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Behindertenfußball

Ist „der Eide“ bald Nationalspieler?

Nach seinem Lehrgang hat Christian Eidenhardt vom ASV Cham gute Chancen, im September im Kader gegen Dänemark zu stehen.
Von Frank Betthausen

Christian Eidenhardt, „der Eide“, in seinem Zimmer in Brandenburg: Für sein Instagram-Profil spielte er abends ein wenig mit dem Smartphone herum. Foto: Eidenhardt
Christian Eidenhardt, „der Eide“, in seinem Zimmer in Brandenburg: Für sein Instagram-Profil spielte er abends ein wenig mit dem Smartphone herum. Foto: Eidenhardt

Cham.Christian Eidenhardt ist ein Kämpfer. Nach einer Hirnblutung, die er 2011 bei einem Fußballturnier erlitten hatte, lag seine Überlebenschance bei fünf Prozent. Er nutzte sie und arbeitete sich über Monate hart zurück ins Leben. Den Sport hatte er abgehakt. Heute, mit 30 Jahren, bestimmt der Fußball mehr denn je seine Freizeit. Er ist Jugendleiter beim ASV Cham, Co-Trainer der U 19 und organisiert große Stadtmeisterschaften. Seine aktive Karriere hatte er bis auf wenige Einsätze beendet. Jetzt, „auf seine alten Tage“, erlebt „der Eide“, wie ihn alle nennen, noch einmal ein besonderes Sport-Abenteuer.

Einer von 17 Spielern

Mit Kopfschutz beim Training in Brandenburg Foto: Robert Fritzsche
Mit Kopfschutz beim Training in Brandenburg Foto: Robert Fritzsche

Als einen von 17 Spielern holte ihn Nationaltrainer Conny Fritsch am Wochenende zu einem Lehrgang der Nationalmannschaft für Fußballer mit Cerebralparese (CP) ins Sport- und Bildungszentrum Lindow in Brandenburg. Mit der Heimfahrt am Sonntag war für Eidenhardt klar: Er kann sich Hoffnungen machen, Anfang September im Kader für das Länderspiel gegen Dänemark in Hamburg zu stehen. Die Entscheidung darüber fällt in den nächsten 14 Tagen.

Das CP-Nationalteam war 2013 gegründet worden. Ihm gehören Fußballer mit einer cerebralen Bewegungsstörung an. Die Aktiven sind entweder seit ihrer Geburt von Handicaps betroffen oder haben – so wie Christian Eidenhardt – einen tragischen Einschnitt meistern müssen; einen Schlaganfall oder ein Schädel-Hirn-Trauma beispielsweise.

„Unglaublich! Aber wenn man viel macht, passiert auch viel.“

Christian Eidenhardt

Ganz glauben konnte „der Eide“ am Montag selbst noch nicht, wo es ihn da hin verschlagen hatte. „Unglaublich!“, sagte er. „Aber wenn man viel macht, passiert auch viel.“ Im Internet auf ihn aufmerksam geworden waren Ex-Bundestrainer Thomas Pfannkuch und seine Co-Trainerin Tina Klose bereits 2016. Doch nach einem ersten Kontakt schlief die Sache wieder ein – bis es einen Wechsel an der Trainerspitze gab und Eidenhardt Anfang 2017 wieder Post bekam. Diesmal vom neuen Coach Conny Fritsch.

„Der Eide“ (6. v. r.) mit seinen Sportkameraden in Lindow Foto: Eidenhardt
„Der Eide“ (6. v. r.) mit seinen Sportkameraden in Lindow Foto: Eidenhardt

So fand sich der Chamer mit Waldmünchner Wurzeln ab Freitagnachmittag im tiefsten Brandenburg wieder. Alles flach, kein Vergleich zu Bayern! Aber: mit idealen Bedingungen. Ein Kunstrasenplatz, drei Rasenplätze, eine Turnhalle... „Echt geil – ein Riesenkomplex“, berichtete Eidenhardt, der schnell feststellte, welche Sportwelten er betreten hatte. Wenn der Deutsche Behindertensportverband mitmischt, ist Professionalität angesagt! Dazu zählten eine strenge Kleiderordnung, Bettruhe um 23 Uhr und Pünktlichkeit.

