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Atelierbesuch

Kunst, die „einfach so passiert“

Michael Schrattenthaler hat in Kritzenast den perfekten (Frei)Raum für seine Kreativität und sein (Familien)leben gefunden.
Von Petra Schoplocher

Modelle zu bauen ist nicht nur Kunst schaffen, sondern auch praktische Hilfe. Hier überlegt er, wie er seine Werke in der Oechsner Galerie in Nürnberg am wirkungsvollsten anordnet. Seine Ausstellung dort dauert vom 5. Mai bis zum 16. Juni. Foto: Schoplocher
Modelle zu bauen ist nicht nur Kunst schaffen, sondern auch praktische Hilfe. Hier überlegt er, wie er seine Werke in der Oechsner Galerie in Nürnberg am wirkungsvollsten anordnet. Seine Ausstellung dort dauert vom 5. Mai bis zum 16. Juni. Foto: Schoplocher

Waldmünchen.Der Blick, der im Vorbeigehen auf einem Stapel Altkleider haften bleibt, der Wunsch, die Erinnerung an die Studentenbude greifbar zu halten, oder die Spuren, die Fußabdrücke auf dem Atelierboden hinterlassen. Aus all dem kann Kunst entstehen – zumindest dann, wenn Michael Schrattenthaler sich damit beschäftigt. Seine Werke entstehen weniger aus Ideen, „es passiert einfach“, erzählt der 47-Jährige.

Seit zwei Jahren lebt der Bildhauer mit seiner Familie in Kritzenast, gerade läuft in Cham eine Ausstellung, die nächste folgt am kommenden Samstag in Nürnberg. „Zur Zeit ist Wahnsinn“, sagt der dreifache Vater, „was an sich natürlich super ist“. Und sicher damit zu tun, dass der gebürtige Österreicher mit sich absolut im Reinen ist. Von dem neuen Familienleben in dem Waldmünchener Ortsteil sagt er, dass „es sich anfühlt, als habe sich ein Kreis geschlossen“.

Das Atelier war mal ein Stall

Die Tür zum Atelier verrät noch, dass dieses einmal ein Stall war. Im Inneren hat sich Michael Schrattenthaler sein Reich geschaffen. Mit Maschinen, Werkzeugen und Plänen – von und für diverse Wettbewerbsteilnahmen. Längst hat der Kritzenaster einen Bekanntheitsgrad erreicht, dass er eingeladen wird. Mit Erfolg: Zuletzt überzeugte sein Entwurf für die Gestaltung des Platzes vor dem Landesamt für Gesund- und Lebensmittelsicherheit in Erlangen.

Wenn ein Kunstwerk entsteht, müssten tausende Entscheidungen getroffen werden, klärt der einstige Meisterschüler, der diese gerne im Modell trifft. Materialität, Technik, Umgebungsbeziehungen – all das könne er schon vorwegnehmen und sich so annähern. „Ich bin ein dreidimensional denkender Mensch“, sagt Schrattenthaler über sich selbst, „deswegen empfinde ich mich wohl als Bildhauer“.

Die Skizzen seines Vaters von seinem Jugendzimmer haben einen Ehrenplatz im Haus. Auch, weil sie eine besondere Liebeserklärung beinhalten. Foto: ps
Die Skizzen seines Vaters von seinem Jugendzimmer haben einen Ehrenplatz im Haus. Auch, weil sie eine besondere Liebeserklärung beinhalten. Foto: ps

Mit 14 Jahren ging der junge Michael nach Graz, weg von Zuhause, lebte in einem Schülerheim und lernte sein Handwerk an der Fachschule für Holz- und Steinbildhauerei von der Pike auf. Als er gespürt hat, dass er seine Leidenschaft zum Beruf würde machen können, öffnete sich ihm ein ganz neuer Kosmos, erinnert er sich. Seine Eltern, die sich als Entwicklungshelfer in Südamerika kennengelernt hatten – der Vater übernahm später die Landwirtschaft der Familie und arbeitete in einer Schreinerei – hätten ihn immer unterstützt. „Wenn du weißt, du hast da jemanden hinter dir, das tut so gut“, stellt Schrattenthaler heraus. Mehr noch: Es gibt Energie.

