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Johannesbad Klinik im Coronamodus

Die Strukturen des Krankenhauses haben sich durch die Pandemie verändert. Doch viele Patienten genießen ihren Aufenthalt.

Medikamentenausgabe auf der Aufnahmestation  Foto: Julia Heimerl
Medikamentenausgabe auf der Aufnahmestation Foto: Julia Heimerl

Furth im Wald.Die Corona-Pandemie hinterlässt auch bei den Krankenhausstrukturen nachhaltige Folgen. Deshalb war es für die Johannesbad Klinik Furth im Wald als größte bayerische Suchtklinik eine enorme Herausforderung, die erfolgreiche Arbeit fortzusetzen und gleichzeitig einen wichtigen Beitrag für die Gemeinschaft zu leisten. Das berichtet die Klinik in einer Pressemitteilung. In enger Abstimmung mit Fachverbänden und Behörden sowie großer Unterstützung durch die Johannesbad Gruppe wurde dabei ein Konzept entwickelt, das mittlerweile die ersten Wochen erfolgreicher Arbeit ermöglicht hat.

Chefarzt Prof. Dr. med. Reinhart Schüppel sah mehrere Probleme durch ein mögliches Wegfallen von Suchthilfeangeboten: Zum einen hätten Betroffene bei eingeschränkten Therapiemöglichkeiten zum Teil Schwierigkeiten, sich zu Hause angemessen selbst zu versorgen oder sich ein strukturiertes selbstverantwortliches Leben zu organisieren. Zum anderen steige bei vorzeitiger, aber auch regulärer Entlassung in eine Welt ohne begleitende Hilfsangebote wie Selbsthilfegruppen, ambulante Nachsorgeangebote und Psychotherapie das Risiko, rückfällig zu werden. Und drittens könnten schlecht versorgte Patienten mit einer Suchterkrankung durchaus eine Gruppe darstellen, die krankheitsbedingt sinnvolle Maßnahmen zur Pandemie-Eindämmung nicht zuverlässig einhalten.

Patientenzahl sank jede Woche

In Krankenhäusern der Akutversorgung ging die Zahl der Entgiftungsbehandlungen spürbar zurück und Mitte März lag eine „dringende Empfehlung“ der Deutschen Rentenversicherung an Rehabilitationskliniken auf dem Tisch, keine neuen Patienten mehr aufzunehmen. Entsprechend sank die Zahl der in der Klinik noch verbliebenen Patienten von Woche zu Woche.

Klinikleiter Peter Rehermann versuchte deshalb Hand in Hand mit dem Betriebsrat, den wirtschaftlichen Schaden für die Klinik möglichst abzumildern und somit weitestgehend Arbeitsplätze zu sichern. Viele Mitarbeiter befinden sich daher seit April in Kurzarbeit und sind in ihrer wöchentlichen Arbeitszeit reduziert.

Zweiwöchentlich wird über deren Verlängerung neu entschieden. Staatliche Unterstützungsmaßnahmen, die auch für Suchtrehabilitationskliniken greifen, wurden auf den Weg gebracht. Rehermann ist optimistisch: „Unsere Politik hat sich wacker geschlagen, Diskussionen der Fachgesellschaften und Interessensverbände kurzfristig angehört und eingearbeitet. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, auch wenn die konkrete Umsetzung noch nicht durchgängig geregelt ist. Es sind auf jeden Fall wirksame Maßnahmen beschlossen worden, die in vielen Branchen den wirtschaftlichen Bestand und damit viele Arbeitsplätze zu sichern helfen. Dies gilt auch explizit für das Gesundheitswesen, also auch für uns. Der Vorstoß der Bayerischen Staatsregierung, einen Rettungsschirm in Höhe von 60 Millionen Euro für die Reha-Kliniken bereitzustellen, macht uns zudem zuversichtlich, dass wir diese Krise mit zwei blauen Augen überstehen.“ Große Unterstützung durch die Mitarbeiter sei dazu der Schlüssel.

Zeitlich weit vor den entsprechenden Anordnungen der bayerischen Staatsregierung setzte die Further Klinik auf Sicherheit; zum Beispiel wurden anreisende Patienten telefonisch auf Symptome befragt, schrittweise Besuch von außen ausgesetzt und Heimfahrten untersagt. Diverse Schutzmaßnahmen, wie eine Ausweitung der Essenszeiten und eine Veränderung der Sitzordnung, die Verlegung der Sportangebote ins Freie und vieles mehr, wurden in den Klinikalltag gut integriert.

