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Kolumne

Pepsi, Coke und Rock am Ring

Rock als Renditeobjekt? In seiner Kolumne kritisiert Gitarrist Tilo Copperfield, was Investoren mit der Musikwelt machen.
Von Tilo George Copperfield

  • AC/DC-Leadgitarrist Angus Young Foto: Jan Woitas/dpa
  • Tilo George Copperfield, der eigentlich Tilo Georg Preißer heißt, stammt aus Treffelstein, lebt heute aber im Landkreis Regensburg. Foto: Carmen Wiendl

Cham.In einem meiner Lieblingssongs „This note’s for you“ singt Neil Young „I ain’t singing for Pepsi, ain’t singing for Coke“ und nimmt dabei Musiker auf den Arm, die sich mit Haut und Haaren an Großkonzerne verkaufen und damit die Integrität ihrer Werke auf ein harte Probe stellen. Wir befinden uns gerade mitten im Festivalsommer, Open Airs und Konzerte sind beliebter denn je und Großveranstaltungen locken zigtausende Fans in Stadien, Parks und Hallen.

Zeitgleich hat der renommierte Konzertveranstalter Berthold Seliger ein sehr kritisches Buch mit dem Titel „Vom Imperiengeschäft“ (Edition Tiamat) veröffentlicht, das sich mit den starken Veränderungen im Konzert- und Festivalgeschäft der letzten Jahre beschäftigt. Dabei kann es einem mitunter schon mal leicht schlecht werden, und hier schreibe ich nicht nur als Musiker, sondern vor allem als Musikfan und begeisterter Konzertbesucher.

Monopolartige Strukturen machen sich breit

Seliger zeigt sehr gut recherchiert die Verflechtungen im Geschäft mit der Musik auf. Nahezu alle großen Veranstaltungen werden von Agenturen ausgerichtet, die entweder zur Anschuetz Entertainment Group (AEG), Live Nation oder CTS Eventim gehören. Monopolartige Strukturen machen sich breit, und wer in der Schule aufgepasst hat, weiß, dass sich das mittel- bis langfristig negativ auf Ticketpreise, Vielfalt und Qualität auswirkt.

Hinter diesen großen, komplex strukturierten Unternehmen befinden sich Finanzinvestoren, deren Bestrebung es natürlich ist, den größtmöglichen Gewinn mit dem Wirtschaftsgut „Großkonzerte“ zu machen. Da sitze ich also im ZZ-Top Konzert oder bei AC/DC oder Phil Collins, und am Ende schöpft den Gewinn hauptsächlich ein Finanzinvestor wie zum Beispiel Black Rock ab, der seinen Firmensitz steueroptimiert auf den Bermudas hat.

„Hat man die Karte selber ausgedruckt, kostete das 4,50 Euro extra. Warum? Weil sie es können! Und die Tour war trotzdem ausverkauft.“

Tilo Copperfield, Musikexperte

Beispiel AC/DC. Auf der Tour 2015 war ein Fixpreis von 80 Euro auf der Karte abgedruckt. Diese musste man zwangsläufig bei Eventim kaufen, da einziger Anbieter, und dabei konnte es passieren, dass aus den 80 Euro – schwupps! – 130 wurden. Begründet durch Gebühren wie Vorverkaufsgebühr (21,55 Euro), Premiumversand (19,90 Euro), Zahlungsgebühr?! (8,72 Euro). Hat man die Karte selber ausgedruckt, kostete das 4,50 Euro extra. Warum? Weil sie es können! Und die Tour war trotzdem ausverkauft.

Lesen Sie hier: Tilo Copperfield reist nach Nashville

CTS Eventim hat als Tickethändler einen Marktanteil von sage und schreibe 70 Prozent mit extrem steigender Tendenz aufgrund der atemberaubenden Geschwindigkeit, mit der immer mehr Konzertagenturen aufgekauft werden. Sollten AC/DC wieder auf Tour kommen, werden aus den 130 Euro wahrscheinlich noch wesentlich mehr. Wer kann sich dann ein solches Konzert noch leisten?

