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Schicksal

Lieber Irak als Waldmünchen

Nach 21 Monaten kehrt Familie Schwan freiwillig in den Irak zurück. Das Gefühl hier war schlimmer als die Angst dort.
Von Petra Schoplocher

Die Möbel sind verschenkt, die Koffer gepackt: Am Samstagnachmittag wird die achtköpfige Familie – auf dem Foto fehlen Mutter Asia und Sohn Ibrahim – in Frankfurt ein Flugzeug besteigen, das sie zurückbringt in den Irak, aus dem sie im Oktober 2015 geflohen waren. Foto: Schoplocher
Die Möbel sind verschenkt, die Koffer gepackt: Am Samstagnachmittag wird die achtköpfige Familie – auf dem Foto fehlen Mutter Asia und Sohn Ibrahim – in Frankfurt ein Flugzeug besteigen, das sie zurückbringt in den Irak, aus dem sie im Oktober 2015 geflohen waren. Foto: Schoplocher

Waldmünchen.Es ist eine traurige Geschichte, eine vom Scheitern, Alleingelassen-Fühlen und von Fremde. Und irgendwie ist es dann wieder eine Geschichte mit einem vorerst guten Ende, mit ein klein wenig Vorfreude und Optimismus. Alles, was Mohammad Schwan in diesen letzten Stunden in Deutschland erzählt, spielt zwischen diesen beiden Extremen.

Nach eineindreiviertel Jahren in Deutschland bringt er seine Frau und die sechs Kinder heute nach Hause – in den Irak. Freiwillig, nach nächtelangen Überlegungen und „mit Angst“. Zwar scheint die Heimatstadt Arbil momentan nicht sehr gefährlich, „aber wer weiß schon, wann der Krieg wiederkommt,“, fragt er sorgenvoll. „Ein bisschen Krieg“ – mit diesen drei Worten beschreibt der 35-jährige Familienvater die Situation, wie sie ihm Verwandte und Freunde schilderten, und die ihn, seine Frau und seine Kinder erwarten wird.

„Wie im Gefängnis“

Dennoch: Mohammad Schwan sah keinen Sinn mehr in dem Leben in Deutschland. Obwohl er sich bemüht habe, Kontakte zu knüpfen, Anschluss zu finden: „Nichts“, erzählt er resigniert. Was folgte, war ein Teufelskreis. Kein Kontakt nach außen, keine Teilhabe, kaum Möglichkeiten, die Sprache zu lernen, keine Chance auf dem Arbeitsmarkt. „Es war furchtbar, ich habe mich wie im Gefängnis gefühlt“, sagt er konsterniert.

Lesen Sie hier: Anerkannt, aber ohne eigenes Dach überm Kopf: Flüchtlinge suchen im Landkreis Cham oft vergeblich nach einer Wohnung.

Die Menschen außerhalb von Behörden und Organisationen, mit denen er in all den Monaten in Deutschland gesprochen habe, könne er an einer Hand abzählen. Sogar seinen Kindern sei es nicht viel besser gegangen. Meist hatten sie in der Schule nur Kontakt zu anderen Flüchtlingskindern. Ihnen erging es ab einem gewissen Zeitpunkt wie ihrem Vater: Sie fanden nicht mehr den Mut und die Energie, sich anzustrengen.

Letzte Gespräche im Flur: Mohammad Schwan und Houssain Kharbeiti (links) Foto: Schoplocher
Letzte Gespräche im Flur: Mohammad Schwan und Houssain Kharbeiti (links) Foto: Schoplocher

Einen Teil dazu beigetragen haben wahrscheinlich die häufigen Umzüge: Passau, Aachen, Regensburg, Cham, Rötz, seit immerhin acht Monaten Waldmünchen. Diese führten dazu, dass sich die Familie stets auf dem Sprung gefühlt habe. Die Frage „Wann müssen wir wieder weg?“ habe eine lange Zeit lang beinahe jeden Tag bestimmt, sagt Mohammad Schwan rückblickend. „Im Grunde hatten sie kaum eine Chance, hier anzukommen“, sagt Houssain Kharbeiti.

