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Sport

Judenhass droht auch im Fußball-Stadion

Hetz-Parolen und Hass-Plakate: Ein Schiedsrichter erklärt in Cham, wie der Antisemitismus beim Fußball ins Jahr 2018 rollt.
Von Michael Gruber

Immer wieder werden rund um den Fußball-Platz antisemitische Stereotype bedient und Spieler aufgrund ihrer Herkunft beleidigt und attackiert. Foto Georg Ismar/dpa

Cham.Bei der Geschichte von Anne Frank schießen einem viele Gedanken in den Kopf. August im Jahr 1944, der NS-Terror wütet in Europa, vor einem Wohnhaus in Amsterdam hämmert die Gestapo an die Tür. Jahrelang suchte eine junge Jüdin hier Schutz vor der Deportation ins Massengrab – vergeblich. In Auschwitz folgte sie Tausenden anderen Häftlingen in den Tod. Kaum ein Gesicht verkörpert das dunkle Kapitel des Holocaust so wie das von Anne Frank. Was also hat das mit grölenden Fans in den Kurven von deutschen Fußballstadien zu tun?

So einiges, wie Alex Feuerherdt am Freitagmorgen im Chamer Langhaussaal mit einigen Plakatmotiven demonstrierte, die seit Jahren unter Fußballfans kursieren. Anne Frank ist darauf im weißen Trikot zu sehen, kommentiert mit den Worten „freut sich schon...“, darunter das kryptische Logo „JDN CHM“, ein Code für „Juden-Chemie“. Mit dieser Botschaft zogen Fans des Regionalligisten Lokomotive Leipzig im Herbst 2017 ins Lokalderby gegen den Erzrivalen Chemie Leipzig. Deren Teammitglieder hätten zwar so gut wie keinen jüdischen Hintergrund, sondern seien eher dem linken Spektrum zuzuordnen. „Trotzdem geht es hier darum, gegnerische Mannschaften mit Denkmustern des Antisemitismus zu überziehen und so herabzuwürdigen“, erklärt Feuerherdt, „und recht viel schlimmer ist es eigentlich, ausgerechnet Anne Frank dafür zu missbrauchen.“

Kurt Landauer als Leitfigur

„Antisemitismus ist längst auch in den Fankreisen der Bundesliga präsent“: Im Langhaussaal des Chamer Rathauses referierte der Kölner Schiedsrichter Alex Feuerherdt über Judenfeindlichkeit im Fußball. Fotos: Gruber

Seit 33 Jahren ist der Kölner als Schiedsrichter auf dem Rasen von Oberligisten aktiv. Daneben hat sich der 48-Jährige als Publizist für den Tagesspiegel, die Jüdische Allgemeine und die „Achse des Guten“, dem Blog des Welt-Kolumnisten Henryk M. Broder, einen Namen als Experte für das Thema gemacht: „Kick it out! Zur Genese und Gegenwart des Antisemitismus im Fußball“, lautet Feuerherdts aktuelle Buchveröffentlichung. Auf Einladung des Kreisjugendrings sprach Feuerherdt vor drei Schulklassen über das Phänomen, das derzeit im Erdgeschoss des Rathauses in einer Wanderausstellung beleuchtet wird. „Verehrt-Verfolgt-Vergessen“ titelt die Reise durch die Zeit des braunen Terrors im FC Bayern, bei der das Schicksal des ehemaligen Vereinspräsidenten Kurt Landauer zum Thema gemacht wird, der aufgrund seiner jüdischen Abstammung von den Nazis verfolgt wurde.

Der KJR veranstaltet die Wanderausstellung zur jüdischen Vergangenheit des FC Bayern.

„Dass Antisemitismus auch Jahrzehnte nach dem Krieg immer noch ein Problem darstellt, war mir bekannt“, sagte Bürgermeisterin Karin Bucher in ihrer Begrüßungsrede, „nicht aber, dass es in der Welt des Fußball derartig präsent ist.“ Aus ihrer Sicht neige der Mensch dazu, für alle Dinge, die im Leben schlecht laufen, einen Sündenbock zu suchen und darunter müssten meist die Minderheiten leiden. Warum dieses Phänomen aber längst auch den Dunstkreis von deutschen Spitzenclubs erreicht hat, macht Feuerherdt mit einer weiteren Fotomontage deutlich, die 2017 in Dortmunder Ultrakreisen aufgetaucht ist: Auch hier hält Anne Frank auf einem Spielersticker des FC Schalke 04 den Kopf für den schwelenden Antisemitismus in Fankreisen hin. Wobei derartige Parolen nicht nur auf Bildern, Plakten und T-Shirts zu lesen seien, sondern auch in den Gesängen der Fans laut werden.

Zischen mit Verweis auf das KZ

Anna Frank wird oft für antisemitische Botschaften im Stadion missbraucht.

„Extrem wurde das bei einem Spiel des englischen Clubs Tottenham Hotspur. Hier fingen die gegnerischen Fanblocks an zu zischen, womit sie das ausströmende Gas nachmachen wollten“, erklärt Feuerherdt. Dabei habe der englische Spitzenclub eine ähnliche Vergangenheit wie der FC Bayern, der von den 20er bis in die 50er Jahre zwar von jüdischen Mitgliedern geprägt wurde, inzwischen aber keine religiösen oder ethnischen Mehrheiten mehr im Team habe. Sinnvolle Gegenmaßnahmen sieht Feuerherdt in der Reaktion von Tottenham: „Der Fanblock drehte den Spieß demonstrativ um und hisste die Flagge Israels, obwohl dort keine jüdische Mehrheit vorhanden war.“

Zu Gast waren drei Klassen der Maristen und dem Schumann Gymnasium.

Sich selbst mit der vermeintlichen Beleidigung zu identifizieren, sei eine originelle Variante, um den Antisemitismus verbal zu entwaffnen, findet Feuerherdt. Weitere Ansätze sieht der Experte in der Ausbildung von Schiedsrichtern. In Kölner Kreisen existiere seit einigen Jahren die Unterscheidung zwischen Beleidigungen und Diskriminierungen auf dem Rasen. Wird ein Spieler aufgrund seiner Hautfarbe, Religion oder Ethnie beschimpft, gibt es härtere Strafen als bei einer „neutralen“ Beleidigung. Genauso kann das Spiel bei rassistischen Fangesängen abgebrochen werden.

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