Selfies für 899 Euro

Eine elitäre Gruppe von Edelfans mit gebügelten Fan-Shirts, die sich selbst feiern, weil sie dabei sind? Oder noch besser: eines der komplett überteuerten VIP-Tickets ergattert haben? Ja, sowas gibt’s auch: gutes Beispiel dafür die gemeinsame Tour des Milliardärs-Ehepaares Beyoncé und Jay-Z. Da durfte man dann ganz vorne in der ersten Reihe Selfies für Instagram für schlappe 899 Euro machen, weil man es sich leisten konnte. Danach ein Schampus im P1.

Es geht mittlerweile nur noch am Rande um die Musik, sondern mehr um das Dabeisein beim großen Ereignis und das Teilen dieser Erlebnisse auf den sozialen Netzwerken. Man feiert sich selbst und wird zum Influencer. Die größte Einnahmequelle der Konzertveranstalter sind aber mittlerweile nicht mehr die Ticketeinnahmen, sondern Sponsoringgeschäfte. Das Image von angesagten Stars, Fußballclubs und Co. strahlt auf Marken wie Red Bull, Becks, Heineken, H&M, Vodafone und unzählige andere Geldgeber über. Und das lassen sich diese Konzertimperien sehr teuer bezahlen.

Lesen Sie hier: Copperfield und sein neues Mini-Album

Am Ende gibt’s bei den großen Festivals noch zahlreiche Kundendaten von Festivalbesuchern obendrauf für die Sponsoren. Da weiß man dann aufgrund der immer häufiger anzutreffenden elektronischen NFC-Bändchen am Handgelenk der Besucher, genau wer bei welcher Musik gerade um welche Tageszeit wie viel Bier oder Wodka dieser oder jener Marke getrunken hat. Von den Adressdaten der Kunden ganz abgesehen, die man ja auch hergibt, wenn man seine Karte bestellt. Das ist im Zeitalter von Big Data und Artificial Intelligence Gold wert.

Wacken ist die letzte Zuflucht

So! Berthold Seliger hat mir also durch sein Buch gründlich die Lust auf Großkonzerte verdorben. Außer auf Wacken. Auf Wacken lasse ich nichts kommen! Aber es gibt Hoffnung, und wir alle können dabei mithelfen, dass Konzerne eben nicht die kulturelle Vielfalt zerstören. Gerade bei uns im Landkreis müssen wir unsere kleinen Konzertbühnen, Open Airs und Veranstaltungen fördern und besuchen.

Denn: Hier wissen wir genau, wer hier was mit unglaublich viel Herzblut organisiert. Ich denke nur an das jährliche MOSH-Club-Open-Air, das von richtig engagierten Musikfans organisiert wird, die den Gesamtgewinn regelmäßig spenden. Oder auch das Pösinger Open Air, das bei freiem Eintritt vor toller Kulisse immer wieder regionalen Bands eine Plattform bietet.

Nicht zu vergessen unsere Musikbühnen wie die Liederbühne Robinson oder das L.A. Cham. Dort sind Idealisten am Werk, die sich um Vielfalt bemühen und den Besuchern ein Erlebnis bieten, ohne dass sie es auf ihre Daten abgesehen haben und die Ticketpreise durch kreative Gebühren nach oben treiben. Das sind nur kleine Beispiele für die vielen Veranstaltungen, die bei uns vor der Haustür stattfinden.

Ich kann nur für mich sprechen, wenn ich sage, dass ich die bisher tollsten Konzerterlebnisse in Clubs wie der Alten Mälzerei, dem VAZ Burglengenfeld oder anderen kleinen Bühnen hatte. So nah wie dort ist man sonst nie an den Künstlern dran, kann sich danach ein Autogramm holen oder einen Plausch halten. Das macht einen Abend wirklich unvergesslich!

Oder man kann sich Jon Bon Jovi aus 300 Metern Entfernung auf einem Bildschirm ansehen, dazu ein 0,33-Liter-Bier für fünf Euro (plus Pfand) aus einem Plastikbecher „genießen“ und sich danach in eine überfüllte U-Bahn vom Olympiazentrum München zum Park&Ride Parkplatz setzen und darüber nachdenken, warum einem von dem schlechten Sound, den ein Fußballstadion hat, im Schlaf noch die Ohren klingeln...

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Copperfield’s Corner

Ist Musik eigentlich eine Arbeit?

In seiner neuen Kolumne geht unser Autor Tilo George Copperfield einer Frage nach, die jeden Profi-Musiker beschäftigt.

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