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Rede

Karin Bucher tritt 2020 nicht mehr an

Chams Bürgermeisterin überrascht am Ende des Jahresempfangs selbst enge Weggefährten. „Ich bin zweimal zusammengebrochen.“
Von Johannes Schiedermeier und Frank Betthausen

Bürgermeisterin Karin Bucher und Brigadegeneral Jörg See begrüßten in der Stadthalle zum gemeinsamen Jahresempfang. Zwei Stunden später ließ das Stadtoberhaupt die Bombe platzen. Fotos: Schiedermeier
Bürgermeisterin Karin Bucher und Brigadegeneral Jörg See begrüßten in der Stadthalle zum gemeinsamen Jahresempfang. Zwei Stunden später ließ das Stadtoberhaupt die Bombe platzen. Fotos: Schiedermeier

Cham.Es war schon eine Begrüßung der anderen Art, mit der Bürgermeisterin Karin Bucher beim Jahresempfang der Stadt mit der Panzerbrigade 12 Oberpfalz deutlich machte, wo sie 2019 gerne hin will: Weg von der ständigen Debatte über jede noch so kleine Unbill, die jemandem widerfährt. Hin zu den wichtigen Dingen im Leben – zum Beispiel Respekt, Aufmerksamkeit und Anstand den Mitmenschen gegenüber.

Karin Bucher 2016 in ihrem Amtszimmer bei einer Adventskalender-Aktion mit dem Bayerwald-Echo: Für „Späße“ wie diesen und ungewöhnliche Themen hatte Chams Stadtoberhaupt immer ein offenes Ohr. Foto: Archiv/ef
Karin Bucher 2016 in ihrem Amtszimmer bei einer Adventskalender-Aktion mit dem Bayerwald-Echo: Für „Späße“ wie diesen und ungewöhnliche Themen hatte Chams Stadtoberhaupt immer ein offenes Ohr. Foto: Archiv/ef

Und: Es waren Schlussworte der anderen Art, die sie am Montagabend wählte und mit denen nur die wenigsten in diesem Rahmen gerechnet hätten. Die Politikerin der Freien Wähler kündigte zum Ende des offiziellen Teils in emotionalen, leisen und nachdenklichen Worten ihren Rückzug aus dem Rathaus bei der Kommunalwahl 2020 an. Bucher gab zu verstehen, dass sie nach Jahren des Einsatzes und der Hingabe im Amt auf die Signale ihres Körpers hören wolle.

Besondere Menschen

In einem Interview mit unserem Medienhaus kurz nach der überraschenden Bekanntgabe sagte Bucher: „An Weihnachten habe ich Zeit gehabt, intensiv in mich zu gehen. Die letzten sieben Jahre waren kein Zuckerlecken“. Sie habe dann die Entscheidung getroffen, nicht mehr antreten zu wollen. Das Ganze beim Jahresempfang mitzuteilen, dieser Entschluss sei sehr kurzfristig gefallen.

„Meine Mutter war heilfroh, als ich es ihr mitgeteilt habe.“

Karin Bucher

Auf die Frage, ob sie die völlige Fassungslosigkeit ihrer Zuhörer bemerkt habe, antwortete Bucher: „Ich habe es im Vorfeld nur der 2. Bürgermeisterin und dem 3. Bürgermeister mitgeteilt“. Bereits von ihnen habe sie diese Reaktion bekommen.

„Wenn ich das Gefühl gehabt hätte, dass ich die nächsten sieben Jahre durchstehen könnte mit den Ansprüchen, die ich selbst an dieses Amt habe, dann wäre ich auch noch einmal angetreten“, sagte sie weiter. Aber: Sie sei zweimal zusammengebrochen und habe Schwindelgefühle, wenn sie zur Ruhe komme. „Meine Mutter war heilfroh, als ich es ihr mitgeteilt habe.“

Für sie sei die Mitteilung am Montagabend eine große Erleichterung gewesen. „Es war wie ein großer Stein, der einem vom Herzen fällt“, sagte sie im Gespräch mit unserem Medienhaus. Und: „Ich könnte niemals eine Bürgermeisterin sein, die nichts mehr bewegt.“

Für ein Stadtoberhaupt auch nicht unbedingt alltäglich: Im Sommer legte Karin Bucher die Strecke zu ihren Terminen gerne auf dem Fahrrad zurück. Foto: Archiv, si
Für ein Stadtoberhaupt auch nicht unbedingt alltäglich: Im Sommer legte Karin Bucher die Strecke zu ihren Terminen gerne auf dem Fahrrad zurück. Foto: Archiv, si

