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Milch

Landwirten droht doppelter Verlust

Ein für die Chamer Milchbauern gutes Jahr scheint ein böses Ende zu nehmen. Die Preise fallen und es drohen Strafzahlungen.
Von Christoph Klöckner

Auf die Straße gingen die Landwirte vor einigen Jahren, um bessere Preise für ihre Milch zu bekommen. Ähnliches könnte bald zurückkehren.
Auf die Straße gingen die Landwirte vor einigen Jahren, um bessere Preise für ihre Milch zu bekommen. Ähnliches könnte bald zurückkehren. Foto: dpa

Cham.Das war etwas einmaliges, damals im Jahr 2009. Die Milchbauern riefen zum Milchstreik auf, es gab Demonstrationen und einen Hungerstreik vor dem Kanzleramt, die Goldsteig-Molkereien in Cham wurden von aufgebrachten Bauern blockiert. Der Grund: der mit etwa 20 Cent viel zu niedrige Milchpreis. Seitdem hat sich einiges getan – gerade in diesem Jahr. Vor allem der Preis für die Milch ist stetig angewachsen. Doch seit einiger Zeit geht es jetzt wieder rückwärts. Sind wir wieder auf dem Weg in den Protest?

Der Leiter des Chamer Amtes für Landwirtschaft, Georg Mayer, sieht diese Gefahr nicht. Der Preis bewege sich noch auf einem Niveau, mit dem die Landwirte leben könnten. Derzeit liege der Preis bei etwa 35 Cent je Kilogramm Milch. Doch sei andererseits die Talsohle noch nicht erreicht und für viele Experten auch noch nicht in Sicht. Die gesunkene Nachfrage – vor allem aus dem Ausland – ist der Hauptgrund für den Niedergang des Preises. Dazu kommt, dass der Aufwind bei der Milchvergütung die Landwirte dazu verleitet hat, ihre Milchkühe auf mehr Milch zu trimmen.

Bremsen ist schwierig

Vielleicht hatte der ein oder andere Landwirt bereits den Fall der Quote im Frühjahr 2015 vor Augen und gedacht, dass die bisherige Mengenbeschränkung gar nicht mehr so eng gesehen wird. Ein weiterer Grund ist die tierische Seite der Medaille, sagt Mayer. Denn eine Kuh hat keinen Schalter, an der die Milchmenge, die sie liefert, beliebig erhöht oder reduziert werden kann. „Milchkühe sind nicht einfach zu bremsen“, sagt Mayer.

Die Tiere brauchten einige Zeit, bis sie Spitzenleistungen bringen würden, sagt der Landwirtschaftsdirektor. Genauso schwierig sei das Zurückfahren der Milchmenge. Die Landwirte fütterten zu, was bei guter Futterproduktion in diesem Jahr ohne größere Probleme möglich war. Die Milchproduktion nahm folglich auch zu. Also ein glückliches Leben mit Mehreinnahmen? Im Gegenteil. Das war angesichts der heutigen Situation eine Milchmädchenrechnung, meint Georg Mayer.

Denn die Quote – also die vorgeschriebene Milchmenge, die jeder Landwirt von seinem Hof liefern darf – gilt. Erst ab 1. April 2015 fällt diese bürokratische Hürde in Europa – bis dahin ist die Menge Milch, die zu viel geliefert wird, eine Belastung für den allgemeinen Preis und für jeden einzelnen Hof. Den Bauern droht nicht nur der weitere Preisverfall, sondern auch die eine deftige Rechnung aus Brüssel. Die nennt sich „Superabgabe“ und bestraft die Landwirte für zu viel gelieferte Milch mit einer Zusatzzahlung, die bei 15 bis 20 Cent je Kilogramm liegen wird.

Geht in die Millionen

Und das wird teuer. Was das geldmäßig bedeutet, zeigt ein Rückblick. Im Milchwirtschaftsjahr 2013/14 war die Quotenmenge um 588 000 Tonnen oder 1,9 Prozent überliefert worden, was eine Superabgabe von 163 Millionen Euro zur Folge hatte. Das heißt, bleibt der Preis je Kilogramm überlieferter Milch bei den augenblicklichen etwa 35 Cent, liegt der „Gewinn“ abzüglich der Superabgabe bei etwa 20 Cent. Wobei dann natürlich nicht mehr von Gewinn gesprochen werden könne, da solch ein Preis nicht kostendeckend sei, sagt Mayer. Eine Folge der drohenden Superabgabe sei ein deutlicher Preisanstieg bei der letzten Quotenbörse gewesen. Hier können Landwirte Quotenmenge dazukaufen. Das Kilogramm sei mit 14 Cent gehandelt worden. Liege die Superabgabe bei 15 Cent, habe man immerhin noch einen Cent gut gemacht.

