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Landwirtschaft

Kampfbereit für Straße und Stall

Langfristig existenzsichernden Lohn – der Bundesverband Deutscher Milchviehalter will für seine Ziele den Druck auf die Politik erhöhen.
Von Christoph Klöckner

Bildlich gesehen denkt die Politik, die Bauern hinter sich zu haben – wie hier der stellvertretende Landrat Hofmann den Chamer Kreisvorsitzenden Decker, im Rücken hat. Sicher sein darf sie sich jedoch nicht. . Foto: Klöckner

Cham.Die Zeiten, wo Bauern die Goldsteig Molkereien blockierten und Tausende Liter Milch über Äcker und ins Futter schütteten, sind vorbei. Doch vergessen sind sie nicht. Ebenso wenig wie die Ziele, die der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) verfolgt: langfristig einen existenzsichernden Lohn für gute Arbeit zu bekommen. Wie man das erreichen wolle, verkündete am Mittwochabend im Hotel am Regenbogen in Cham Stefan Mann aus dem BDM-Bundesvorstand, der als Referent zur Hauptversammlung des Chamer Kreisverbandes gekommen war. „Bleibt auf dem Land und wehret euch täglich!“, rief er den Landwirten zu.

Für eine Milchpreiserhöhung

Die vergangenen zwei Jahre hätten einiges an Motivation gekostet, gab der BDM-Funktionär zu. Rund 450 Mitglieder hat der BDM im Landkreis Cham – gekommen waren knapp 100. Das Publikum sei überall kleiner geworden, berichtete Mann von anderen BDM-Versammlungen. Doch das Ziel sei das Gleiche wie früher: Man kämpfe für eine Milchpreiserhöhung, um nachhaltig wirtschaften zu können.

Das sei nicht immer einfach – denn, wer die Wahrheit sage, ecke öfter einmal an. Die Planung der EU mit dem „Greening“ gehe von massiven Kürzungen für den Agrarbereich aus – „wir haben keine Angst davor“, so der Hesse. Doch müssten sich die Bauern stärker in Erzeugergemeinschaften zusammenschließen. Aber die Politik habe wiederum auf EU-Ebene dafür gesorgt, dass diese Erzeugergemeinschaften zu klein blieben, um den Konzernen schaden zu können.

Klares Ziel sei es zu anstehenden Wahlen, Einfluss auf die Politik zu nehmen. Etwa, indem für eine Beibehaltung der Mengenregelung – der Quote – eingetreten werde. Dieser Einsatz werde aber aus Deutschland heraus torpediert und auch „Frau Aigner lässt sich hier vor den Karren spannen.“ Der Pferdefleischskandal zeige zudem, dass man einen Milchtourismus verhindern müsse, wo am Ende nicht mehr klar sei, woher die Milch komme.

„Warum macht ihr weiter?“

Nach Berechnung von Dr. Karin Jürgens vom Büro für Agrarsoziologie und Landwirtschaft für Oktober 2012 wurde im Süden des Landes ein Kilogramm Milch für 51 Cent produziert – doch bekamen die Landwirte im Durchschnitt nur 33 Cent dafür. Da müsse die Frage erlaubt sein: „Warum produziert ihr weiter?“ An jedem Schräubchen werde gedreht, um Höfe erhalten zu können, beschrieb Mann, der selbst einen Betrieb mit 120 Kühen und 200 Hektar Land bewirtschaftet. Dass der Stundenlohn unter sieben oder acht Euro sinke, sei ein Grund, warum man keine Nachfolger mehr für Höfe finde. „Früher hat man das Sklaverei genannt, heute ist es Selbstausbeutung“, sagte Stefan Mann.

Er schilderte seine Lage. Ausgebaut habe er 1995 und mit einem Milchpreis von 81 Pfennigen kalkuliert. Zwei Jahre später sei der aber auf 51 Pfennige abgesackt. Daher habe er nochmals 60 zusätzliche Liegebuchten für Milchkühe angebaut – um das herauszubekommen, was er sich mit geplanten 60 Kühen versprochen hatte. Jetzt sei nebenan – dank staatlicher Vergütung – eine 1,2 Megawatt-Biogasanlage gebaut worden, die 850 Hektar Mais brauche. Die Folge: steigende Pachtpreise. Er werde sich bald überlegen können, ob er morgens noch aufstehe, um Geld zu verbrennen oder besser liegen bleibe. Der Staat müsse hier seine Fehler korrigieren, tue es aber nicht. Das gelte auch für die geplante Liberalisierung des Milchmarktes, die falsch sei.

BDM-Bayernvorstand Fritz Wienert hob die Unterschiede zum Bayerischen Bauernverband hervor, der die Quote weg haben wolle. Man werde die Finger in die Wunde legen und die Bürger aufklären, was Politik wolle, so Wienert. Jeder Politiker bekomme „einen Schatten“ vom BDM, um sie zum Agieren für die Landwirte zu bewegen: „Wir werden sie begleiten, wo immer sie sind.“ Man habe selbst bei der CSU Verbündete. An der Aussage von Ilse Aigner, die Bauern könnten doch mit 40 Cent gut leben, zeige sich, was die Arbeit des BDM im Unterbewusstsein dieser Frau bewirkt habe – denn 40 Cent bekomme man ja gar nicht, so Wienert. Politik werde von der Straße aus regiert oder vom Kapital, so eine weitere Stimme. Daher gelte es, den Druck wieder zu verstärken.

Eine Rechnung in der Kritik

Dass trotz der Flaute noch viel Bewegung in den Protestreihen der Milchbauern ist, machte Kreisvorsitzender Roland Decker bei einer Rückschau deutlich. Enttäuscht äußerte er sich zur 40-Jahr-Feier des Landkreises, bei dem kein einziges Wort zur Landwirtschaft gefallen sei. Er rief zur Teilnahme an Demonstrationen bei der Agrarkonferenz im April im Berchtesgadener Land auf. In jedem Fall werde man den Politikern vor den nahenden Wahlen auf den Füßen stehen und sie fragen, wie sie zur Landwirtschaft und zur Milch stehen. Für den 9. Juni werde er Parteienvertreter auf seinen Hof einladen, um zu diskutieren.

„Wir sind aus dem gleichen Stall“, suchte der stellvertretende Landrat Egid Hofmann in seinen Grußworten den verbalen Schulterschluss mit den Landwirten. Es nütze nichts, nur zu schimpfen, sagte er, und versuchte, Boden für die Politik gut zu machen. „Der Landkreis Cham ohne Landwirtschaft ist nichts“, so Hofmann. Es sei wohl ein Versehen vom Landrat gewesen, dass die Landwirtschaft bei der 40-Jahr-Feier übergangen worden sei. Er forderte die Landwirte auf, nicht nachzugeben im Ringen für einem besseren Milchpreis.

Landwirtschaftsdirektor Heribert Semmler, Stellvertreter des grippeerkrankten Chamer Amtschefs Georg Mayer, referierte aktuelle Zahlen zur Chamer Durchschnittslandwirtschaft, fußend auf 124 Betrieben. Im Jahr 2011/2012 hätten diese durchschnittlich 55 Hektar bewirtschaftet und 48 Kühe im Stall gehabt. Unterm Strich habe der Betrieb einen Gewinn von 60400 Euro erzielt.

Dies sei eine Milchmädchenrechnung, warfen Roland Decker wie andere BDM-Vertreter Semmler vor. Stefan Mann ergänzte, man müsse alle Investitionskosten und auch die Zinslast dazurechnen. Die Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben werde immer größer, „und es wird nicht besser werden.“

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