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Vorsorge

Im Kreis der starken Senioren

Die Sitzgymnastik im Sinocur ist der Auftakt zu mehr Präventions-Angeboten des Kneipp-Vereins in Bad Kötzting.
Von Roman Hiendlmaier

Erst Krafttraining, dann Gaudi mit dem Ball und wer mag noch ein Kaffeekränzchen: Die Sitzgymnastik vereint Training und soziale Komponenten. Foto: Hiendlmaier
Erst Krafttraining, dann Gaudi mit dem Ball und wer mag noch ein Kaffeekränzchen: Die Sitzgymnastik vereint Training und soziale Komponenten. Foto: Hiendlmaier

Bad Kötzting. „Fest draufhaun, wia de Junga“, „Genau werfen, ned in Boden nei...“ – es gibt viele Kommandos und es wird viel gelacht und gejohlt an diesem Mittwochnachmittag im Gymnastikraum des Sinocur.


              Angebot: Der Kneipp-Verein bietet ein breites Präventions-Programm mit ausgebildeten Trainern. Weitere Infos gibt’s im Büro im Haus der Begegnung, Zeltendorfer Weg 40, oder am Kneipptelefon: 0176 513 897 71 mit Mobilbox, SMS und WhatsApp. Foto: Kneippverein Bad Kötzting
Angebot: Der Kneipp-Verein bietet ein breites Präventions-Programm mit ausgebildeten Trainern. Weitere Infos gibt’s im Büro im Haus der Begegnung, Zeltendorfer Weg 40, oder am Kneipptelefon: 0176 513 897 71 mit Mobilbox, SMS und WhatsApp. Foto: Kneippverein Bad Kötzting

Wer glaubt, dass die wöchentliche Sitzgymnastik des Kneippvereins eine beschauliche Veranstaltung älterer Herrschaften ist, wird schon beim Öffnen der Türe eines Besseren belehrt. Beate Reimer trainiert an diesem tag mit einem dutzend Damen und einem Herrn Körper und Geist auf konzentrierte und auf spielerische Art.

Freizeit und Krankheitsvorsorge

So wird zunächst kleinen Hanteln der Bizeps trainiert, während anschließend als Koordinationstraining zwei Bälle quer durch den Sitzkreis von Teilnehmer A zu Teilnehmer B geworfen werden. „Es geht darum, körperliche und geistige Ressourcen, die vorhanden sind, zu entdecken und zu nutzen,“ sagt die Kursleiterin Beate Reimer. Obwohl der Kurs mit „Sitzgymnastik“ überschreiben ist, wird sehr viel für die Psyche gearbeitet: „Es geht natürlich schon um Bewegung, Koordination, Kraft und Ausdauer – es geht aber auch um den Anlass, das gemeinsame Treffen, den sozialen Kontakt untereinander und die Abwechslung vom Alltag.“

Dass manche Teilnehmer nach der Gymnastikstunde noch auf einen Kaffee gehen und bei einem Kuchenstück sich manch abtrainiert Kalorie wieder drauffuttern – geschenkt: „Auch das hat einen Trainingseffekt: Die Teilnehmer müssen sich ein dutzend neuer Namen merken.“

Alle Übungen werden natürlich genau erklärt.  Foto: Hiendlmaier
Alle Übungen werden natürlich genau erklärt. Foto: Hiendlmaier

Wenn man wie die meisten Sitzgymnastiker an diesem Tag die 70 schon deutlich überschritten hat, komme es in der Regel nicht mehr auf mess- und vorzeigbare sportliche oder geistige Leistungen an. Es geht darum, wie Beate Reimer es ausdrückt, „den Tagen mehr leben zu geben.“ Es geht darum, den Bewegungsradius möglichst lange zu halten und Ängste zu nehmen, beziehungsweise nicht aufkommen zu lassen.

Auffällig ist, dass im Sitzkreis fast ausnahmslos Frauen sitzen. „Weil mia de schenan san“, schreit eine Dame auf die entsprechende Frage in die Runde. Beate Reimer lacht mit: „Erfahrungsgemäß haben Männer im zunehmenden Alter Hemmungen, sich zu solchen Treffen zu überwinden. Da geht es darum, sich nicht vor versammelter Frauenrunde zu blamieren, oder sich vielleicht unwohl zu fühlen – viele fühlen sich schon beim Begriff „Senioren“ gar nicht angesprochen, weil sie meinen, da treffen sich ja eh nur Hochbetagte.“ Dabei ist die Sitzgymnastik ein Angebot für Menschen, die bereits Einschränkungen haben. Es ist ein schonendes Training, dass man auch zuhause machen kann. Der Mittwoch im Sinocur ist also Freizeit und Krankheitsvorsorge, erklärt Beate Reimer.

Quasi nebenbei wird dabei auch die Psyche trainiert, werden das Selbstbewusstsein gestärkt und Ängste abgebaut, die Angst vor einem Sturz beispielsweise. Die Bad Kötztinger Gesundheitsbotschafterin Beate Reimer paukt daher gerade „Sturzprophylaxe“, um im kommenden Jahr das Angebot ausweiten zu können.


              Bedeutung: Für Sturz und Sturzprophylaxe gibt es für Pflegepersonal einen Expertenstandard, der aktuelles Wissen und Handlungsanweisungen festlegt. Was für die Pflege gilt, ist natürlich auch für Senioren und ihre Angehörigen wichtig. Foto: dpa
Bedeutung: Für Sturz und Sturzprophylaxe gibt es für Pflegepersonal einen Expertenstandard, der aktuelles Wissen und Handlungsanweisungen festlegt. Was für die Pflege gilt, ist natürlich auch für Senioren und ihre Angehörigen wichtig. Foto: dpa

An ihrer Seite hat Beate Reimer dabei ihre Schwester Bettina Pritzl, im Kneippverein der Dreh- und Angelpunkt und jüngst auch im Vorstand vertreten. „Die Sitzgymnastik ist sozusagen das Start-Angebot, dass wir im kommenden Jahr ausbauen wollen.“ Der Kneippverein wolle sich des Präventionsgedanken speziell für Senioren stärker annehmen, weil man merke, dass es Bedarf dafür gibt: „Die Erfahrung zeigt, dass sich viele ältere Menschen in ein Teufelskreis aus Angst vor Problemen und Unfällen begeben. Zur Angst kommt die Vermeidung, sich überhaupt zu bewegen. Weil dann droht ja ein Oberschenkelhalsbruch und dann ist ohnehin alles vorbei.“ Genau diese Einstellung aber sei falsch, sagt Pritzl. Es sei richtig, dass Stürze bei Senioren dieses Risiko bergen, aber eben auch, dass Stürze verhindert werden können.

Wie trainiert man einen Sturz?

Als Präventionskurs schwebt Bettina Pritzl vor, dass die Teilnehmer balancieren sollen oder sich aus misslichen Lagen befreien – etwa, in dem sie sich an Möbeln hochziehen, oder zum Telefon robben. „Hat man das einmal geübt, tut man sich nicht nur im Ernstfall leichter, auch sinkt die Wahrscheinlichkeit für einen Ernstfall, weil man so selbstbewusster, also sichere in der eigenen Umgebung unterwegs ist.“ Und a propos „man“: Von einem Schenkelhalsbruch sind statistisch vier mal mehr Frauen betroffen – bei der Sterblichkeitsrate als Folge dieser Verletzung liegen aber Männer vorne.

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