Angst vor einem Datum

Deutschlandweit liege die Überlieferung bei etwa drei Prozent, schätzt Mayer. „Das schaut alles nicht gut aus“, beurteilt Georg Mayer die Lage. Die Wortführer der Proteste von 2009 sehen das ähnlich. Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) sieht sich schon jetzt in dem bestätigt, was er immer gefordert hat: Auch ohne Quote braucht es eine Marktregulierung. Vor allem den 1. April 2015 sieht Hans Nagl, Sprecher des BDM im Landkreis Cham, dabei im Mittelpunkt: „Jeder hat Angst vor dem Datum!“ Und jeder spekuliere, wie viel Milch dann auf den Markt komme und was dann mit dem Preis passieren werde.

Preislich gesehen rollt der Milchzug bereits bergab, „eine Bremse gibt es dann nicht mehr“, so Nagl. Diese Funktion habe bisher die Quote gehabt. Nach 30 Jahren falle sie weg. Für Bayern bringe das ein Problem, das auch die Quote sichtbar gemacht habe. Seit die regionale Begrenzung der Quotenbörsen aufgehoben sei, wandere Milchquote von Bayern in den Norden. Bis dahin habe die regionale Börse eine deutschlandweite Milchproduktion gesichert.

Der Trend nach Norden werde sich wohl verstärken, dort sei einfach die Produktion von Milch günstiger und einfacher. „Das geht an die Existenz und wirft die Frage auf, wie lange in Bayern überhaupt noch Milch geliefert wird“, so Nagl. Es gebe hier schon jetzt fast milchfreie Gegenden. Unterm Strich werde das Milchaufkommen in Bayern sinken, die bayerischen Molkereien würden weniger Milch zur Verarbeitung bekommen.

Die 2 wird kommen ...

Die augenblickliche Situation zeige einen Milchpreis im Verfall, so Nagl. Die EU-Länder wie auch Neuseeland würden massiv Milch produzieren, die Abnehmer wie China oder Russland würden weniger bestellen. Wie weit der Milchpreis runtergeht, ist schwer vorherzusehen. „Wir werden die 2 vorne sehen“, fürchtet Hans Nagl. Das sei dann die Ausgangslage des Protestjahrs 2009. Die Entwicklung werde die Strukturreform weiter anheizen: Weichen oder wachsen sei das Motto. Solange die Politik hier keine Lösung finde, werde der „Wahnsinn“ weitergehen. Der BDM mahne seit Jahren eine flexible Steuerung des Marktes an, anstelle des nun drohenden, freien Marktes. Nur die Fläche reguliere noch – sonst sei es „uferlos“. Die Politik in Bayern wie Landwirtschaftsminister Brunner habe die Entwicklung weg von Bayern noch nicht realisiert, sagt Nagl.

Bruchlandung vor Augen

Mit der Quote gehe außerdem der Quotenwert verloren: Landwirte, die Quote dazu kauften, konnten dies bisher steuerlich als Betriebsausgabe absetzen. Das sei ein weiterer Verlust, rechnet Nagl vor. Letztlich habe die EU die Landwirte seit Jahren mit regelmäßigen Quotenerweiterungen an das kommende Szenario gewöhnen wollen. „Soft landing“ – weiche Landung – so heiße dieses langsame Erweitern in der Behördensprache, um die Bauern an Mehrlieferungen zu gewöhnen. „Was jetzt droht, ist eine Bruchlandung“, sagt Hans Nagl. Davor habe die EU-Kommission Angst. Doch geändert werde nichts – auch nicht am Interventionspreis. Der liege bei 22 Cent je Kilogramm Milch – erst dann reagiere die EU. Für viele wird diese Reaktion zu spät kommen, befürchten die Kritiker.

Die Milchquote

  • Quotenregelung

    Im Jahr 1984 führte die damalige Europäische Gemeinschaft (EG) eine Quotenregelung ein, um die Milchproduktion in den Mitgliedstaaten zu beschränken. Grund war die Überproduktion mit Milchseen und Butterbergen.

  • Feste Quote

    Im Rahmen der Garantiemengenregelung wurde jedem Mitgliedstaat eine feste Produktionsquote für Milch zugewiesen. In Deutschland wurde diese Quote auf die einzelnen milcherzeugenden Betriebe verteilt.

  • Superabgabe

    Liefert ein Milchproduzent mehr Milch als er über Quoten verfügt, wird er sanktioniert, und zwar über die Zahlung einer sogenannten Superabgabe. Die Superabgabe ist so hoch festgelegt, dass die Milchproduktion ökonomisch unrentabel wird.

  • Abschaffung

    Zur aktuellen Reform der EU-Agrarpolitik wurde beschlossen, die Milchquoten-Regelung ab dem 1. April 2015 abzuschaffen. Die Abschaffung führt dazu, dass die Milchkontingente insgesamt bis zum Jahr 2015 planmäßig abgeschrieben werden müssen.

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