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Kein Gebäudeschaden, aber 89 Vermisste

In Chamerau waren bei Kriegsende rund 3 000 Gefangene untergebracht. Die Pfarrchronik gibt einen Einblick in die Ereignisse.
Hermann Schropp

Chamerau bei Kriegsende: Auf dem Bild links unten eine Stellung der Amerikaner, die zwei deutsche Aufklärungsflieger abgeschossen hat. Foto: Hermann Schropp
Chamerau bei Kriegsende: Auf dem Bild links unten eine Stellung der Amerikaner, die zwei deutsche Aufklärungsflieger abgeschossen hat. Foto: Hermann Schropp

Chamerau.Chamerau hat den Zweiten Weltkrieg ohne Gebäudeschäden überlebt, obwohl die Lage des Ortes mit einem Flussübergang nicht unbedeutend war. Spuren hinterließ der Krieg aber trotzdem. Im Dezember 1945 warteten Familien auf 89 Männer, die noch nicht heimgekehrt waren.

Die Pfarrchronik gibt Einblick darüber, wie die letzten Kriegstage abliefen: Demnach werden im Herbst 1944 Teile von drei Kompanien in Chamerau stationiert, die nachkommende Kameraden aus Griechenland auffangen sollen. Von diesen gelang es aber nur wenigen, sich durchzuschlagen. Im Frühjahr 1945 wurde im Schulhaus ein Lazarett eingerichtet. 140 Verwundete waren dort untergebracht. Der Unterricht für die Schulkinder wurde im Tanzsaal des Gasthauses Baumgartner abgehalten. Immer mehr Soldaten, die sich vor den anrückenden Russen absetzen wollten, zogen durch das Dorf oder nächtigten dort.

Die amerikanischen Soldaten wurden von den Kindern wegen des Hungers oft angebettelt.  Foto: Hermann Schropp
Die amerikanischen Soldaten wurden von den Kindern wegen des Hungers oft angebettelt. Foto: Hermann Schropp

Das Nahen der Front von Westen her machte sich immer mehr bemerkbar. Die Leute gaben an Lebensmitteln, was sie geben konnten. Zum Glück für Chamerau schlug hier keine Einheit Quartier auf. Dies hätte beim Einmarsch der Amerikaner Folgen haben können. Einquartierungen von Manöververbänden vermerkt Pfarrer Poiger in der Chronik: “Belegt wurde die Gesamtgemeinde (...) wohl (mit) 600 Mann. Im Pfarrhof waren einquartiert ein Oberst, ein Major und ein Leutnant von der Artillerie und ein Hauptmann von der Infanterie, dazu 13 Gemeine und 23 Pferde“. Die Mannschaften, überwiegend fränkische Protestanten, haben sich gut aufgeführt; wenigstens ist eine Klage nicht laut geworden.

Weiter kann in der Chronik nachgelesen werden, wie die ersten Flüchtlingswellen den Ort erreichten: Im Februar 1945 mussten 150 Flüchtlinge aus Schlesien einquartiert werden, wovon auch der Pfarrhof nicht ausgenommen wurde, wo sechs Personen untergebracht wurden.

Auch über den Verlauf der Angriffe gibt die Chronik Auskunft: Am 20. April 1945 überflogen US-Tiefflieger das Tal zwischen Kleinem Rossberg und Eierberg und beschossen dabei die Steffelmühle. Vom 21. auf 22. April wurde die Steffelmühle von den Artilleriestellungen der Amerikaner von Haderstadl aus beschossen. In der Nacht vom 22. auf 23. April 1945 wollte der (Steffelmüllner Karl) nach Meinzing gehen, kam aber gleich wieder zurück, weil bereits aus Bärndorf die US-Truppen auf die Steffelmühle zu kamen.

Chamerau nach dem Krieg

  • Die Besatzer:

    Die amerikanische Besatzung hielt noch sehr lange das Bahnhofsgebäude besetzt und wohnte in Zelten und Häusern. Mitte Juni zog sie schließlich ab. Die längste Zeit blieb eine Gruppe von amerikanischen Soldaten im Schulhaus zur Bewachung des Lazaretts zurück. Bis zuletzt gab es außerdem noch einen verstärkten Posten von drei bis fünf Mann am Dorfeingang, bei Vitus Wanninger. Dort war ein Zelt aufgeschlagen. An der Kreuzung daneben stand ein weiß-blau bemaltes Schilderhaus.

  • Die Heimkehrer:

    Am 30. Dezember 1945, rund acht Monate nach Kriegsende, wurde in Chamerau zu einer Krieger-Heimkehrerfeier eingeladen. 116 Kriegsteilnehmer waren gekommen. Gleichzeitig fehlten aber immer noch 89 Männer aus der Gemeinde zu dieser Zeit. Weiß gekleidete Mädchen und die Ministranten trugen Gedichte vor. Der Chor sang nach der Predigt das von Pfarrer Huber verfasste und von Georg Schächtl vertonte Heimkehrerlied. Für die Heimkehrer waren die vorderen Kirchenstühle reserviert.

Am 24. April wird gegen Mittag der Ort besetzt. Eine Unmenge Autos und Kampfwagen waren auf der Straße. Häuser wurden nach Soldaten durchsucht. Da Bürgermeister Herrnberger nicht anwesend war, wurde auf Vorschlag des Pfarrers Josef Schönberger, Schreiner, zunächst als Bürgermeister aufgestellt. Nach Bekanntgabe der Vorschriften über Ausgangszeiten und Ablieferung der Waffen rückten die Amerikaner wieder ab.

Nachmittags kam wieder eine amerikanische Einheit und bezog Quartiere. Am gleichen Tag richtete die Sicherheitspolizei die Pfarrgebäude als Gefangenenlager ein. 14 Tage lang befanden sich oft bis zu 3 000 Gefangene in den Gebäuden. Sie wurden hier ein bis vier Tage festgehalten, meist ohne Essen. Nach der Auflösung des Lagers sah es schrecklich aus.

Am 26. April wurde zwischen 24 und 1.30 Uhr vom Tal und von Roßberg aus heftig nach Lederdorn, Haidstein und Blaibach geschossen, wo man versteckte Soldaten vermutete. In der Frühe dieses Tages kreisten fünf deutsche Aufklärer über dem Tal, die heftig beschossen wurden. Zwei Flugzeuge stürzten ab, eines bei Haderstadl, das andere bei Wölsting. Der Flieger, der bei Wölsting den Tod fand, wurde auf dem Friedhof in Chamerau beerdigt. Da nur bis 22 Uhr Ausgangszeit war, musste dies schnell gehen. (che)

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