Der Künstler und die Ausstellung in Cham

  • Ausbildung:

    Der gebürtige Tiroler absolvierte zunächst eine Ausbildung zum Holz- und Steinbildhauer und besuchte dann die Meisterklasse für Bildhauerei in Graz. Als Meisterschüler studierte der heute 47-Jährige dann freie Bildhauerei bei Professor Olaf Metzel an der Akademie der Bildenden Künste in München.

  • Unter anderem wurde Michael Schrattenthaler 2000 mit dem Debütantenpreis ausgezeichnet. 2006 erhielt er den Bayerischer Kunstförderpreis 2007, 2011 ein USA-Stipendium des Staatsministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst.

  • Persönliches:

    Vor zwei Jahren zog Michael Schrattenthaler von München in den Heimatort seiner Frau, einer Architektin, nach Kritzenast. Die beiden haben drei Kinder im Alter von acht, vier und drei Jahren.

  • Ausstellung:

    Seit 15. April zeigt das Cordonhaus Cham „GESTERNHEUTEMORGEN“ von Michael Schrattenthaler (Dauer bis 3. Juni).

  • Veranstaltungen:

    An diesem Sonntag findet um 14 Uhr eine Kuratorenführung statt. Am Sonntag, 13. Mai, besteht um 14 Uhr die Gelegenheit zu einem Künstlergespräch mit Michael Schrattenthaler. (ps)

Ein wichtigstes Kunstwerk gibt es nicht im Leben von Michael Schrattenthaler. „Das, an dem ich gerade arbeite, ist mir immer am nächsten.“ Dennoch gibt es Stücke, zu denen er – entstanden an Wendepunkten oder Schnittstellen im Leben – eine besondere Verbindung hat. Wie das Jugendzimmer, das er bei seiner nächsten Schau in Nürnberg zeigt. Es ist maßstabsgetreu, aber mit einem weißen Schleier überzogen. Das ermöglicht dem Betrachter, seine eigenen Bilder und Erinnerungen mit einzubringen. Dieses „Gefühle-Auslösen“ ist ihm wichtig – Wie auch das Teilen seiner Entdeckungen mit anderen.

„Wenn’s gar nicht mehr geht, mach’ ich was anderes“, sagt der Künstler und erklärt damit zugleich eine gewisse Art „Grundentspannung“. Habe man die nicht, verkrampfe man und blockiere sich selber, erklärt er. Für ihn persönlich komme noch eine weitere Erkenntnis hinzu, die ihn in diesen kreativen Freiraum katapultiere: „Ich habe sehr viel Glück in meinem Leben“, sagt der 47-Jährige dankbar.

Geschichte konservieren

Auftragsarbeiten nimmt er gar nicht an. „Ich mache Sachen, weil ich sie machen muss“, formuliert er. Oft holt er „alte“ Dinge – etwa von Kinderhänden bespielte Autos – in die Gegenwart zurück, konserviert Geschichte und Erlebtes. Auch das, was nicht mehr ganz greifbar sei, existiere dennoch, erklärt er.

Die meisten Arbeiten entstünden aus Dingen oder Themen, die ihn beschäftigen. Dann müsse er hineinwachsen, das Ganze spüren. Irgendwann komme der Punkt, an dem „es für mich passt“. Das sei schon immer das Maßgebende gewesen, „ob es gute oder schlechte Kunst ist, spielt keine Rolle“. Viele seiner Werke würden sich aus seiner Biografie heraus erklären, für ihn ist „Kunst wie eine Sprache in einem anderen Aggregatzustand“.

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