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Kultur

Nelson Mandela: Ein Vorbild, das fehlt

Im 100. Geburtsjahr des Staatsmanns zeichnet Stephan Bierling in Cham das Leben des Mannes nach, der mit Würde Frieden schuf.
Von Christoph Klöckner

Er hatte die Zuhörer mit Nelson Mandela im Rücken gut im Griff: Prof. Stephan Bierling begeisterte mit seiner packenden Erzählweise. Foto: Klöckner
Er hatte die Zuhörer mit Nelson Mandela im Rücken gut im Griff: Prof. Stephan Bierling begeisterte mit seiner packenden Erzählweise. Foto: Klöckner

Cham.Für Jüngere ist er vielfach schon ein Unbekannter, obwohl er etwas Einzigartiges vollbracht hat. Fragt man heute nach einem großen, schwarzen Politiker, landen denn auch viele gleich bei Ex-US-Präsident Barack Obama, dem eher umstrittenen Friedensnobelpreisträger von 2009. Dabei hat Obama ein Vorbild, dessen Leistung unbestritten nobelpreiswürdig war: der südafrikanische Politiker Nelson Mandela, der 1993 mit dem Preis ausgezeichnet wurde.

Nicht umsonst schließt Professor Stephan Bierling sein Buch zu Nelson Mandela, das er am Montagabend in der Buchhandlung Rupprecht in Cham vorstellte, mit einem Zitat des Südafrikaners, das Barack Obama 2017 nach den rechtsextremen Ausschreitungen in Charlottesville twitterte: „Menschen müssen zu hassen lernen und wenn sie zu hassen lernen können, dann kann man sie lehren, zu lieben.“

Das Hassen gelernt

Nicht nur Essen und Genießen, sondern auch Zuhören und Genießen – dazu hatte die Buchhandlung Rupprecht geladen. Mancher Zuhörer ließ sich das Mandela-Buch nach der Lesung von Stephan Bierling signieren. Foto: Klöckner
Nicht nur Essen und Genießen, sondern auch Zuhören und Genießen – dazu hatte die Buchhandlung Rupprecht geladen. Mancher Zuhörer ließ sich das Mandela-Buch nach der Lesung von Stephan Bierling signieren. Foto: Klöckner

Mit diesen Worten hat Mandela auch die eigene Lebenserfahrung verarbeitet. Hassen hat Nelson Mandela gelernt – die tagtägliche Diskriminierung im Südafrika zu Zeiten der Apartheid wirkte. „Rebell – Häftling – Präsident“ heißt deshalb auch der Untertitel von Professor Stephan Bierlings Buch, das keine neue Lobeshymne auf den politischen Anführer der Schwarzen und friedlichen Versöhner Südafrikas sein will.

Das betont er beim Besuch in Cham und schildert die Schwierigkeiten, die ein wissenschaftliches Arbeiten zum Leben Nelson Mandelas lange Jahre unmöglich machten. Ein Tiefergraben, ein kritisches Betrachten des Lebens sei dabei in Südafrika selbst gescheitert, wo Mandela bis heute von manchem als Heiliger verehrt werde. Dabei beinhalte sein Leben tragische Kapitel, etwa dass er nach Herzinfarkt noch so lange mit Maschinen am Leben erhalten wurde, um mit seinem dann terminierten Tod für den Wahlkampf des ANC noch Stimmen zu sammeln. Tragisch sei auch manche seiner Beziehungen zu Frauen ausgegangen oder der Kontakt zu Potentaten wie etwa Gaddafi.

Das Buch zum 100. GeburtstaG Mandelas

  • Mandela:

    Nelson Mandela würde in diesem Jahr am 18. Juli seinen 100. Geburtstag feiern. Pünktlich dazu hat jetzt Professor Stephan Bieling, der an der Uni Regensburg Politikwissenschaften lehrt, die erste umfassende Biographie in deutscher Sprache geschrieben.

  • Buch:

    Das Werk schildert auf rund 400 Seiten das bewegte Leben des großen schwarzen Südafrikaners, des Friedensnobelpreisträger und Versöhners, von seiner Geburt bis zum Tod vor fünf Jahren. Das Buch „Nelson Mandela – Rebell, Häftling, Präsident“ ist im C.H.Beck Verlag erschienen (ISBN 978-3-406-72143-4) und ist für 24,95 Euro im Buchhandel erhältlich. (ck)

Bierling hat für seine Recherche zahlreiche Quellen gesichtet, die bislang unberührt waren und das Bild Mandelas vervollständigen. Etwa aus dem Gefängnis von Robben Island geschmuggelte Aufzeichnungen, wo Mandela Jahrzehnte in Haft saß und die erst 2014 entdeckt wurden. Sie zeigen laut Bierling einen wütenden, gewaltbereiten Mandela. Er hat auch Zeitzeugen als wichtige Quellen aufgesucht, wie den Verteidiger Mandelas im Revonia-Prozess, bei dem Mandela die Apartheidregierung der Buren auf die Anklagebank setzt und weltweit in den Fokus gerät, als er dem Richter deutlich sagt, dass er schuldig im Sinne der Anklage und auch bereit sei, für seine Überzeugungen zu sterben. Befeuert durch seine Statements und auch durch den rigorosen Unterdrückungskurs der Burenregierung wird Südafrika international zunehmend isoliert und geächtet.

Die Würde als Basis

Stephan Bierling seziert die Entwicklung Mandelas für das Publikum in fünf Teile. Es startet auf dem Lande, wo Mandela aufwächst, in Missionsschulen fürs Leben lernt und als einer der ganz wenigen Schwarzen Rechtsanwalt werden darf, bevor er sich beim ANC gegen Apartheid, Rassismus und Diskriminierung engagiert und nach dem Gefängnis sein Land in eine Demokratie überführt. Stephan Bierling verweist auf rote Linien, die das Leben Mandelas – ob als kämpfender Rebell, als unterjochter Häftling oder als lenkender Staatsmann – durchziehen.

Es sind die Würde, der aufrechte Gang des für sein Land großgewachsenen Mannes und die Disziplin, die er sich als adoptierter Häuptlingssohn anerzieht und damit alle Blicke auf sich richtet. Nur durch diese Basis der persönlichen Stärke und inneren Ruhe – neben seinem schlauen Taktieren und Verhandeln – habe es ihm gelingen können, 1994 Südafrika vom Rand des Bürgerkriegs wegzureißen und friedlich zu einen. Wobei das Land heute noch nicht die „Regenbogen-Nation“ sei, die Mandela vorschwebte, und viele seiner Erben enttäuscht hätten. Noch immer werde dort nach Hautfarbe gewählt, so der Referent.

Die engagierte Darstellung Professor Bierlings, der seine Chamer Zuhörer zwei Stunden mit seinem lebendigen Erzählstil fesselt, macht letztlich auch klar, was heute zu Zeiten Trumps, Putins oder Erdogans fehlt: ein moralisches Weltgewissen wie Nelson Mandela.

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