Ob sie sich bereits Gedanken über einen Nachfolger gemacht hat? „Ich werde nie diejenige sein, die auf ihre Leute zukommt und sagt: Nehmt den oder den als Kandidaten“. Aber es sei ihr ein großes Anliegen, dass der künftige Bürgermeister Chams ein anständiger Mensch sei, der auf das Wohl der Stadt schaue und nicht auf sein eigenes. Bucher: „Dazu gehört Rückgrat. Denn wer es allen recht macht, schadet der Allgemeinheit. In diesem Job musst du notfalls bereit sein, deinem Nachbarn einen Vollstreckungsbescheid auszustellen.“

„Es gibt noch viel zu tun“

Wie sie ihre eigene Zukunft sieht? Auf diese Frage erklärte Bucher, die seit 2008 im Amt ist und damals ihren Parteikollegen Leo Hackenspiel beerbt hatte, sie brauche jetzt erst einmal ein wenig Ruhe. „Und es gibt in diesem Jahr noch viel zu tun. Meine eigene Zukunft habe ich noch nicht im Auge“, sagte Bucher.

Zu den fassungslosen Zuhörern in der Stadthalle gehörte am Montagabend auch Landrat Franz Löffler. Der CSU-Politiker sagte in einer ersten Reaktion im Interview mit dem Bayerwald-Echo, er habe großen Respekt vor dieser Entscheidung. Sie passe zur Geradlinigkeit der Chamer Bürgermeisterin. Trotzdem bedauere er diesen Schritt, weil er mit Bucher trotz der unterschiedlichen politischen Richtungen sehr gut für gemeinsame Ziele gestritten habe.

„Es war wie ein großer Stein, der einem vom Herzen fällt. Ich könnte niemals eine Bürgermeisterin sein, die nichts mehr bewegt.“

Karin Bucher

Löffler erklärte: „Sie ist halt sehr konsequent, und dieser Job fordert tatsächlich viele Kräfte. Auch wenn immer alle zu dir sagen ‚Nimm dich zurück‘, hat der Job sieben Tage und der Tag oft mehr als acht Stunden.“ Auch für ihn sei die Mitteilung an sich eine Überraschung gewesen, sagte er. Selbst vertrauten Mitarbeitern wie ihrem Fraktionsvorsitzenden Karlheinz Hampel hatte die Bürgermeisterin ihre Entscheidung erst kurz vor ihrem Auftritt beim Jahresempfang mitgeteilt.

Gegen 19 Uhr hatte Bucher wie in den Jahren zuvor – und so, als seien keine Sensationen rund um ihre Person zu erwarten – all die wichtigen Gäste begrüßt, die an diesem Tag gekommen waren. Brigadegeneral Jörg See etwa, der beim dritten gemeinsamen Jahresempfang mit der Stadt unter anderem mitteilte, dass seine Soldaten 2019 in Litauen für die Nato die Flanke nach Russland sichern. Oder all die Politiker, die Geistlichkeit, die Unternehmer, Ärzte, Feuerwehren...

„An Weihnachten habe ich Zeit gehabt, intensiv in mich zu gehen. Die letzten sieben Jahre waren kein Zuckerlecken.“

Karin Bucher


Und: Die Bürgermeisterin hieß auch einzelne Bürger wie das langjährige Mesnerehepaar Sebald, die Pfarrsekretärin Agnes Meyer von St. Jakob oder die Chamer Sängerinnen Otti Sperl und Elfriede Gebert willkommen, die seit 60 Jahren auf der Bühne stehen. Ihren Neffen, den zwölfjährigen Tischtennis-Crack Ludwig Bucher, und Elly Kugler, die 50 Jahre lang Arzthelferin bei den Chamer Frauenärzten war.

BonaVox unter Leitung von Andreas Ernst sorgte für den musikalischen Auftakt zum Jahresempfang.
BonaVox unter Leitung von Andreas Ernst sorgte für den musikalischen Auftakt zum Jahresempfang.

Das Ehepaar Rappert, dessen Friseursalon seit 105 Jahren am Marktplatz besteht, wurde ebenso erwähnt wie die Familie Stauber, deren Betrieb es fast 100 Jahre lang gibt. Das fröhliche Lachen der Maria Stautner fand Erwähnung, die „Magi’s Laden“ schließt, und die Unternehmerfamilie Buschek, deren Lackiererei seit 70 Jahren besteht. Die Bürgermeisterin begrüßte Fritz Raab extra, der seit Jahrzehnten Kassier bei der Chamer Werbegemeinschaft ist. Und das sozial eingestellte Ehepaar Deichert, das die Briefmarke zur Stadthallen-Eröffnung geschaffen hat.

