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Kurioses

Liegt das Bernsteinzimmer im Kreis Cham?

Ein Schatzsucher will das sagenumwobene Prunkstück bei Arrach entdeckt haben. Doch der Waldbesitzer lässt ihn nicht graben.

Helmut Siegert steht auch dem russischen Fernsehen Rede und Antwort.  Fotos: krp
Helmut Siegert steht auch dem russischen Fernsehen Rede und Antwort. Fotos: krp

Arrach.Die Nazis raubten es, viele suchten danach, doch keiner fand es. Zumindest bisher. Das legendäre Bernsteinzimmer (der Wert wird auf unglaubliche 500 Millionen Euro geschätzt) ist längst zum Mythos geworden, es gilt als verschollen. Wer einst Genaueres über den Verbleib wusste, lebt heute nicht mehr. Zahlreiche Legenden ranken sich um das „achte Weltwunder“, das die Preußen 1716 Zar Peter I., auch Peter der Große genannt, zum Geschenk gemacht hatten. Bis heute hat es von seiner Anziehungskraft nichts verloren, im Gegenteil: seine Unauffindbarkeit scheint die Fantasie der Menschen noch zu beflügeln. Die Spur des millionenschweren Beutestücks, das die Nazis 1941 im russischen Zarskoje Selo demontierten, verlor sich Wochen, bevor der Krieg zu Ende ging, irgendwo in Deutschland. Es musste verschwinden, und zwar möglichst schnell.

Schatzsucher finden deshalb keine Ruhe. Einer davon ist Helmut Siegert aus Heidelberg. Der 77-jährige Baumaschinenmeister, dem bereits einige spektakuläre historische Funde als Schatzsucher gelungen sind, ist sich sicher, 47 Jahre nach dem Krieg das geheime Versteck eines lange verschollenen Schatzes gefunden zu haben.

Doch bergen dürfe er ihn nicht, der derzeitige Waldbesitzer zeige sich nicht kooperationsbereit. Nun hofft Siegert, durch öffentliche Bekanntmachung und Aufdeckung der Fakten das Interesse des Staates bezüglich einer Bergung wecken zu können. Die Strecke kenne er auf den Meter genau, er sei im Besitz einer Karte, die die Route exakt preisgibt. Wenige Punkte, Striche, Kreuze, kleine und große Zahlen seien darauf eingezeichnet.

Lesen Sie hier: Die zwei Oberpfälzer Erich Stenz und Georg Mederer jagen nach dem wohl meistgesuchten Kunstschatz der Welt.

Nacht-und-Nebelaktion in Arrach

Helmut Siegert zeigt dem Fernseh- und Radioteam seine Fundstücke.  Fotos: krp
Helmut Siegert zeigt dem Fernseh- und Radioteam seine Fundstücke. Fotos: krp

Grund genug für ein BR-Team mit Renate Roßberger (Korrespondentin Studio Niederbayern/Oberpfalz) und Videojournalist Boris Berg (Abendschau) mit seiner Kamera, um beim Ortstermin in Arrach-Kummersdorf auf Spurensuche zu gehen. Auch ein Team des Russischen Fernsehens war vor Ort. Der Sohn des früheren Waldbesitzers erfuhr von seinen Eltern sowie einigen weiteren Zeitzeugen aus dem Dorf, dass 1944 die SS gekommen war und dort im tiefsten Bayerischen Wald, einem Rückzugsgebiet für Wehrmachtssoldaten, eine Funkstation aufgebaut hatte. In den letzten Kriegstagen rüttelte bei verhängter Ausgangssperre eine Nacht-und-Nebelaktion das Dörfchen Arrach auf. „Im März 1945 wurden auf dem Arracher Bahnhof um 5 Uhr morgens drei Waggons entladen. Trotz Verbot hingen natürlich alle Bewohner an den Fenstern, um den mysteriösen Transport mitzuverfolgen“, wusste dieser zu berichten. Von zwölf polnischen Zwangsarbeitern aus umliegenden Gehöften umgeladen in etwa 20 bereitstehende Pferdefuhrwerke, fuhren schwere Munitionskisten mit Leibstandarte an Ottenzell vorbei auf den Berg zur Einlagerung.

