stehendem Publikum“ referierte, als auch der von objektivem Interesse bestimmten Haltung der Landwirte: ein beachtenswerter Umstand in Anbetracht der schonungslos formulierten Tatsachen. Entscheidend sei es, den richtigen Ton zu treffen, sagte Bittlmayer: die öffentliche Verunglimpfung der Bauern als „Brunnenvergifter“ und „Tierschänder“ sei „an die Seele gegangen“. Umso höher müsse man die Haltung der Landwirte schätzen: „Was Sie geschafft haben, ist auffallend und stark im Ton, aber immer anständig“.

Leider sei das bisher schlecht bis zu den Medien durchgedrungen. Das Problem bestehe insbesondere darin, dass die Gesellschaft in großen Teilen nicht oder unrichtig informiert sei, was die Herausforderungen betrifft, mit denen die Landwirtschaft gegenwärtig konfrontiert werde. „Lassen Sie uns mutig sein“, appellierte Bittlmayer an die Landwirte. Gemeinsam agieren und in einen ebenso offenen wie kritischen Dialog mit den Mitbürgern zu treten, das sei ein guter Weg.

Generation ohne Zukunft?

In der nachfolgenden mehrstündigen Diskussion zu den von Bittlmayer ausführlich dargestellten Themenbereichen (unter anderem Umsetzung des Volksbegehrens zum Artenschutz, neue Züchtungs- und Anbaumethoden, Düngeverordnung, Freihandelsabkommen der EU und die Gewässerrandstreifen-Problematik) wurden die existenziellen Ängste spürbar, die bei vielen Landwirten durch die gegenwärtige Situation ausgelöst worden sind.

Ihr ganzes Herzblut hänge an der Landwirtschaft, sagte eine der Jungbäuerinnen, doch sehe sie derzeit keine Zukunft mehr. Das negativ geprägte Image der Bauern in der Bevölkerung reiche bis zum Mobbing in der Schule, fügte eine fünffache Mutter hinzu.

Eine Verrohung der Gesellschaft sei unstreitig feststellbar, sagte Bittlmayer; wichtig sei, „positive Werbung“ zu machen“, und zwar durch die Landwirte selbst: „Wertschöpfung passiert dort, wo die Ur-Erzeugung ist“. Eine Image-Kampagne bezüglich der Regionalvermarktung sei in Vorbereitung, doch müssten die Erzeuger in ihrem unmittelbaren Umfeld „dem Verbraucher schmackhaft machen, dass er mehr zahlt“. Gemeinsam müsse man zudem daran arbeiten, die „Ahnungslosigkeit“ in der Bevölkerung zu beseitigen: „Wenn wir es nicht als Sektor tun, dann tun es andere in die andere Richtung“, sagte Bittlmayer.

Nur gemeinsam seien die Ziele zu erreichen, betonte auch Vize-Kreisobmann Franz Holzapfel: „Gegeneinander, das geht nicht.“

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