„Das ist nicht irgendwas – das ist Nationalmannschaft“, resümierte Eidenhardt. Und, ja, er war tatsächlich einer von nur 14 Feldspielern aus Deutschland, die in Brandenburg ihr Können zeigen durften. Dazu kamen drei Torwarte. Das Programm war straff: In den Einheiten ging es vor allem um Torabschluss und Taktik. Die größte Umstellung: Beim CP-Fußball wird mit je sieben Akteuren von 16er zu 16er auf Kleinfeldtore gespielt – ohne Abseits. „Das ist ein ganz anderer Spielaufbau“, sagte Eidenhardt. „Anstrengend!“

Eine „super Atmosphäre“

Neben den sportlichen Erlebnissen saugte er vor allem die „super Atmosphäre“ auf. „Es ist schön, wenn du nicht der einzige bist, der ein Problem hat.“ Wenn er in Cham mitspiele, sei er der einzige Behinderte – hier habe jeder seine Bewegungsstörungen. Der eine ziehe den Fuß nach, „der eine hat das, der andere das“. Aber: Alle haben Riesenfreude am Fußball! Verglichen mit vielen seiner Mitspieler ist Eidenhardt aber in der glücklichen Situation, kaum eingeschränkt zu sein. Nach seiner Hirnblutung hatte er zwar halb gelähmt im Rollstuhl gesessen.

„Das ist nicht irgendwas – das ist Nationalmannschaft.“

Christian Eidenhardt

Doch er erwischte damals genau das Zeitfenster, in dem er seine motorischen Fähigkeiten durch hartes Training wieder ausbauen konnte.

„Für das, was Du hattest, merkt man Dir im Spiel und vom Bewegungsablauf her nichts an“, bescheinigte ihm Conny Fritsch. Und doch: Der 30-Jährige spürte in Lindow genau, welche Spuren sein Körper davongetragen hat. Auf dem Platz hat er keinen Gleichgewichtssinn mehr. Flanken kann er nur schlecht einschätzen. „Und bei schnellen Drehungen kommt mein Gehirn nicht mit.“

Der Traum von der EM

Ein Traum für Eidenhardt wäre – vorausgesetzt er wird ins Team berufen und seine körperliche Verfassung lässt es zu – die Teilnahme an der EM 2018 in den Niederlanden. Allerdings könnte die im CP-Fußball wichtige Klassifizierung zum Problem werden. Jedes Team darf nur einen so genannten „C8-Spieler“ in seinen Reihen haben, einen Kicker, der nur wenige Handicaps hat. Nach einer ersten Untersuchung – der offizielle neurologische Test folgt – wird es bei „Eide“ auf diese Einordnung hinauslaufen.

„Es kann also sein, dass ich mit meiner Acht da rausfliege.“

Christian Eidenhardt

Das wäre im ersten Moment noch nicht einmal die größte Schwierigkeit. Doch die Klassifizierung vor der EM wird nicht durch deutsche Mediziner vorgenommen, sondern durch europäische. „Es kann also sein, dass ich mit meiner Acht da rausfliege.“

In den nächsten Tagen heuert der Chamer, um sich fit zu halten – allerdings nur auf dem Rasen, sein ASV-Engagement setzt er fort – bei seinem Heimatverein, der SG Waldmünchen-Geigant, an. Dort wird er für die zweite Mannschaft in der B-Klasse auflaufen. Ein Kämpfer wie er ist da bestens aufgehoben...

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Hintergrund: CP-Fußball

  • Aufbau:

    CP-Fußball, 2016 in Rio vorerst letztmals paralympisch, steckt in Deutschland weiter im Aufbau. Bei der Behinderten-Sportart jagen Aktive mit einer cerebralen Bewegungsstörung dem runden Leder nach.

  • Medizin:

    Der Begriff Zerebralparese umfasst unterschiedliche Ausprägungen von Bewegungsstörungen, die als Folge einer Schädigung des zentralen Nervensystems auftreten.

  • Team:

    Rund um die deutsche Nationalmannschaft engagieren sich seit 2014 insbesondere die ZNS/Hannelore-Kohl-Stiftung, die Sepp-Herberger-Stiftung und der Deutsche Behindertensportverband.

  • Regeln:

    Beim CP-Fußball spielen sechs Feldspieler und ein Torwart pro Mannschaft auf einem Spielfeld, das 70 bis 75 Meter lang und 50 bis 55 Meter breit ist. Die Spieldauer beträgt 60 Minuten.

  • Klassifizierung:

    Bei den Wettkämpfen gilt ein Klassifizierungssystem. Spielberechtigt sind Sportler mit Zerebralparesen gemäß der Startklassen C5 (stärker beeinträchtigt) bis C8 (minimal beeinträchtigt). Quelle: DFB

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