Der 49-Jährige kennt die Iraker seit ihrer Zeit in Cham, half immer wieder beim Dolmetschen, mit behördlichen Unterlagen, vermittelte Stellen wie die Caritas oder die Diakonie – und redete mit den Familienmitgliedern, denen er sehr wohl Willen zur Integration unterstellt. Mohammad Schwan unterstreicht, dass „wir ja wollten“.

„Es war sicher viel Pech im Spiel“, fasst Kharbeiti zusammen, der die Aussage von Schwan bestätigt, „nie jemanden von einem Helferkreis gesehen zu haben“. Er mutmaßt, dass die Schwans durch die vielen Ortswechsel durch das Raster gefallen sind. Und dann – nicht zuletzt aufgrund der Sprachschwierigkeiten und großer Zurückhaltung – nicht auf sich aufmerksam machen konnten.

Es geht nicht um Schuld

Der engagierte Waldmünchner, der schon seit 40 Jahren in Deutschland lebt und sich am Freitag extra frei genommen hat, um der Familie am Tag vor der Abreise beizustehen, will, dass die Geschichte der Schwans erzählt wird. Nicht, um irgendjemandem Schuld zuzuweisen. Sondern um „aufmerksam zu machen, dass Menschen hier sind, die Hilfe brauchen“. Noch immer sei die Scheu groß, beobachtet er, dabei „könnten wir im Miteinander-Reden doch so vieles ausräumen“, schiebt er nach. Den Entschluss der Familie, zurückzukehren trotz des Risikos und aller Gefahren, kann er nachvollziehen. „Im Irak bin ich wenigstens frei“, habe Schwan einmal zu ihm gesagt. Worte, die sich eingebrannt haben.

Er habe sich alleingelassen und orientierungslos gefühlt, sagt der Familienvater. Oft habe einfach eine Erklärung gefehlt, warum bestimmte Dinge nötig seien oder erbracht werden müssen. Was etwa Kopiergeld ist. „Es war aber niemand da, der uns das gesagt hat.“ Oder warum „alles“ scheinbar endlos dauert. Die Folge: Unverständnis und zunehmende Skepsis, die irgendwann auch Houssain Kharbeiti nicht mehr zerstreuen konnte.

Flüchtlinge und Helfer im Landkreis

  • Zahlen:

    Rund 800 Flüchtlingshelfer sind beim „Treffpunkt Ehrenamt“ des Landkreises registriert, wie Karlheinz Sölch weiß. Der Leiter der Freiwilligenagentur schätzt, dass sich an die 500 weitere Frauen und Männer für etwa 1500 „geflohene Personen“ engagieren.

  • Konkret:

    „Jeder, der Hilfe braucht, bekommt sie“, unterstreicht er – was Friedrich Schuhbauer, Pressesprecher des Landkreises, bestätigt. Das Ausländeramt, das ja Kontakt mit allen hat, weise auf Möglichkeiten hin. (ps)

Dass Mohammad Schwan trotz des subsidiären Schutzes, den die Familie hier genießt, einer schönen Wohnung und der Möglichkeit, arbeiten zu gehen, aufgibt, zeigt, wie groß der Leidensdruck gewesen sein muss. „Im Irak hatte ich noch kein einziges graues Haar, jetzt schon viele“, gibt der 35-Jährige einen Hinweis auf seinen Gemütszustand. „Wenn die uns nicht mögen, macht es keinen Sinn, hier zu sein“, findet er mittlerweile.

Der IS „vor der Tür“

Als sich die Schwans im Oktober 2015 aufmachten Richtung Deutschland, stand der Islamische Staat (IS) praktisch vor der Tür, die Flucht erschien der einzige Ausweg. So wie nun der Weg zurück „mit all der Angst“. Aber im Irak, argumentiert er, könne er sich wenigstens helfen, habe Bekannte zum Reden. Sein früherer Arbeitgeber wird ihn wieder einstellen, das Haus steht ohnehin noch leer. Dass die Kinder sich gefreut hätten, wieder zurückzukommen und alte Freunde wiederzusehen, mache ihm Mut.

Trotz aller Verzweiflung denkt er gut über Deutschland, in dem man sich sicher wohlfühlen könne. Offensichtlich hat es auch an Glück gefehlt. Glück, das es nun in der neuen, alten Heimat brauchen wird.

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