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Vortrag

Klartext bei Flucht und Migration

Stephan Theo Reichel vom Verein „Matteo“ beleuchtet Kirchenasyl und Asylproblematik. Abschotten, das ist keine Lösung.
Von Jakob Moro

Menschen, die nach Europa flüchten, bilden eines der großen komplexen Themen „unserer Zeit“. Foto: dpa
Menschen, die nach Europa flüchten, bilden eines der großen komplexen Themen „unserer Zeit“. Foto: dpa

Strahlfeld.„Willkommen gibt es immer noch. Weshalb schotten sich viele noch ab? Krieg und Bürgerkriege sind ganz nah zu uns gekommen“, sagte der Kurator und leitende Geschäftsführer von „Matteo“, Stephan Theo Reichel, bei der Vorstellung des neuen Vereins „Matteo“ ,im Kloster Strahlfeld. Kirchenasyl ist laut Reichel ein Tabu-Thema in Deutschland. Wenige sprechen es direkt an, noch weniger stehen öffentlich dazu. Weshalb, fragen sich einige? Nun, seitens der Kirche gibt es seit dem neuen Kirchenrecht 1983 offiziell kein Kirchenasyl mehr. Wer heute in der Bundesrepublik Kirchenasyl gewährt, verstößt nach einhelliger Rechtsauffassung gegen geltendes Recht. Die Behörden können rein rechtlich Flüchtlinge aus Gemeinderäumen und Kirchen holen lassen.

„Matteo – Kirche und Asyl“

Sie waren ganz Ohr, als Stephan Theo Reichel über Kirche und Asyl seinen Vortrag hielt. Foto: rjm
Sie waren ganz Ohr, als Stephan Theo Reichel über Kirche und Asyl seinen Vortrag hielt. Foto: rjm

Derzeit gilt laut Reichel eine Abmachung zwischen Kirchen und Bund, so sehen es die Verfechter des Kirchenasyls. Die Kirchen haben vor dem Gesetz keine Sonderrechte. Aber sie haben sich 2015 mit dem Bund geeinigt, dass die Behörden das Kirchenasyl nach Einzelfallprüfung respektieren. Es besteht folglich eine Abmachung zwischen Kirchen und Bund zum Kirchenasyl. Die Kirchen in Deutschland bezeichnen das Kirchenasyl als „Beitrag zum Erhalt des Rechtsfriedens und der Grundwerte unserer Gesellschaft. „Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen“, dort setzt der neue Verein „Matteo“ sein Engagement für Flüchtlinge, Asylbewerber an.

Vers im Matthäus-Evangelium

Stephan Theo Reichel, Kurator und Geschäftsführer von „Matteo“ Foto: rjm
Stephan Theo Reichel, Kurator und Geschäftsführer von „Matteo“ Foto: rjm

Der Kurator und leitender Geschäftsführer Stephan Theo Reichel gab einen Überblick über die aktuellen Migrationsfragen, Aufnahme, Integration und begleitete Rückkehr. Es geht nicht nur um den Umgang mit Kirchenasyl. Evangelische und katholische Kirchengemeinden in Bayern gründeten jetzt einen ökumenischen Verein. „Matteo – Kirche und Asyl“. Der Name nimmt Bezug auf einen Vers im Matthäus-Evangelium: „Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen.“ Hintergrund sei das zunehmend schärfere Verhalten der bayerischen Staatsanwaltschaften gegen Pfarrer und Gemeinden, die Kirchenasyl gewähren. Haupt- und ehrenamtliche wollten sich mit dem Verein stärker vernetzen und schlagkräftiger werden. Kirchenasyl sei aber nur ein Thema, das Matteo aufgreift. „Wir wollen Klartext reden.“ Dies könne ein Verein besser, als Amtsträger in den

christlichen Kirchen, die auf vieles Rücksicht nehmen müssten. Reichel: Nicht nur in Afghanistan, sondern auch in Bulgarin, Ungarn und auch in Italien gebe es in der Flüchtlingssituation Zustände, die „unfassbar“ seien. Es herrsche in Italien großes Chaos. Flüchtlinge, die nach Italien abgeschoben werden, landeten auf der Straße. Viele Flüchtlinge, die derzeit nicht mehr nach Deutschland kommen, blieben in Griechenland und Libyen hängen. Die Lage im Irak habe sich beruhigt. Eine Rückkehr nach Syrien und Afghanistan halte er derzeit nicht für möglich.

„Vierlagerprojekt“ erläutert

Der Referent

  • Manager:

    Stephan Theo Reichel war rund 30 Jahre lang Projekt Manager in einer internationalen Rückversicherung (China, USA, Kanada, Korea, Südost-Asien).

  • Aufgaben:

    Er war Migrationsbeauftragter der Evangelischen Kirche in Bayern und ehrenamtlich für soziale und kulturelle Projekte und Aufgaben tätig.

  • Tätigkeit:

    Im Fokus steht bei ihm die Flüchtlingsarbeit in Bayern und Deutschland. Quelle: Linketin

Ein zweites großes Thema, dem sich „Matteo“ annimmt, ist die „3 plus 2 Regelung“, die Bayern nicht umsetze, so Reichel. Sie bedeute, dass ein Flüchtling, der eine Ausbildung in Deutschland begonnen hat und die rechtlichen Voraussetzungen erfüllt, auch dann die Ausbildung abschließen und eine zweijährige Anschlussbeschäftigung ausüben kann, wenn sein Asylantrag abgelehnt wird. Reichel: „Die ,3 plus 2 Regelung‘ wäre ideal, wenn sie angewendet würde.“ Ein weiteres Projekt, dem sich „Matteo“ annehmen will, nennt sich „Vierlagerprojekt“, gemeint sind die Flüchtlingslager in Manching, Deggendorf, Bamberg und Regensburg, in denen „unmenschliche Zustände“ herrschen würden. In diesen großen Asyl-Rückführungszentren würden Flüchtlinge abgeschottet, ehrenamtliche könnten sie kaum mehr betreuen und Asylsozialberatung sei nur eingeschränkt möglich. Anders als in den früher dezentralen Einrichtungen „werden Härtefälle nicht mehr bekannt. Reichel: „Sie dürfen nicht kochen, ein Wasser holen. Sie haben doch ein Recht als Menschen behandelt zu werden“. Reichel: „Wir wollen“, dass diese vier Einrichtungen geschlossen werden. Er kritisierte die „C-Parteien“, die gegen Familienzusammenführung zerschlagener syrischer Familien seien. Dabei würde es sich um etwa 70 000 Menschen handeln, die durchaus in einem Land wie Deutschland integriert werden könnten.

Fragen der Zuhörer beantwortet

Danach hatten die Zuhörer Gelegenheit Fragen an den Referenten zu stellen, die Reichel beantwortete und abschließend dazu aufrief, sich nicht abzuschotten, sondern sich mit den Migrationsfragen, der Aufnahme und Integration und auch mit der begleitenden Rückkehr zu beschäftigen.

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