Warum das? „Weil diese Menschen und viele andere unserer Stadt ein unverwechselbares Gesicht geben“, begründete die Bürgermeisterin. Nächstenliebe könne man von ihnen lernen, vorbildliche Dienstauffassung, Freude an dem, was man tut und am Leben. „Viel zu häufig und immer zu Unrecht stehen sie im Schatten derjenigen, die an allem etwas Schlechtes finden und sich über das Haar in der Suppe aufregen, als gäbe es keine echten Sorgen und Probleme. Die destruktiv sind statt konstruktiv“, so Bucher. Nach dem Motto, dass nur schlechte Nachrichten gute Nachrichten sind, erhielten sie ein Vielfaches an medialer Aufmerksamkeit. Deswegen habe sie diese Menschen heute besonders begrüßt und wolle ihnen von Herzen danken.

Der Blick auf das Wichtige

Die Bürgermeisterin kritisierte an diesem Abend insbesondere, dass der Gesellschaft oft durch Kleinigkeiten der Blick verstellt sei auf das wirklich wichtige im Leben – im Großen wie im Kleinen. Deutschland lasse sich lähmen von einer „Flüchtlingskrise“, obwohl die Zahlen deutlich rückläufig seien. Oder von der wochenlangen Debatte über einen aus der Rolle gefallenen Verfassungschutz-Präsidenten.

Zwei Chamer Kampl

  • Alfred Eisenreich, Cham:

    Den Chamer Kampl verlieh die Bürgermeisterin an Alfred Eisenreich (65). Der „Kramer Alfred“ ist Gründungsmitglied der DJK Vilzing, absolvierte als hervorragender Fußballer dort 584 Spiele mit 80 Treffern. Er war Abteilungsleiter von 1981 bis 1985 und Festleiter beim 50-Jährigen. Seit 1970 ist Eisenreich auch bei der Feuerwehr aktiv. Seine große Leidenschaft ist die KuSK Vilzing. Von 1995 bis 1998 war er 2. Vorsitzender, dann führte er die Kameradschaft bis heute unter die TOP 3 der Reservisten im Landkreis. Er war Festleiter beim 100-jährigen und beim 110-jährigen Gründungsfest. Eisenreich erhielt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem das große Verdienstkreuz und das Großkreuz am Bande. Er sei eine herausragende Persönlichkeit, so Bucher.

  • Johann Kelnhofer, Cham:

    Den silbernen Chamer Kampl verlieh die Bürgermeisterin an Johann Kelnhofer (61). Er ist seit 1972 Mitglied der FFW Kothmaißling. Unter anderem war er dort Jugendwart und Ausbilder, 1984 trat er als Mitbegründer des Kreisfeuerwehrverbandes auf und 1998 als Mitbegründer der Arge Chamer Feuerwehren. Er war Kommandant und Vorsitzender seiner Feuerwehr. Zudem leitete er die Umbauarbeiten am FFW-Gerätehaus und bildete im Juli 200 die erste Damenlöschgruppe aus, mit der er das Leistungsabzeichen in Bronze ablegte. 2012 wurde er für 40 Jahre im aktiven Dienst ausgezeichnet und rückt bis heute mit aus. Er engagiert sich bei den Schützen und beim Kapellenbauverein. Deshalb habe er große Verdienste um die Dorfgemeinschaft, so Bucher.

In der Stadt diskutiere man wochenlang über eine Äußerung der Bürgermeisterin über ein Fresko im Rathaus, das den meisten völlig unbekannt sei. Oder man debattiere leidenschaftlich über eine Selbstverständlichkeit wie die Abgabe von Winterkleidung in der Stadthalle.

Die Bürgermeisterin sah eine ganze Reihe von Diskussionsthemen, die in ihren Augen wichtiger wären: Niedriglöhne, geringe Renten, Altenpflege, Verteilung des Reichtums, soziale Gerechtigkeit. Dazu kämen schwindende Artenvielfalt und Klimawandel. Diese Themen verursachten heute Einschnitte und Komfortverzicht, seien aber für die kommenden Generationen eine Überlebensfrage.

„Deswegen will ich dafür eintreten, dass im Kleinen und Großen die wirklich wichtigen Dinge angepackt werden. Das beginnt schon bei der Achtsamkeit gegenüber dem älteren Nachbarn und beim Respekt, der Aufmerksamkeit und dem Anstand gegenüber dem Nächsten“, so Bürgermeisterin Karin Bucher.

Beim Jahresempfang berichtete Brigadegeneral Jörg See über die Ziele der Panzerbrigade 2019. Außerdem wurden Alfred Eisenreich und Johann Kelnhofer aus Cham mit dem Chamer Kampl ausgezeichnet und die besten Schüler geehrt. Den Begegnungspreis 2019 erhielt „cha 13 – Das Kulturhaus“.

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