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Leben zwischen Ost und West

Wie sich in einem Foto zwei Lebenslinien von Gerhard Sabathil kreuzen – eine europäische Geschichte und die eines Zufalls.
Von Petra Schoplocher

Was für eine Fügung: Professor Dr. Gerhard Sabathil hatte schon ein wenig Zeit, sich mit der Geschichte seines Onkels vertraut zu machen. Für seine Kinder Victoria und Frederic ist die Verwandtschaft zu dem bekannten Maler noch Neuland. Der Waldmünchener Hans Beer (rechts) hat nicht nur Fakten, sondern auch Bilder aus dem bewegten Leben zusammengetragen. Foto: Schoplocher
Was für eine Fügung: Professor Dr. Gerhard Sabathil hatte schon ein wenig Zeit, sich mit der Geschichte seines Onkels vertraut zu machen. Für seine Kinder Victoria und Frederic ist die Verwandtschaft zu dem bekannten Maler noch Neuland. Der Waldmünchener Hans Beer (rechts) hat nicht nur Fakten, sondern auch Bilder aus dem bewegten Leben zusammengetragen. Foto: Schoplocher

Waldmünchen.Ein weit gereister EU-Botschafter, die Einladung zu einer Lesung, der Blick auf ein Foto und dazu die Namen Offner und Ronsperg. Mosaiksteine – Jeder alleine ins Wasser geworfen zöge weite, spannende Kreise. Auch in der Gesamtschau ergibt sich eine „bemerkenswerte Story“. Findet jedenfalls Hans Beer, der an dieser Story nicht ganz unschuldig ist.

Schon vor Jahren hat der Waldmünchener Fotograf ein Faible für die (verborgenen) Schönheiten des Nachbarlandes entwickelt, architektonisch wie landschaftlich – was er freilich nicht losgelöst von ihrer (Kunst)Historie sehen will. So beginnt auch seine persönliche Ronsperg-Geschichte. Das vom Verfall bedrohte Schloss, das benachbarte Kloster Stockau und der jüdische Friedhof haben es ihm angetan. „Das hat mich so gefangen, dass ich immer wieder in dieser Sache unterwegs bin“, erzählt Hans Beer, als er sich mit Gerhard Sabathil trifft – vor dessen erstem Trenckfestspielbesuch.

Porträts der Adelsfamilie

Bleibt Maler Alfred Offner, dessen Porträts Hans Beer schon vor fast 20 Jahren in Bischofteinitz in seinen Bann zogen. Die wiederum sind untrennbar verbunden mit der Adelsfamilie Coudenhove-Kalergi, bis 1945 Besitzer des Schlosses im heutigen Pobežovice und vom 1947 gestorbenen Offner oft gemalt.

Geboren wurde Alfred Offner am 22. September 1879 in Czernowitz (Ukraine). Angaben zufolge war sein Vater Jude. Während seiner Jahre in Pilsen nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges soll er eine Ehefrau und zwei Söhne gehabt haben, später zog er durch Europa und lebte in Wien. Er starb am 20. März 1947 in Ronsperg. Foto: Beer
Geboren wurde Alfred Offner am 22. September 1879 in Czernowitz (Ukraine). Angaben zufolge war sein Vater Jude. Während seiner Jahre in Pilsen nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges soll er eine Ehefrau und zwei Söhne gehabt haben, später zog er durch Europa und lebte in Wien. Er starb am 20. März 1947 in Ronsperg. Foto: Beer

In jenem westböhmischen Städtchen liegen die familiären Wurzeln von Gerhard Sabathil. Als im Frühjahr ein Roman über die Familiengeschichte der Coudenhove-Kalergis erschien ( Bernhard Setzwein: Der böhmische Samurai; Haymon Verlag), fanden in und mit dem Titelfoto von Hans Beer mehrere Geschichten zusammen. Sabathil spricht von einem Aha-Erlebnis. Er wusste zwar, dass ein Maler Alfred Offner sein Onkel war und um den Heimatort seiner Familie, dass beides miteinander verwoben war, war eine Überraschung.