Ein Signalhorn und drei Patronen – sind sie ein Warnsignal, dass der Schatz mit drei Sprengsätzen gesichert ist?  Fotos: krp
Ein Signalhorn und drei Patronen – sind sie ein Warnsignal, dass der Schatz mit drei Sprengsätzen gesichert ist? Fotos: krp

Die SS-Schergen hatten sich der vorrückenden russischen Armee ergeben, sind mit der 11. Panzerdivision nach Russland in ein Lager in Sibirien verbracht worden. Ein sterbender Unteroffizier habe einem gewissen Willi Jahnke (ebenfalls Kriegsgefangener im gleichen Lager) eine Landkarte vom Bayerischen Wald mit Markierungen darauf übergeben, mit der dieser unermesslich reich werden könne. Allerdings chiffrierten SS-Leute den fraglichen Ort auf der Karte. Eingenäht ins Futter des Mantels fand das Kartenfragment seinen Rückweg von Sibirien nach Bayern. 1991 kam DDR-Bürger Jahnke (+ 1995) zurück nach Kummersdorf, um im Gehölz auf Spurensuche zu gehen – erfolglos. Über 50 Jahre später hatte sich der rund 280 Tagwerk große Wald verändert (Wegverlegungen, Erdbewegungen, Baumwuchs). Die zerfledderte Flurkarte gelangte über Umwege in die Hand Helmut Siegerts, der sich mit Vater und Sohn des ehemaligen Waldbesitzers im Mai 1995 mit einem Metalldetektor auf die Suche machte und verborgen unter einer armdicken Wurzel eines Eichenbaumes ein etwa 30 Zentimeter hohes Einmachglas zutage brachte, gefüllt mit drei Patronen, einer Pfeife und einer Dienstanweisung. „Der Stollen ist vermint mit drei Minen. Das ist das Signal dazu ,Achtung!‘“, deutet Siegert die drei gefundenen Patronen.

20 Zentimeter unter der Oberfläche dieses Baumes fand sich die Sanitätskiste mit dem Plan.  Fotos: krp
20 Zentimeter unter der Oberfläche dieses Baumes fand sich die Sanitätskiste mit dem Plan. Fotos: krp

Zwei Meter entfernt fanden sie eine Woche später einen Verbandskasten, in der sich wiederum eine Karte, gezeichnet von Soldaten, befand. Die Kiste war wegen Wasserdichtheit mit Fett eingeschmiert. Eine eigenartig zugeschnittene 12-Pfennig-Briefmarke mit Hitlers Konterfei zerstörten sie vorschnell, nicht wissend, dass sie eventuell einen weiteren wichtigen Hinweis geben könnte. Fünf Jahre lang buddelten sie immer wieder metertiefe Löcher, fanden jedoch nur Bierdosen und weitere Alltagsgegenstände.

Der Wald wurde 1996 versteigert an Michael Ulrich aus Kirchberg. In der ersten Zeit hätten die Schatzsucher in bestem Einvernehmen mit ihm zusammengearbeitet. Ein Streit habe die Zusammenarbeit beendet. Warum aber der unerschütterliche Glaube an einen Schatz? „Warum wird dort ein Plan vergraben? Für nichts und wieder nichts?“, sagen sie, überzeugt, dass diese stark abgesicherte Aktion einen tieferen, wertvollen Grund hat. Auf die Idee, dass bei den Grabungen auch Gefährliches (Panzerfäuste, Maschinenpistolen, Sprengfallen usw.) gefunden werden könnten, kamen die Idealisten bei ihrer über 20-jährigen Suche (1992 bis 2012) nicht. Das Schatzsucher-Fieber lässt sie dennoch nicht ganz los.

