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Beruf

Passion für ein altes Handwerk

Bei Josef Buchinger in Kalkofen trifft Tradition auf Moderne. Der 61-Jährige ist Schreinermeister, Wagner und Schmied.
Von Wolfgang Baumgartner

  • Josef Buchinger ist ein Meister seines Fachs wenn es um Schreinerei, Wagnerei und Schmiedearbeiten geht. Foto: Baumgartner
  • Der Wagenreifen wird auf rund 400 Grad erwärmt. Dadurch dehnt sich das Eisen aus und der Reif passt auf das Holzrad. Beim Abkühlen presst der Eisenring dann den Radlauf und die Speichen in die Nabe. Foto: Baumgartner

Arnschwang.Der Mechaniker des Mittelalters war der Wagner. Neue Räder, Achsen, Kufen oder Speichen brachten diese Zunft ins Rollen. Bereits im 14. Jahrhundert finden Wagner in Schriften Erwähnung. Neben den Reparaturen stellte er auch ganz neue Ersatzteile und Werkstücke her. Um dies im vollen Umfang leisten zu können, arbeitete der Wagner nicht selten mit dem Schmied sehr eng zusammen.

Hightech gibt es beim Wagner-Handwerk nicht. Mit dem Buchsenbohrer aus dem vergangenen Jahrhundert  kann er das Loch für die Achse im Radhaufen exakt zentrieren. Foto: Baumgartner
Hightech gibt es beim Wagner-Handwerk nicht. Mit dem Buchsenbohrer aus dem vergangenen Jahrhundert kann er das Loch für die Achse im Radhaufen exakt zentrieren. Foto: Baumgartner

„Der Schmied ist das Bruderhandwerk des Wagners“, sagt auch Josef Buchinger. Der 61-Jährige aus Kalkofen bei Tretting in der Gemeinde Arnschwang ist einer der wenigen im Freistaat, der diese beiden alten Handwerke noch beherrscht. Entsprechend gefragt sind auch sein Know-how und sein handwerkliches Geschick.

Gewusst wie

Der gelernte Schreinermeister hat sich quasi auf dem „zweiten Bildungsweg“ das Wagnerhandwerk angeeignet. Und weil ohne Schmied nichts geht, machte sich Josef Buchinger auch auf diesem Gebiet schlau. Mit dem Wissen von drei außerordentlich traditionsreichen Handwerksberufen und der entsprechend technischen Ausrüstung – sie ist zum Teil fast 100 Jahre alt – könnte Josef Buchinger zum Beispiel einen komplett neuen Leiterwagen bauen. „Der würde allerdings rund 70 000 Euro kosten“, schmunzelt der 61-Jährige. Und mit zunehmendem technischen Fortschritt und der Industrialisierung würde so ein Wagen auch gar nicht mehr benötigt. Gefragt dagegen ist das handwerkliche Geschick von Josef Buchinger, wenn es um die Reparatur und Wartung solcher Raritäten geht. Ein Exemplar steht aktuell in der Werkstatt in Kalkofen Nr. 2. Es ist ein „Spritzenfahrzeug“ der freiwilligen Feuerwehr Penting aus dem Jahr 1906. Also exakt in der Epoche, in der Josef Buchinger ein absoluter Spezialist ist. Die Eisenringe an den Rädern des historischen Fahrzeugs müssen heiß aufgeschrumpft werden. In diesem Zusammenhang überprüft Buchinger auch gleich den Sturz der Räder. Sollte dieser nicht passen, muss die Achse ausgebaut und glühend in den entsprechenden Winkel gebracht werden. „Stimmt der Sturz nicht, gehen unweigerlich die Buchsen in den Radhaufen kaputt, weil die Schmierung nicht funktioniert“, erläutert der Experte. Die Langlebigkeit eines Holzrades am Wagen hängt also nicht unmittelbar mit der Arbeitsqualität des Wagners zusammen, sondern Schmied und Wagner müssen hier exakt zusammenarbeiten. Dies war früher kein Problem, waren doch in jedem größeren Ort beide Handwerksberufe vertreten. Doch mit zunehmender Mechanisierung in der Landwirtschaft wurden aus den Schmiedebetrieben Landmaschinenhändler. „Die Wagner verschwanden!“ Nur nicht in Kalkofen. Josef Buchinger, weit über die Grenzen des Landkreises hinaus wegen seiner handwerklichen Fähigkeiten als „Holzwurm“ bekannt, wurde als Schreinermeister immer häufiger gebeten, Reparaturen an alten Wagen und Kutschen vorzunehmen. Der 61-jährige besorgte sich stapelweise Literatur über das Wagner-Handwerk und experimentierte. Learning by doing reichte dem Fachmann allerdings nicht aus.

