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Online-Vorlesung locker vom Hocker

„E-Learning“ sieht einfach aus - dahinter steckt aber viel Arbeit, weiß der Kötztinger Professor Erich Wühr aus Erfahrung.
Von Roman Hiendlmaier

Nicht für den Ausweis sondern für Akademiker: Prof. Erich Wühr hält eine digitale Vorlesung bei sich zuhause. Foto: rh
Nicht für den Ausweis sondern für Akademiker: Prof. Erich Wühr hält eine digitale Vorlesung bei sich zuhause. Foto: rh

Bad Kötzting.Kleiderschränke, Krimskrams, Limo-Kästen: Im Keller der Familie Wühr sieht‘s aus wie in jedem anderen. Allerdings nur so lange, bis Prof. Erich Wühr eine Tür öffnet: Im Zimmer dahinter befindet sich eine Szenerie, die man von Ausweisbildern im Fotostudio kennt. Ein Stuhl, davor auf Stativen zwei, drei Leuchten und eine Kamera, dahinter eine weiße Leinwand.

Einziger Unterschied zum Fotostudio ist vor dem Stuhl ein kleiner Tisch, auf dem ein Laptop steht. Wühr knipst Kamera, Leuchten und Computer an, nimmt am Hocker Platz und breitet die Arme aus: „Fertig ist das Set für eine Online-Vorlesung,“ lächelt er. „Wenn die Vernetzung steht, könnte ich als Gastgeber eigentlich loslegen: „Liebe Studierende, herzlich Willkommen zu meiner Vorlesung...“

Chancen und Grenzen

Der Prof im Bild: Digitale Wissensvermittlung sieht auf den ersten Blick einfach aus – zu beachten gibt es dabei aber vieles, vom Gastgeber wie den Zuhörern. Foto: rh
Der Prof im Bild: Digitale Wissensvermittlung sieht auf den ersten Blick einfach aus – zu beachten gibt es dabei aber vieles, vom Gastgeber wie den Zuhörern. Foto: rh

Dass der Bad Kötztinger Zahnarzt und Kieferorthopädie seit 20. April nur ein paar Stufen nehmen muss, um als Professor an der TH Deggendorf Gesundheitsförderung und Prävention zu unterrichten, ist einer einmaligen Situation geschuldet: „Das Sommersemester wird vorwiegend digital stattfinden,“ verkündete Wissenschaftsminister Bernd Sibler Mitte April. Präsenzveranstaltungen und Prüfungen sollen bis auf Weiteres die absolute Ausnahme bleiben. Die Hochschulen konnten sich also nicht peu à peu auf das Online-Lehren einstellen, das musste quasi ad hoc über Nacht geschehen. Praktika gäb’s online ohnehin nicht.

„Digitale Lehre war bisher ein Pflänzchen, das nun schnell wachsen muss“, sagt Erich Wühr. „Digitales Lernen“ oder „E-Learning“ tat sich im staatlichen Bildungsbereich immer schwer. Trends aus den USA oder Asien schwappten mit Verzögerung nach Deutschland. „Viele Inhalte können heute digital vermittelt werden“, sagt Wühr aus jahrelanger Erfahrung seines Fachverlags für Systemische

Medizin. Die gedruckte Ausgabe ist dort schon lange in der Minderheit, Online-Seminare und Video-Trainings sind international bei der Spezialisten- Aus- und Fortbildung im medizinischen Bereich Standard. Nur eben in Deutschland nicht. Nicht jeder Student habe einen schnellen Rechner für Videokonferenzen. Und nicht jeder Professor das Know-how, Lehrinhalte in eine digitale Form zu gießen.

Tatsächlich ist die neue Lehre leichter gesagt als getan, auch für den Kötztinger Präventions-Professor.

Denn was auf den ersten Blick nach „einfach einschalten und loslegen“ aussieht, ist zeitaufwendige Arbeit, die auch dem in der Sache erfahrenen Wühr nicht einfach so locker vom Hocker erledigt. Abgesehen von der Einrichtung der Hard- und Software und von den zig Stunden, in denen er sich die digitale Technik und auch die Wissensvermittlung mit Grafiken oder Animationen autodidaktisch anlernte: „Für die Vorbereitung und Nacharbeit einer Vorlesung brauche ich mindestens zwei Stunden - früher noch deutlich länger.“

Das Studium der Zukunft

  • Ausnahmesemester:

    Seit dem Beginn des Sommersemesters am 20. April findet der Lehrbetrieb an Bayerns Universitäten und Hochschulen in der Regel online statt. Daran soll sich während des laufenden Semesters auch nichts ändern.

  • Regelstudium

    : Bayerns Wissenschaftsminister Bernd Sibler fördert und fordert den Ausbau des digitalen Unterrichts. Die digitalen Angebote sollen Präsenzveranstaltungen und den regulären Lehrbetrieb nicht ersetzen, aber Teil eines neuen Studienbetriebs werden, so Sibler. (rh)

Allerdings habe die Produktion von Lernvideos, Webinaren, oder die Vorbereitung von Chats oder Webkonferenzen gegenüber der Standard-Vorlesung auch einen entscheidenden Vorteil: Sie sind dauerhaft präsent. „Die Studenten wie auch ich können die Inhalte immer wieder abrufen, wenn etwas nicht gleich verstanden oder vergessen wurde. Man kann darüber diskutieren, Fragen stellen, Kurz- und Zusammenfassungen erstellen. So entstehen ganz neue Möglichkeiten.“

Obwohl von Corona beschleunigt, ist es nach Wührs Ansicht immer noch ein weiter Weg: „Die Online-Lehre ist noch weit entfernt von der Präsenzlehre.“ Was auch an den begrenzten Möglichkeiten des schnellen Austausches liegt: „Zwar haben auch in einer regulären Vorlesung viele Studenten den Rechner aufgeklappt, blicken auf den Bildschirm und tippen“, erzählt Wühr. „Aber es ist eben auch eine Interaktion möglich.“ Auch wisse man noch zu wenig über den Lernfortschritt, wenn jeder Student täglich stundenlang Webvorlesungen ansehe und seine Aufgaben alleine am Rechner mache. Um im Homeoffice durchhalten, brauche es zudem eine Menge Disziplin.

In Zukunft „Blended Learning“

Und dennoch: Die Zukunft gehört Wührs Ansicht nach dem digitalen Lernen, genauer dem „Blended Learning“ - einer Mischung von digitalem und präsentem Lernen vor Ort: So könnten die Inhaltsvermittlung und -erschließung über das Internet erfolgen, gemeinsame Präsenzphasen für die Vertiefung genutzt werden.

Im Kleinformat will Erich Wühr das bereits kurzfristig anwenden: Nach jetziger Planung sieht der Präventions-Prof seine Studis Anfang Juli für wenige Tage wieder. Dann soll in Deggendorf das digital Vermittelte im Hörsaal reflektiert und angewendet werden.

„Das Lernen der Zukunft ist ortsunabhängig, digital und lebenslang,“ zitiert Prof. Erich Wühr einen Standard-Spruch von E-Learning-Pionieren. Was dazu aktuell in den Schulen und Hochschulen abläuft, sei erst der Anfang.

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