Siegert hatte bei dem Ortstermin alle Fundstücke dabei. Auf den Plänen vermerkt sind Zahlen und Daten, die er jahrelang versucht hat, zu entschlüsseln. Kontinuierlich hat er alljährlich dort gegraben. „Es hat sich hingezogen über 23 Jahre.“ Er ist überzeugt von seiner Vermutung: „Wenn da 23 Heuwägen durch den Wald gefahren sind, dann liegt da nicht nur eine Kiste im Wald.“ Aufgeschlüsselt spricht er von 95 Kisten, davon 55 Kisten Barrengold. „Munitionskisten sind 68 Zentimeter lang, 30 breit, 20 hoch. Da kriegen Sie zehn Barren rein. Es könnte also ein Teil des Bernsteinzimmers und Gold dort eingelagert sein.“ Auch Raubkunst jüdischen Erbes vermutet er im Bayerischen Wald. Die Reichsbank Berlin hatte in Regensburg eine Zweigstelle. In den letzten Kriegstagen habe man wahrscheinlich versucht, aus Schutz vor Luftangriffen, alles Wertvolle nach Österreich zu schaffen. Der in Regensburg zusammengestellte Zug sei jedoch wegen der Kriegssituation nicht mehr nach Österreich gekommen, sondern umgeleitet worden. Nachweislich stand er drei Tage in Tittling in einem Tunnel, von den Einheimischen bestätigt. „Das ist der ominöse Zug, der nachweislich über Regensburg, Tittling, Cham nach Arrach gegangen ist.“ Mit Siegert fuhr man zum Parkplatz Höllhöhe, inspizierte den Waldrand. Siegerts Augen leuchteten, gerne zeigte er das Resultat einer wissenschaftlichen Messung, vorgenommen mit einem EMFAD-Gerät. Das Diagramm zeigt ein Farbspektrum von Himmelblau über Gelb bis hin zu sattem Rot, das einen Hohlraum und die Einlagerungen anzeigt. „Und dort sieht man den Eingang.“

Lesen Sie hier: Bei der bisher erfolglosen Suche nach einem angeblichen Nazi-Goldzug in Polen macht sich Ernüchterung breit.

Rätselraten und Kombinationsgabe

Das Interesse des russischen Fernsehsenders MIZ IZVESTIA gründete sich auf einen Funkspruch, einst in den letzten Kriegstagen aufgenommen, von den Engländern: „Bernsteinzimmer von Wachen übernommen und im BschW eingelagert. Obere Gebäudeteile gesprengt, erbitten weitere Anweisungen“. Unter „BschW“ habe man nach dem Krieg vermutet, dass damit der B-Schacht im ehemaligen Kaliwerk Wittekind in Volpriehausen (Niedersachsen) gemeint war. Siegert glaubt, dass die Abkürzung für Bayerischer Wald steht. Am Rand der Karte hatte der offenbar ranghöchste SS-Mann mit fast kindlicher Handschrift vermerkt: „12 Mann ersch.“ Das Bernsteinzimmer war in Buchenwald bis Ende Februar, ist dann mit Lkw nachts verschwunden. „Ich gehe davon aus, dass das Bernsteinzimmer hier in Arrach mit drin sein könnte im handgemachten 14 mal 16 Meter langen Stollen. Dieser liegt an einer Wegkreuzung im Wald.“

„Es gibt viele Schatzsucher, aber ich bin ein Schatzfinder, das habe ich bereits nachgewiesen“

Helmut Siegert aus Heidelberg

Siegert ist sich sicher, nach jahrelangem Rätselraten und Kombinationsgabe mit dem Plan an der richtigen Stelle erfolgreich graben zu können, und hat dies ordnungsgemäß gemeldet. Eigentlich wollte er nie damit an die Presse gehen. Aber nur so sieht er nun eine Möglichkeit, um Druck für die Bergung aufzubauen, eventuell auch vonseiten Russlands. Der Wald sei in Privatbesitz. Nach bayerischem Gesetz dürfe jeder Privatmann zwar überall nach Schätzen suchen, aber keine Erde anheben. Das Bundesministerium für Finanzen, wo er als Sucher registriert ist, habe kein Interesse gezeigt. Ansprechpartner sei die Deutsche Immobilien- und Vermögensverwaltung, Bonn. Die Kosten würde Siegert übernehmen. „Die Lösung wäre, dass der Staat uns hilft, die Fakten aufzudecken.“ Ohne Zustimmung des Grundstückseigentümers gäbe es als letztes Instrument nur die Enteignung. Dass sich solche Schatzsucher-Geschichten meistens in Luft auflösen, entmutigt ihn nicht. „Da findet keiner was ohne geologische Fakten. Es gibt viele Schatzsucher, aber ich bin ein Schatzfinder, das habe ich bereits nachgewiesen“, versichert er zuversichtlich. (krp)

Weitere Meldungen aus dem Landkreis Cham finden Sie hier.

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