MyMz
Anzeige

Naturdenkmal

Mythisches Ungetüm in Baumgestalt

Die Wolframslinde bei Bad Kötzting zieht die Menschen in ihren Bann. Im Mittelalter soll sie Minnesänger Wolfram von Eschenbach inspiriert haben.
Von Tanja Rexhepaj, MZ

Kreisfachberater Gerhard Altmann kümmert sich intensiv um die älteste Linde Deutschlands. Foto: Schönberger

Bad Kötzting.Mythisch ist es hier. Ein Ächzen ist nur scheinbar zu hören. Doch bei jeder Schneeflocke, die sich auf die moosüberwucherte Rinde der Wolframslinde legt, scheint der uralte Baum aufzustöhnen. Er stützt sich mit letzter Kraft auf zehn Krücken; lässt ihn ein Windstoß erschauern, helfen ihm Stahlseile und Kunststoffgurte sich aufrechtzuhalten. Wie ein fragiles Kunstwerk wirkt die 1000-jährige Linde in Ried am Haidstein bei Bad Kötzting. Im Winter, vollends entblößt, ähnelt sie einem in ein Korsett gezwängten, gebrechlichen Ungetüm. Unvorstellbar, dass sie im Sommer wieder in ihr grünes Blätterkostüm schlüpfen wird; ungeheuerlich, dass sie deswegen sogar alle paar Jahre den „Friseur“ an sich ran lassen muss. So nennt es Gerhard Altmann, Kreisfachberater für Gartenpflege am Landratsamt Cham, wenn alle vier bis fünf Jahre das Zuviel an Zweigen und Laub zurechtgestutzt werden muss. „Die Linde ist sehr vital“, urteilt der Fachmann über seinen prominentesten Baumpatienten.

„Sie wird uns alle überleben“

Seit 25 Jahren besucht Gerhard Altmann die Wolframslinde etwa alle zwei Monate. Inzwischen kennt er sie, die die älteste Linde Deutschlands sein soll, ganz genau. Und er hat die Hoffnung, „dass sie uns alle überlebt“. Deshalb untersucht er sie regelmäßig: Fäulnisstellen, Pilzbefall und Baumumfeld sind Parameter, die er ständig abfragt. Der Stamm der Linde ist vermutlich bereits seit Jahrhunderten völlig ausgehöhlt. Das Innere des Stammes ist mit einer schwarzen Masse zugespachtelt. „Das ist eine Art künstliche Rinde“, erklärt Gerhard Altmann. Bei früheren Sanierungen habe man die Fäulnisstellen weggefräst und anschließend mit dieser Masse verschlossen. Heutzutage ist das tabu. Bei Fäulnis vertraut Gerhard Altmann auf das Immunsystem der Linde. Tatsächlich ernährt sich eine Linde vom eigenen Fäulnismull – sie kann also Fäulnisstellen eigenständig reparieren. Außerdem hat sie die bemerkenswerte Fähigkeit, an etwaigen Schwachstellen mehr Holz wachsen zu lassen, um wieder ein Gleichgewicht herzustellen. Diese natürlichen Fähigkeiten haben der Wolframslinde das Überleben gesichert. Und so hat sie sogar den verheerenden Sturm im Jahr 1950 überstanden. Nur ihre Krone hat sie dabei eingebüßt. Seither schützen sie eigens um sie herum angepflanzte Bäume vor zu heftigen Windböen.

Wem sie selbst einst Schutz geboten hat, darum ranken sich viele Mythen. Angeblich soll ihr höhlenartiges Inneres im 19. Jahrhundert gar als Kapelle genutzt worden sein, in der rund 20 Menschen Platz fanden. Noch früher soll die mannshohe Öffnung im Stamm von einem Schuster und einem Weber als Werkstatt genutzt worden sein. Und um das Jahr 1200 herum hat sich angeblich der Minnesänger Wolfram von Eschenbach im Schatten der Linde so manchen Vers aus dem noch heute berühmten Parzival-Epos einfallen haben lassen. Historisch ist das zwar nicht belegbar, doch im Parzival gibt es tatsächlich eine Stelle, die auf die nahe gelegene Burg Haidstein verweist. Im achten Buch des Parzival ist von einer Markgräfin auf dem Haidstein die Rede. Heimatforscher folgerten daraus, dass Wolfram von Eschenbach auf der Burg Haidstein gewesen sein und auch die nahe gelegene Linde in Ried gekannt haben muss. 1981 meißelte die Stadt Kötzting diesen Mythos in Stein; die vielen Besucher können so direkt vor der Linde nachlesen, was es mit deren Namen auf sich hat.

Eine Messung zur Schadensanalyse

Gerhard Altmann ist einer der treuesten Lindenbesucher. Anders als andere Besucher darf er jedoch das Innere der Linde betreten. Sein Blick wandert über die vielen Knuppen und Knorpel, die sich an den mittlerweile drei separaten Stammteilen herausgebildet haben. „So viele Gesichter hat dieser Baum“, sagt er. Fast dämonisch wirken einige von ihnen. An der Wolframslinde braucht Altmann nicht mehr viel zu untersuchen. Ihr Zustand ist seit Jahren unverändert gut. In seinem Ordner hat Altmann Sanierungsvorschläge abgeheftet: Von einem baumhohen Mittelmast bis zu einem pyramidenartigen Überbau, der die Statik aufrechterhalten soll, ist alles dabei. Doch Gerhard Altmann weiß: „Eine Computerschalltomographie wäre das Einzige, was der Linde wirklich helfen würde.“ Bei dieser modernen Messtechnik zur Baumschadenanalyse würde die Linde alle 20 bis 30 Zentimeter geschallt und so der Zustand des Holzes ermittelt werden. Bis zu 30000 Euro wären dafür nötig, schätzt Gerhard Altmann. Ein Betrag, der sein Budget bei Weitem übersteigt. „Ein Sponsor müsste her“, meint Altmann.

Aus ihrem Korsett aus Bolzen, Stangen und Seilen wird die Wolframslinde trotz modernster Untersuchungsmethoden wohl ihr Lebtag nicht mehr herauskommen. Im Frühjahr, wenn sie grünt und blüht, ist das Gestänge von der Straßenseite, also von den „Zuschauerrängen“ aus, aber kaum zu sehen. Und ihre Altehrwürdigkeit wird durch die Krücken eher noch unterstrichen.

Mit imprägnierten Wunden und den sie umstehenden Helferlein, den Windschutz-Bäumen, trotzt die Wolframslinde Jahr für Jahr den Launen der Natur und der Menschen. Manchmal meint man ein leichtes Ächzen zu hören, in den kalten Wintertagen. Doch im Sommer, da versprüht die Wolframslinde plötzlich Kraft und wird zu dem, wofür sie von unzähligen Menschen bestaunt wird: zum mythischen, grünen Ungetüm in Baumgestalt.

Allgemeine Infos: Wolframslinde in Ried am Haidstein bei Bad Kötzting

- Naturdenkmal seit 1957: Den Namen Wolframslinde trägt der Baum seit der Jahrhundertwende um 1900; damals benannte man ihn nach dem mittelalterlichen Minnesänger Wolfram von Eschenbach, der hier um das Jahr 1200 herum an seinem Parzival-Epos geschrieben haben soll.

- Gattung: Winterlinde (wissenschaftlicher Name: Tilia cordata)

- Alter: geschätzt auf 1000 Jahre

- Höhe: ca. 10 Meter

- Stammumfang: 13 Meter (gemessen um die drei separaten Stammteile herum)

- Eigentümer: Landkreis Cham

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht