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Kirche

Im Beichtstuhl sind die Daten sicher

In Zeiten von Facebook und Internet sucht die Katholische Kirche einen Weg zur Umsetzung der Datenschutz-Richtlinien – auch im Landkreis Cham.
Von Christoph Klöckner

Das Beichtgeheimnis ist die älteste Datenschutz-Verordnung.
Das Beichtgeheimnis ist die älteste Datenschutz-Verordnung. Foto: dpa

Cham.Datenschutz ist und war immer eine heikle Sache. Wer etwas von einem anderen wissen wollte, der suchte Wege, es zu erfahren. Die NSA-Affären und die Offenbarungen des Whistleblowers Edward Snowden lassen grüßen. Auch in der Kirche wird Datenschutz heute groß geschrieben, wie jetzt Pfarreien im Landkreis bemerkten. Personenbezogene Angaben, wie etwa Ehejubiläen, Geburtstage oder der Hinweis, wer eine Messe für wen stiftet, verschwinden aus den Gottesdienstordnungen. Bei manchen Gemeinden werden gleich ganze Pfarrbriefe aus dem Internet genommen.

Damit folge man den gesetzlichen Ansprüchen, sagt der Diözesandatenschutzbeauftragte für das Bistum Regensburg, Jupp Joachimski, auf Nachfrage des Bayerwald-Echos. Hierbei stehe vor allem der Name des Messstifters zur Debatte. Der müsse mit einer Veröffentlichung einverstanden sein – so die Gesetzeslage. Nur dann sei eine Veröffentlichung gerechtfertigt. Früher sei dies großzügiger gehandhabt worden, „heute nehmen wir den Datenschutz genauer“, betont der Datenschutzbeauftragte. Er habe die allgemeine Namensveröffentlichung in den Gremien zur Diskussion gestellt. Mit dem Ergebnis, künftig die Messstifter entweder abzufragen oder in Veröffentlichungen gleich wegzulassen. Die Kirche werde hier vorsichtiger und folge dem Wandel.

Und das in Zeiten von Facebook, wo viele ihre ganz persönlichen Dinge nach außen tragen? „Natürlich ist das widersinnig“, gibt Jupp Joachimski zu. Doch sei Facebook eine private Firma – wer sich darin offenbare, trage selbst Schuld. Die Kirche handhabe das Thema strenger. Datenschutz habe in vielen Bereichen auch seine Berechtigung. „Die Kirche hat viele sensible Daten, die sie verwaltet – etwa bei den Betreuungseinrichtungen oder von Kindergärten“, sagt Joachimski. Die müssten sicher sein. Dafür habe man viel „aufgerüstet“ und mit der Einführung von Kontrollen und zahllosen Diskussionen in Arbeitsgruppen das Thema geschärft.

Noch kein Skandal

Beim Datenschutz habe man bei kirchlichen Einrichtungen in Bayern auch noch keinen Skandal gehabt oder sei bisher nicht Opfer von Datendieben geworden, sagt der Datenschützer der Katholischen Kirche für das Bistum Regensburg. Damit ist man etwas besser dran als die Evangelischen Glaubensbrüder. Auf der aktuellen Homepage des Evangelischen Bayerwalddekanats Cham heißt es: „Diese Seite wurde vor einer Weile gehackt und wird gerade wieder aufgebaut.“

Aktuell wirken die staatliche Gesetze zum Datenschutz bis in die Pfarreien der Katholischen Kirche hinein. Das geht bis ins Kleinste, wie der Pressesprecher der Diözese, Jakob Schötz, erläutert. Pfarrbriefe dürften online veröffentlicht werden, wenn die personenbezogenen Daten entfernt worden seien oder das Einverständnis der Betroffenen für dessen Veröffentlichung vorliege, so Schötz zum aktuellen Problem. Im Printbereich müsse dabei unterschieden werden, ob der Pfarrbrief im begrenzten Kreis der Pfarrgemeinde veröffentlicht wird und somit als „Mitgliederinformation“ dient. Durch eine jährliche Abfrage bei den Pfarrgemeindemitgliedern soll dann sichergestellt werden, ob diese eine Veröffentlichung ihrer personenbezogenen Daten wünschen oder nicht.

