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Internet

Kind im Netz: Chatten birgt Risiken

Broschüre der Computermäuse Stamsried gibt Tipps für Umgang mit den Neuen Medien. Birgit Zwicknagel hat Beispiele eingebaut.
von Steffi Bauer

  • Birgit Zwicknagel präsentiert die neue Broschüre. Sponsoren für eine zweite Druckauflage inklusive Sponsorenlogos werden noch gesucht. Foto: Steffi Bauer
  • Cyber Grooming: Die gezielte sexuelle Annäherung muss dabei nicht unbedingt über den Chat erfolgen, sondern kann auch über „Scheinprofile“ sozialer Netzwerke, wie z.B. SchülerVZ, geschehen. Foto: Uni Gießen

Cham.„Meine Chatbekanntschaft hat gesagt, er heißt Jonas und ist 13 Jahre alt. Er hat mich gefragt, ob ich ein Foto von ihm haben will. Ich hab ihm meine Handynummer gegeben und dann habe ich auf WhatsApp ein Foto von einem erwachsenen nackten Mann bekommen. Meinen Eltern habe ich erst mal nichts erzählt. Mir war das total peinlich“, erzählt ein elfjähriges Mädchen aus dem Landkreis Cham.

Ein Riesenschock für ein Kind, nicht leicht zu verarbeiten und: bei weitem kein Einzelfall, auch in unserer Region. Birgit Zwicknagel hört tagtäglich Geschichten wie diese und noch weitaus schlimmere. Sie hat den Verein Computermäuse Stamsried gegründet, um Kindern, Jugendlichen und deren Eltern in solchen Situationen und bei vielen anderen Problemen rund um den Umgang mit Internet und Co. weiterzuhelfen.

Ein Leitfaden mit 76 Seiten

Ihr Interesse für das Thema wurde durch die eigenen, inzwischen erwachsenen Kinder geweckt – „wobei es damals noch um vergleichsweise harmlose Dinge wie ’Abzocke im Netz‘ und dergleichen ging“, sagt die Stamsriederin. Der Grundstein für die Computermäuse wurde mit ihrem Engagement in der Wolfgang-Spießl-Schule gelegt, so Zwicknagel. Inzwischen hält sie Elternvorträge an Schulen sowie Workshops für Kinder und Jugendliche, Lehrerfortbildungen, Seniorenschulungen.... Und kümmert sich, mit weiteren sechs Vereinsmitgliedern, um die ganz persönlichen Probleme, die die Neuen Medien für Familien mit sich bringen können.

Weil viele Eltern sie danach gefragt haben, gibt sie jetzt ihre Erfahrungen in einer Broschüre weiter. „Clever ins Netz“ ist „ein Leitfaden für den sicheren Umgang mit den neuen Medien“ und umfasst 76 Seiten. Beispiele aus Zwicknagels täglicher Arbeit finden sich darin – dazu gehört auch der Chat, den das elfjährige Mädchen mit dem unbekannten Mann geführt hat. Oder der Fall eines anderen Mädchens, Nadine (13), die ebenfalls angeschrieben wurde von einem angeblich 14-jährigen Jungen – der schon bald Oben-Ohne-Fotos und mehr von ihr haben wollte. Unter anderem ein persönliches Treffen, das zum Glück nie stattgefunden hat, aber nur, weil die Mutter des Mädchens die Nachrichten gelesen und die Polizei informiert hat. „Der süße Junge, mit dem ich online schon ein halbes Jahr zusammen war, war in Wirklichkeit 48 Jahre alt und wohnt nur zehn Kilometer von mir weg“, musste das Mädchen feststellen. „Aber wer genau der Täter war, durfte die Polizei uns nicht sagen“, so Zwicknagel, bei der die Familie Hilfe gesucht hatte. „Er hatte alle Informationen über das Mädchen aus ihrem eigenen Profil.“ Unglaublich: Trotz Anzeige ist dem Täter nichts passiert.

Die Vereinsgründerin ist nach eigenen Angaben „sehr technikaffin“, sieht aber auch die Gefahren, die im World Wide Web lauern. Und das ist nicht nur das Chatten mit Unbekannten. In der Broschüre werden viele weitere Themen behandelt, wie Cyber-Mobbing, Pornografie im Netz, Urheberrechtsverletzung, Phishing, Internetsucht, Rechtsextremismus im Netz, Foren für Essgestörte und Suchmaschinen.

„Was ist eigentlich...?“

Für Eltern ganz wichtig ist der Teil „Was ist eigentlich...?“, zum Beispiel „Facebook“, „Youtube“, „Instagram“. „Diese Frage bekomme ich häufig gestellt“, so Zwicknagel. Auch weit vorne dabei: „Ab wann soll ich meinem Kind ein Smartphone kaufen?“ und „Dieses oder jenes Online-Spiel – ist das schon okay für mein Kind?“ Viele Grundschüler spielen bereits „Call of Duty“ – USK 18. Und die Jugendlichen selbst wollen oft wissen: „Der oder der hat mich angebaggert – kannst du den mal checken?“

Überraschend: Das technische Verständnis der Jugendlichen hat offenbar in den letzten Jahren abgenommen: „Für sie ist es zwar selbstverständlich, Facebook, Twitter und Instagram zu nutzen, aber gerade Kinder wissen oft nicht mal, wie man einen Screenshot macht“, so Zwicknagel. Und es gebe noch zu viele Gesetzeslücken, die Täter fühlten sich oft sehr sicher. Es habe auch schon Fälle gegeben, da standen sie vor den Türen der Jugendlichen. „Psychologisch gesehen ist es gruselig, wie sie die Opfer manipulieren“, sagt Zwicknagel und: „Wir bekommen viele böse Dinge zu sehen, und oft dauert es eine Weile, bis man die selbst wieder aus dem Kopf bekommt. Aber jedes Kind, das eine WhatsApp-Nachricht mit einem Herzchen und einem Danke schickt, wiegt das wieder auf.“

Die Computermäuse

  • Der Verein:

    Seit 2014 sind die Computermäuse Stamsried ein gemeinnütziger Verein. Davor engagierte sich Birgit Zwicknagel über zehn Jahre mit Unterstützung der Wolfgang-Spießl-Schule. Ab 1. Februar ist die erste Auflage der Broschüre „Sicherheit im Netz“ im Buchhandel und bei Amazon für 9,90 Euro erhältlich. Bereits jetzt kann man sie direkt beim Verein unter www.clever-ins-netz.de bestellen. Mit den Erlösen wird der Verein unterstützt. Die Broschüre ist Gesprächsgrundlage für Eltern, Kinder und Jugendliche.

  • Zweite Auflage:

    Momentan werden noch ein oder mehrere Sponsoren für eine zweite Druckauflage inklusive Sponsorenlogos gesucht. Diese Auflage soll dann kostenlos an diejenigen vergeben werden, die beispielsweise mit Jugendlichen arbeiten (Jugendsozialarbeiter der Schulen), Kinderärzte, betroffene Opfer und deren Familien und sozial schwach Gestellte. Das Ziel ist es, die Broschüre deutschlandweit zu verbreiten, um auf diese immer wichtiger werdenden Themen aufmerksam zu machen. (cba)

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