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Technik

Momentaufnahmen in Mikrowatt

In der Debatte um den Digitalfunk-Mast beim Waldkindergarten Cham rücken Naturschützer an. Sie prüfen, ob die Gesundheit der Kinder gefährdet ist.
Von Rosi Rackl

  • Neben Anja Linhart misst Robert Kurzmann die Werte am Buchberg beim Tümpel, Helmut Kleisinger und Peter Maempel (beide Vorstandschaft des BN) sind bei der Erfassung behilflich (von rechts). Fotos: Rackl
  • Mit seinem Messgerät nimmt Robert Kurzmann die Werte.

CHAM.Der Wald über der Buchbergsiedlung in Windischbergerdorf strahlt Ruhe aus – und darüber hinaus noch viel mehr. 26 Mikrowatt Strahlung etwa beim Parkplatz des Waldkindergartens. Robert Kurzmann, Vorsitzender des Bundes Naturschutz (BN), hat am Montag den Buchberg begangen, um mit einem Messgerät die Grundbelastung zu überprüfen. Auf der Anhöhe soll ein 40 Meter hoher Digitalfunk-Mast die Verbindung in das Katzbach-Tal sichern. Das bereitet, wie berichtet, neben vielen Anwohnern auch den Eltern der Waldkindergartenkinder große Sorgen.

Ist das viel oder wenig?

Vom Parkplatz aus führt Anja Linhart, Vorsitzende des Waldkindergartens, Kurzmann und seine Begleiter Peter Maempel und Helmut Kleisinger weiter Richtung Piratenfelsen. Zwölf Mikrowatt misst sein Gerät hier in dem felsigen Gelände. Ist das nun viel oder wenig? Kurzmann zuckt mit den Schultern. „Die Bau-Biologie sagt, bei einem Mikrowatt liegt die gesundheitsunbedenkliche Obergrenze, im Schlafbereich gar nur bei 0,1 Mikrowatt.“ Zum Vergleich: Nach Einschätzung des Gesetzgebers liegt die gesundheitsunbedenkliche Obergrenze weit über einer Million Mikrowatt.

„Doch“, informiert Kurzmann, „wird vom Gesetzgeber nur die Wärme gemessen, ähnlich wie bei einem Mikrowellenherd.“ Beim sogenannten Tetra-Funkmasten seien es aber die Impulse, die die gesundheitsschädliche Wirkung ausmachten, und die würden bei den Messungen des Gesetzgebers erst gar nicht erfasst. „Man hat bei Studien festgestellt, dass Kälber bei 110 Mikrowatt an der Kälberblindheit erkranken, bei 200 Mikrowatt hat man einen signifikanten Anstieg von Krebserkrankungen bei Kindern festgestellt.“

Totaler „Handy-Absturz“

Weiter geht es für die Gruppe zum kleinen Waldtümpel. Er liegt am nächsten an der Stelle, an der der Mast geplant ist. 64 Mikrowatt misst Kurzmann hier und weist darauf hin, dass die Messungen immer nur Momentaufnahmen seien. „Die Strahlung verändert sich ständig und es spielt auch eine Rolle, in welche Richtung man das Messgerät hält.“ Am Balancierbalken angekommen, registriert Kurzmann 17 Mikrowatt. Als einer der Anwesenden mit seinem Handy telefoniert, stürzt das Gerät ab. Soviel Strahlung kann das hochempfindliche Messgerät nicht erfassen.

Beim Wald-Sofa funktioniert es wieder, es zeigt 19 Mikrowatt an. Beim Regenunterstand sind es 13. Insgesamt ist Kurzmann zufrieden. „Die Werte sind relativ niedrig im Vergleich zu anderen Orten.“ Sollte tatsächlich einmal ein Tetra-Funkmast auf dem Buchberg aufgestellt werden, haben die Bürger nach seiner Darstellung jetzt zumindest die vorherigen Werte, um einem Vorher-Nachher-Vergleich anstellen zu können. Der BN bietet allen Bürgern an, das nähere Umfeld eines Tetra-Funkmasts gegen Entgelt zu messen, für Mitglieder des BN ist eine Messung unentgeltlich.

„Maximal drei Prozent“

Zur Information hat Kurzmann eine detaillierte Stellungnahme zum Tetra-Funk am Buchberg verfasst, in der er wie folgt schreibt: „Im Oktober 2014 soll im Landkreis mit dem Probebetrieb des von der Staatsregierung verordneten BOS-Funksystems TETRA begonnen werden. Beim BOS-Funk handelt es sich um eine zusätzliche, biologisch besonders aktive, weil gepulste Strahlenbelastung und damit um eine Verschlechterung der Gesundheitssituation der Bevölkerung gegenüber dem bisher verwendeten, ungepulsten Analogfunk.“

Eine Gesundheitsgefährdung durch TETRA wird von Behördenseite unter Verweis auf die Einhaltung der Grenzwerte allerdings nicht gesehen. Laut Innenstaatssekretär Gerhard Eck werden maximal drei Prozent der deutschen Grenzwerte erreicht. Michael Ruhland, Sprecher der Projektgruppe Diginet im Innenministerium, erwartet allenfalls minimale Überschreitungen und sieht selbst bei in unmittelbarer Nähe eines Sendemasts wohnenden Familien mit Kindern keine Gesundheitsgefahr.

„Werte sind zu hoch angesetzt“

„Die Grenzwerte sind jedoch aus gesundheitlicher Sicht zu hoch angesetzt“, hält Kurzmann entgegen. Im Land Salzburg gelte etwa seit dem Jahr 2000 ein Wert, der 10 000-fach unter dem deutschen Grenzwert liege, und das bei einwandfreier Mobilfunkversorgung. Zum Thema Elektrosmog-Verordnung zitiert der BN-Kreisvorsitzende die Weltgesundheitsorganisation. „Keine Normungsbehörde hat Grenzwerte mit dem Ziel erlassen, vor langfristigen gesundheitlichen Auswirkungen wie einem möglichen Krebsrisiko zu schützen“.

Und warum werden die Grenzwerte nicht gesenkt? Eine Antwort darauf hat für Kurzmann Professor Dr. Jürgen Bernhardt, Vorsitzender der Internationalen Strahlenschutzkommission: „Zweifelsfrei verstanden haben wir bei den hochfrequenten Feldern nur die thermatische Wirkung und nur auf dieser Basis können wir Grenzwerte festlegen. Es gibt darüber hinaus Hinweise auf krebsfördernde Wirkungen und Störungen an der Zellmembran.“

Auf die Frage eines TV-Journalisten, warum man Grenzwerte ohne ausreichendes Wissen um die Gefährlichkeit festlege, antwortete der Professor nach Darstellung Kurzmanns: „Wenn man die Grenzwerte reduziert, dann macht man die Wirtschaft kaputt, dann wird der Standort Deutschland gefährdet.“

Niedergelassene Ärzte stellen laut BN im Zusammenhang mit Mobilfunk – bei einer Strahlenbelastung, die einen Bruchteil der deutschen Grenzwerte darstelle – „einen dramatischen Anstieg chronischer und schwerer Erkrankungen“ fest. Zur Zeit gebe es in Bayern 111 Kommunen, die mindestens einen Standort erfolgreich abgelehnt hätten.

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