Die Apotheke in Ronsperg, die Gerhard Sabathils Großvater, letzter deutscher Bürgermeister vor der Vertreibung, gehörte. Dessen 19-jährige Tochter bekam am 30. Dezember 1944 Sohn Peter, als dessen Vater der Maler Alfred Offner angegeben wurde und der den Namen des Vaters als Zweitnamen trägt. Peter Kober lebt bei Hamburg. Foto: Beer
Die Apotheke in Ronsperg, die Gerhard Sabathils Großvater, letzter deutscher Bürgermeister vor der Vertreibung, gehörte. Dessen 19-jährige Tochter bekam am 30. Dezember 1944 Sohn Peter, als dessen Vater der Maler Alfred Offner angegeben wurde und der den Namen des Vaters als Zweitnamen trägt. Peter Kober lebt bei Hamburg. Foto: Beer

Hans Beer, der das mitbekommen hatte, durchforstete sofort sein Archiv und war selbst überrascht, wieviel er von und über den Maler zusammengetragen hatte. Wenngleich vieles im Unklaren ist: Hat Offner die Mutter seines Ende 1944 geborenen Sohnes geheiratet? Stimmen die Angaben einer ersten Ehe? Liegt er in Ronsperg begraben? „Es hat schon was von einem Puzzlespiel“, sagt Hans Beer.

Auch Professor Sabathil kann wenig Licht ins Dunkel bringen, schließlich hat er den Onkel nicht gekannt, die Tante starb 1999 und sein Cousin wurde vom neuen Mann seiner Mutter adoptiert. Was er aber weiß: Offners Sohn, der in Hamburg lebt, hat offensichtlich dessen Talent geerbt, „er hat wunderbar gezeichnet“, erinnert sich der Diplomat. Schließlich habe er als Gewerbeschullehrer seine künstlerische Ader sogar in den Beruf einfließen lassen können.

In seinen Ronsperger Zeiten, die sich schwer datieren lassen, hat Alfred Offner nicht nur Schlossbewohner und die Ahnengalerie der Familie Coudenhove-Kalergi gemalt, auch von Ronsperger Bürgern existieren Bilder. Offner malte auch Landschaften, gestaltete Postkarten, Plakate und restaurierte Fresken in der Kirche. Foto: Beer
In seinen Ronsperger Zeiten, die sich schwer datieren lassen, hat Alfred Offner nicht nur Schlossbewohner und die Ahnengalerie der Familie Coudenhove-Kalergi gemalt, auch von Ronsperger Bürgern existieren Bilder. Offner malte auch Landschaften, gestaltete Postkarten, Plakate und restaurierte Fresken in der Kirche. Foto: Beer

Sabathil, ausgestattet sowohl mit der deutschen als auch der ungarischen Staatsangehörigkeit, fühlt sich als Mitteleuropäer. „Ich bin wohl auch einer der wenigen, die wieder da leben, wo Eltern und Großeltern ihre Wiege hatten“. Zuletzt war er Botschafter der Europäischen Union in Korea, in gleicher Funktion lebte er in Norwegens Hauptstadt Oslo, vier Jahre lang hat er die Vertretung der EU-Kommission in Berlin geleitet.

Dass die Paneuropa-Bewegung ihre Wiege in Ronsperg hat, könnte als weitere Fügung durchgehen – wobei der promovierte Wirtschaftswissenschaftler in einer Rezension des Romans selbst das Wort „Filmstoff“ in die Feder genommen hat.

Geheimnisse bleiben

Da passt es, dass Geheimnisse bleiben und weitere Geschichten um die Geschichte. Dass Gerhard Sabathils Romanexemplar etwa derzeit bei einer seiner Töchter in Valencia weilt, weil diese der Stoff so interessiert. „Wer weiß, was daraus werden kann“, schmunzelt Hans Beer.

Oder der Ordner, den Gerhard Sabathil von seinem Vater geerbt hat und der den Schriftverkehr zu einem möglichen Lastenausgleich beinhaltet. „Muss ich mal reinschauen“, meint er mit einem gleichsam neugierigen wie hinterfragenden Lächeln. Auch der Lebensweg Gerhard Sabathils selbst erzählt mit den Ronsperger Wurzeln schließlich eine eigene, europäische Geschichte.

„Stellen Sie sich vor...“ – So beginnt mancher Satz und Sabathil an diesem Sommerabend und man ahnt, mit welchem Interesse und Wissensdurst die beiden Männer die Geschichte, die längst auch ihre geworden ist, weiterverfolgen werden.

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