Besuchsdienste wanken

Die „Anordnung über den kirchlichen Datenschutz“ (KDO) ist die Basis für die römisch-katholische Kirche in Deutschland. Nicht jeder Pfarrer sieht die Regelungen mit Wohlwollen. In St. Josef in Cham etwa bringt der Datenschutz den Krankenhausbesuchsdienst ins Wanken. Seit einiger Zeit hätten die Ehrenamtlichen Probleme, die Namen der Patienten der Pfarrei zu bekommen, so Pfarrer Dr. Kazimierz Pajor. Die Zeit, wo der Besuchsdienst an der Pforte ohne Umstände eine Liste mit Namen von Patienten erhalten habe, sei längst vorbei. Das sei nicht nur für seine Gemeinde ein Problem, sondern auch für die evangelische Gemeinde. Bereits bei der Aufnahme von Patienten müsse vom Krankenhaus abgefragt werden, ob man Besuch von der Kirche bekommen wolle oder nicht. Doch passiere das nach seinen Erfahrungen selten. Habe die Pforte diese Information nicht, dürfe sie nichts weitergeben.

Besuche man den Patienten ohne die vorherige Abklärung, komme heute die Frage: „Woher wissen Sie, dass ich hier bin?“ Das sei nicht böse gemeint, mehr aus dem Erstaunen heraus – doch löse das bei den Ehrenamtlichen Unwohlsein aus. „Man wird durch solche Erfahrungen entmutigt!“, so Pajor. Und bekomme das Gefühl, eher ein Störfaktor zu sein.

Als „kuriose Sache“ ordnet er die Thematik Pfarrbriefe und Messintentionen ein. Er habe die Frauen im Pfarrbüro gebeten, das Einverständnis mit Unterschrift bestätigen zu lassen. Doch schon kurz darauf sei eine ältere Frau dagewesen, die das Problem nicht verstanden habe und deshalb nicht unterschrieb. Somit habe sich seine kleine Hoffnung, dass die Unterschrift Normalität werde, schon zerschlagen. Dabei seien 99 Prozent für die Veröffentlichung von Messintentionen, schätzt der Pfarrer: „Gerade die Zeitung ist da für viele wichtig!“ Er werde an diesem Wochenende das Thema in allen Messen ansprechen.

Daten dürfen nicht genutzt werden

Schwierigkeiten hat er auch mit den Personendaten, die in seinem Computer gesammelt sind. Er darf sie nicht verwenden, sagt er – etwa, wenn er ein pfarramtliches Zeugnis für eine Person ausstellen soll. Nur intern dürften die Daten genutzt werden. „Folglich kann ich nur schreiben: Ist bekannt oder nicht – Amen! Das ist traurig!“, sagt Dr. Pajor. Für ihn sei dies eine Überinterpretation von Gesetzen.

Datenschutzprobleme schildert auch Michael Neuberger von der Katholischen Erwachsenenbildung. Früher habe der Pfarrer bei der Schule angerufen, um zu erfahren, wer zur Firmung gehen kann – und eine Liste bekommen. So etwas dürften die Schulen heute nicht mehr. Der Pfarrer stehe damit „auf dem Schlauch“. Mit der gesamten Abschaffung der Veröffentlichung der Messintentionen verliere eine solche Stiftung ihren Sinn. Denn erst durch die Namen könne die Gemeinde der ehemaligen Mitglieder gedenken, meint er.

Ein früher Datenschützer

Schon in früheren Zeiten war Datenschutz in der Kirche etwas Heikles. Manches, was Geistlichen im Vertrauen oder im Beichtstuhl zugetragen wurde, wollten auch andere unbedingt wissen. Das Begehren kostete manchem sogar das Leben. Etwa Johannes Nepomuk, der heute noch an den Brücken grüßt. Der Legende nach musste der Heilige sterben, weil er dem König nicht sagen wollte, was die Königin ihm gebeichtet hatte. Nepomuk war der erste kirchliche Datenschützer, der für seine Überzeugung starb. Das Beichtgeheimnis hat im übrigen seine Gültigkeit seit seiner Festschreibung 1215 über die Jahrhunderte behalten. Es ist nach Kirchenrecht „unverletzlich“ und gilt rechtsgeschichtlich als eine der ältesten Datenschutzvorschriften.

Selbst wenn Geistliche in ihrer Eigenschaft als Seelsorger von dem Vorhaben eines Hochverrats, Landesverrats, Mordes oder eines gemeingefährlichen Verbrechens Kenntnis erhalten, dürfen sie schweigen. Das war nicht immer im Sinne des Staates. Deshalb plante 2008 Bundesinnenministers Wolfgang Schäuble den Abhörschutz für Geistliche einzuschränken. Gesetz wurde das nicht.

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