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Musikalische Geschichtsstunde

Bernhard Stahl reiste im Neukirchener Schlosshof durch das Amerika der Einwanderer. Das Publikum machte die Zeitreise mit.
Johann Reitmeier

Multiinstrumentalist Bernhard Stahl entführte die Zuhörer mit seinen Liedern in die Zeit der amerikanischen Siedlerpioniere.
Multiinstrumentalist Bernhard Stahl entführte die Zuhörer mit seinen Liedern in die Zeit der amerikanischen Siedlerpioniere. Foto: Johann Reitmeier

Neukirchen b H Blut.Die Kulisse im idyllischen Schlosshof war genau so, wie man sie sich seit langer, langer Zeit wieder erträumt hatte: Ein bunt gemischtes Publikum quer durch alle Altersschichten, bereit für einen Abend voll authentischer Folk-Music aus der Pionierzeit von Amerika. Dass Bernhard Stahl, der Multiinstrumentalist aus Bad Kötzting, nicht nur die Freunde dieser Stilrichtung ansprechen würde, zeigte eine liebenswerte Beobachtung am Rande: Die Storchenfamilie auf dem Dach des Pflegerschlosses applaudierte begeistert durch emsiges Klappern!

Nicht alle Tage bekommt man so eine musikalische „Geschichtsstunde“ so lehrreich und vergnüglich geboten, wie das am Mittwoch bei Kultur im Schloss der Fall war. Bernhard Stahl ist nicht nur ein vorzüglicher Sänger mit ausgesprochen vielseitiger, ausdrucksvoller (Bariton-) Stimme und „musikantischem“ Beherrschen diverser Instrumente, er lässt zu seinen Folksongs immer wieder einmal den historischen Kolorit jener Zeit in Amerika einfließen. Die Quellen seiner Lieder, ob Text, ob instrumentale Unterfütterung, weisen stets auf die Herkunft aus den Einwandererländern und ihrer typischen, höchst eigenen Folklore hin. Dazu gehört auch so manche Story, die den Texten zugrunde liegt und die er humorvoll zu übersetzen weiß. Viele der Songs entstammen der Feder von Stephen Collins Foster, der ja auch einer Familie von Siedlerpionieren entstammte und der im 19. Jahrhundert wie kein anderer zu seiner Zeit mit der Frische und Einzigartigkeit einfacher Volkslieder Englands, Irlands, Deutschlands und so weiter die Herzen der Amerikaner eroberte und einen weltweiten Siegeszug seiner Melodien feiern durfte.

Geist der Pioniere in der Musik

Dieser Geist ist immer wieder in der Musik Bernhard Stahls zu spüren, und in seinem Bemühen um Originalität und Authentizität. Dass er dies mit Mitteln zeitgemäßer Elektronik umsetzt, stört kein bisschen. Wobei die Zuhörerschaft erst einmal gelinde erstaunt reagiert, wenn die ersten Loops eine veritable „Band“ vorgaukeln.

Eine erste Kostprobe war bereits im Aufmacherstück zu hören. „Hang me down the walking Lane“ - Gitarrenbegleitung und -solo, die Singstimme mehrstimmig arrangiert – passt! Mit der Ballade „Nelly Blue“ führt Stahl ein Instrument ein, das sich „Mountain dulcimer“ nennt, einer Art „Scharrzither“, wie man sie aus dem Alpenraum kennt, (historisch Scheitholz), und die dem Stück einen starken Rhythmus und einfache Akkorde unterlegt. Der Text ist schön romantisch, überhaupt erzählt jede Nummer, auch die dann folgenden, immer eine eigene Geschichte: „Nelly Blue has a warm heart as a cup of tea“. Ein Instrumental folgt, ein „Friesischer Tanz“, amerikanisch interpretiert mit Mountain dulcimer, Tin whisthle (geloopt) und einer prägnant geschlagenen Rahmentrommel, namens Bodhran– ein tolles Beispiel für die internationale, aus allen möglichen Ethnien sich herausbildende US-Völkergemeinschaft.

Zum Zwischenschwärmen dann eine Liebesballade „Open thy lettice, love“. Stahl übersetzt augenzwinkernd: „Schatzerl, mach’s Fensterl auf“! Und: Sanft und innig ein bekannteres Liebeslied „Beautiful Dreamer“ – passt perfekt gesungen ins Schlossgarten-Idyll („Oh happy days“). Mit „Five March No. 1“ aus dem 18. Jahrhundert wird die Loop-Technik wiederum umfangreich und passend eingesetzt, dazu kommt die ungewöhnliche, aber wirkungsvolle Bass-Drum. Stahl macht keine Schau aus allem, der ist einfach so, wie er ist. Und das ist gut so!

Augenzwinkernde Übersetzung

Ein Ausflug ins Familienleben lässt einen „armen Ehemann“ jammern: „My wife is a most-knowing woman – Meine Frau weiß alles – nichts bleibt ihr verborgen“ mit einem ansteckenden Mountain Dulcimer-Solo. Kein Fuß im Schlosshof bleibt „unbewippt“ - niemand mag sich dieser mitreißenden Musik entziehen. Aus Irland stammt das temperamentvolle „Leave her, Johnny leave her“. A cappella gebracht mit „geloopten“ Überstimmen, kommt der Bariton super zur Geltung. Bernhard Stahl hat sein Publikum da schon längst in der Tasche. Mitklatschen ist angesagt beim Gute-Laune-Stück „Little Brown Jug“ und dann auch beim Mitmacher „Ring, Ring the Banjo“. Zum Schluss hin kommt dann noch ein gutes Bisschen Blue Grass mit ordentlich viel „Wumms“ dazu. Dann noch, zu guter Letzt, eine zungenbrecherische englische Version des guten alten bairischen „Drunt in da greana Au“. (cjr)

Loop-Technik

  • Effekt:

    So entsteht der Eindruck einer kompletten Band. Bei Bernhard Stahl hört sich das aber nicht „künstlich“ an: Alles kommt direkt oder indirekt von ihm selbst – was natürlich Können und gefühlige Musikalität voraussetzt. (cjr)

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