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Mixtapes öffneten Himmel und Hölle

Selbst zusammengestellte Kassetten waren früher der heißeste Stoff. Sie haben nicht selten das Leben ihrer Hörer geprägt.
Von Tilo George Copperfield

Kassetten waren früher für junge Hörer der einzige Weg, neue Künstler zu entdecken. Foto: tre
Kassetten waren früher für junge Hörer der einzige Weg, neue Künstler zu entdecken. Foto: tre

Cham.Musik ist wie eine Droge. Gerade in Corona-Zeiten spüre ich das Verlangen, wieder Live Konzerte zu genießen, neue Bands zu hören, mich mit Freunden zu treffen und zu rocken. Musik ist eine Droge. Ich wurde schon recht früh abhängig und schuld waren die Musikkassetten meines Vaters. Ja, Kassetten. Hunderte Stunden Band, das in der Regel vom Radio aufgenommen wurde. Damals musste man ja warten, bis ein guter Song kam, und dann wurde schnell die „Record“-Taste gedrückt.

Dadurch entstand ein Mixtape aus vielen Stilrichtungen. Ich habe das Zeug in mich aufgesogen und konnte die Ansagen der Radio-DJs vor den Songs ebenfalls auswendig aufsagen. Das hatte auch etwas total Individuelles, weil ich dadurch den Musikgeschmack meines Vaters konzentriert auf mehreren Kassetten kennenlernen konnte. Ein unglaublicher Schatz, weil ich ihm dadurch immer noch sehr nah sein kann.

Zum Geburtstag gab’s Kassetten

Unser Kolumnist, der Musiker Tilo G. Copperfield Foto: Carmen Wiendl
Unser Kolumnist, der Musiker Tilo G. Copperfield Foto: Carmen Wiendl

Später traten weitere „Dealer“ in mein Leben. Die Tradition des Mixtapes war ja die einzige kostengünstige Möglichkeit, als Teenager an neue Musik zu kommen. So hatte ich beispielsweise ein Tape von meinem Kumpel Tom, das er von seinem Kumpel Uwe bekam und der hatte es von seiner Lederjacken-Freundin Andrea. Eine Mischung aus Sisters of Mercy, Megadeth, Judas Priest und Motörhead. Das Ding wurde so oft überspielt und kopiert, dass man bei meiner Version schon ganz schön die Lautstärke hochdrehen musste, um noch was zu hören.

Jedenfalls habe ich diese Kassette ein halbes Schuljahr in meinem Walkman und auf meiner 50-minütigen täglichen Busreise in die Schule immer und immer wieder angehört. Ich war süchtig und ständig auf der Suche nach neuem „Stoff“. Mein Kumpel Alex hat mir dann zum 16. Geburtstag zwei kopierte Kassetten geschenkt: „Master of Puppets“ von Metallica und „Voodoo Lounge“ von den Stones.

Da Alex ein toller Zeichner war, hat er auf der Vorderseite sogar das Cover-Artwork der Alben skizziert. Die beiden Tapes habe ich immer noch rumliegen, obwohl ich mittlerweile die Alben natürlich auch im Original habe. Das waren zwei Musikwerke, an deren erste Begegnung ich mich noch genau erinnern kann.

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Bill machte das Unmögliche möglich

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Mit neuen Alben auf einen Trip

Die ersten Töne dieser Alben haben mich total in den Bann gezogen und ich wünschte, ich könnte diesen einen Moment noch mal erleben. Das war für mich eine Erleuchtung und ein Erweckungserlebnis. Der Himmel und die Hölle haben sich gleichzeitig geöffnet und ich fand meine Bestimmung. Ich war auf einem richtig guten Trip.

Bei Abhängigkeiten ist es ja so, dass man dieses eine tolle „High“ immer wieder erleben möchte und deshalb die Droge immer und immer wieder konsumiert. So ähnlich kann man das wohl auch bei Musik sehen. Nur dass Musik nicht den Körper und den Geist zerstört, sondern viele – auch medizinisch nachgewiesene – positive Folgen für die Gesundheit hat. Zumindest ich bin ihr heillos verfallen und erkenne – außer den Folgen für den Geldbeutel – keine Zersetzungserscheinungen.

Zurück zu meinen „Dealern“: Uli, dessen Bruder einen riesigen Scorpions-Aufkleber auf der Motorhaube hatte, war ein Superfan der Toten Hosen, Christian war total auf dem Nirvana-Trip und sah zeitweise fast so aus wie Kurt Cobain. Ich hatte auf meiner Schultasche mit Filzstift die Schriftzüge von einem guten Dutzend Metalbands gemalt. Eine Musikzeitschrift wurde unter uns viermal hin- und hergereicht, und wir waren die Hüter des einzig wahren Musikgeschmacks.

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Dieser Geschmack hat sich über die Zeit geändert, aber gerade in der Zeit der Corona-Beschränkungen habe ich oft darüber nachgedacht, wie wenig Möglichkeiten wir hatten und wie sehr wir uns damals auf neue Sachen gestürzt haben. Die Musik hat uns weit über die Grenzen unserer Heimat hinausgetragen und wir haben uns mit unseren Helden verbunden gefühlt. Sie waren verrückt, cool, laut und haben uns den Sound gegeben, mit dem wir unsere ganzen Alltagssorgen auf Knopfdruck ausschalten konnten.

Die Erinnerungen bleiben immer

Klar! Das war eine Scheinwelt. Für mich gab es aber nahezu keinen Unterschied zwischen den bunten Marvel-Comics von Spider Man bis Wolverine zu den Helden mit Gitarren auf der Bühne. Sie waren unzerstörbar, erfolgreich und konnten Magie erzeugen wie Dr. Strange. Ein bisschen blöd ist, dass der ganze Zirkus viel von seiner Faszination verliert, je älter man wird.

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Die Bürde des Wissens entzaubert so manches Vorbild und man erkennt: Es handelt sich um Menschen wie du und ich. Aber was immer bleibt, sind die großartigen Erinnerungen an Freunde wie Alex, Tom, Uli, Steffi, Andrea, Wolfi... Und die Rolle, die sie in meinem Leben gespielt haben. Alles verbunden mit Erinnerungen an Musik und der Gewissheit, dass auch ich ein Teil ihrer Geschichte geworden bin.

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