Die therapeutische Qualität bleibt auch bei reduzierter Belegung und Belegschaft gesichert. Alle Therapiebereiche wurden dahingehend verändert, Schutzmaßnahmen gut einhalten zu können. Viele Patienten sind froh, gerade jetzt in der Klinik zu sein und einem strukturierten Tagesablauf nachgehen zu können und andere Betroffenen um sich zu haben, natürlich mit dem gebotenen Sicherheitsabstand. Das Gefühl der Gemeinschaft wächst innerhalb der Patientengemeinschaft, aber auch unter den Mitarbeitern. Die Abteilungen der Fachklinik haben in kürzester Zeit neue Arbeitsmodelle und -settings entwickelt, um weiterhin Patienten versorgen zu dürfen. Einige von ihnen haben sich – oft mit Hilfe von Angehörigen – selbst Mund-Nasen-Masken gefertigt. Bezugstherapeutin Anna Bernhard und ihre Familie nähten bisher rund 800 Masken für die Patienten und Mitarbeiter der Klinik. Mittlerweile hat die Johannesbad Gruppe regional eine Firma mit der Herstellung von Mund-Nasen-Masken beauftragt. Das BGM-Team überraschte die Kollegen anstatt mit Aktionen im Haus mit Pflänzchen für den eigenen Garten. Viele versuchen einen Beitrag zu leisten, Patienten und Kollegen über das übliche Maß hinaus zu unterstützen.

Das neue Sicherheitskonzept

In enger Abstimmung mit dem Gesundheitsamt Cham hat Chefarzt Prof. Dr. Reinhart Schüppel ein therapeutisch unterlegtes Sicherheitskonzept für Neuaufnahmen erarbeitet. Hilfreich war dabei auch besonders, dass die Kostenträger Aufnahmen wieder unterstützen konnten, wenn ein solches Konzept vorliegt. Vergangene Woche hat die Klinik dann seit März zum ersten Mal wieder neue Patienten aufgenommen.

Die Patienten der neuen „Start-Gruppe“ beginnen ihre Therapie nach einwöchiger Entgiftung in einer anderen Klinik für eine weitere Woche in kleinerem Rahmen, bevor sie in den regulären Betrieb des Hauses übergeleitet werden. In dieser Zeit ist auch die Zahl der Kontaktpersonen im Haus eingeschränkt, das Essen wird nur in den entsprechenden Wohnflur geliefert und in Einzelzimmern eingenommen.

Die „Start-Gruppe“ bekommt einen besonderen Bereich auf dem Freigelände der Klinik zugewiesen und hat sogar eine eigene kleine Bibliothek. „Besonders wichtig ist es uns, den Menschen nicht das Gefühl zu geben, als „gefährlich“ unter Quarantäne zu stehen, sondern diese Zeit verstärkt für das Ankommen in der Therapie und im Klinikalltag zu nutzen. Es geht zudem darum, sich auf eine Reha unter den Bedingungen einer Pandemie vorzubereiten. Die erste Gruppe hat sich gut in Furth im Wald eingelebt. Die Betroffenen sind froh, endlich einen Therapieplatz zu haben.“, sagt Prof. Schüppel.

Gerüstet fürden Ernstfall

  • Konzept:

    Das medizinisch-therapeutische Konzept der Johannesbad Klinik Furth im Wald basiert auf den wissenschaftlichen Empfehlungen, vor allem des Robert-Koch-Instituts und den Erfahrungen vor Ort. Es regelt umfassend, welche Maßnahmen wann zu treffen sind.

  • Maßnahmen:

    Das Konzept reicht von Schulungen der Mitarbeiter und Patienten über die Freizeit- und Kommunikationsmöglichkeiten der „Neuen“ bis hin zum Umgang mit Verdachtsfällen. „Ja, auch ein Evakuierungsplan ist dabei“, sagt Prof. Schüppel nachdenklich, „aber alles was wir uns überlegt haben, dient dazu, dass wir diesen hoffentlich nie brauchen werden.“ In der Klinik sind erst einmal alle froh, dass der Betrieb nun in jeder Hinsicht gut und sicher weitergehen kann.

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