Aktuell arbeitet Josef Buchinger an einem Handspritzengefährt der FFW Penting aus dem Jahr 1906. Die Eisenringe an den Rädern müssen neu aufgeschrumpft und der Rädersturz kontrolliert werden. Foto: Baumgartner
Aktuell arbeitet Josef Buchinger an einem Handspritzengefährt der FFW Penting aus dem Jahr 1906. Die Eisenringe an den Rädern müssen neu aufgeschrumpft und der Rädersturz kontrolliert werden. Foto: Baumgartner

Vor sechs Jahren erfuhr er von zwei alten Wagnermeistern in Ragewitz, einem Ortsteil von Grimma, südöstlich von Leipzig. „Bis 1990 haben die beiden - weit über 80 Jahre alt - das Handwerk noch ausgeübt“, erzählt Josef Buchinger. Er lud die zwei Spezialisten nach Kalkofen ein und blickte ihnen mehrere Tage in der eigenen Werkstatt über die Schulter. „Da holte ich mir den letzten Schliff, die wussten so viele Tricks und hatten enorm viel Erfahrungen; das kann man in keinem Buch nachlesen!“ Dabei wurde auch klar, dass es ohne Kenntnisse im Schmiedehandwerk nicht geht. Josef Buchinger machte sich auch in diesem Handwerk firm und ist nun in der Lage, die Bereiche Wagner, Schreiner und Schmied komplett abzudecken.

Das richtige Holz

Was die Wagnerei betrifft, kommt dem 61-Jährigen seine umfangreiche Erfahrung bei der Holzverarbeitung zugute. Er kennt die verschiedenen Eigenschaften der Laub- und Nadelhölzer, weiß, wo die einzelnen Holzarten wachsen und wählt, falls möglich, die Bäume aus, die er für seine Arbeit benötigt.

Zum Biegen der Wagenreifen hat Josef Buchinger eine alte Maschine. Der Reif ist im Umfang rund ein bis zwei Zentimeter kleiner als das Holzrad. Exakte Arbeit ist extrem wichtig. Foto: Baumgartner
Zum Biegen der Wagenreifen hat Josef Buchinger eine alte Maschine. Der Reif ist im Umfang rund ein bis zwei Zentimeter kleiner als das Holzrad. Exakte Arbeit ist extrem wichtig. Foto: Baumgartner

Dabei achtet Josef Buchinger auf Wuchsform, Härte und Biegsamkeit. „Ganz wichtig ist die langsame Trocknung des im Winter gefällten Holzes“, sagt Buchinger und zeigt auf einen Stapel von Stämmen, die geringelt sind. Das bedeutet, die Rinde wird nicht komplett entfernt, damit die Trocknung langsam erfolgt und das Holz keine Risse bekommt. „Holz aus der Trockenkammer ist völlig ungeeignet“, betont der 61-Jährige. Ein Radhaufen etwa besteht aus einem Stück; das heißt, das Teil muss rund 15 Jahre lang trocknen. Erst dann kann das Herzstück eines Holzrades bearbeitet werden.

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