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Erinnerung

Prominente Gäste bei Grenzöffnungs-Feier

Der Landkreis Cham und die Region Pilsen erinnern an die Grenzöffnung im Jahr 1989 und zeigen Zukunftsperspektiven auf.
Von Fred Wutz

Mit dem tschechischen Zungenbrecher „Strv prst skrz krk“ und dem oberpfälzischen „Da Bou mou dou, wos da Bou dou mou!“ eröffnete Lenka Nejedlá ihren Sprachkurs. Fotos: Fred Wutz
Mit dem tschechischen Zungenbrecher „Strv prst skrz krk“ und dem oberpfälzischen „Da Bou mou dou, wos da Bou dou mou!“ eröffnete Lenka Nejedlá ihren Sprachkurs. Fotos: Fred Wutz

Furth im Wald.Das Tagungszentrum in Furth im Wald war am Sonntag Treffpunkt für rund 300 Gäste aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft des Landkreises Cham und der Region Pilsen. „30 Jahre Grenzöffnung“ stand als Titel über dem Festakt, den die Europahymne eröffnete. Landrat Franz Löffler erinnerte in Stichworten an den Fall des Eisernen Vorhangs vor 30 Jahren und an die vor 15 Jahren erfolgte EU-Osterweiterung. Die Vorgänge hätten Bayern und Tschechien völlig neue Chancen eröffnet, die auch bestmöglich genutzt worden seien.

Löffler hieß an der Spitze der Gästeschar Staatsminister Dr. Florian Herrmann willkommen, der Ministerpräsident Dr. Markus Söder vertrat. Begrüßt wurden weiter Ivo Grüner (stellvertretender Präsident der Region Pilsen), Generalkonsulin Kristina Larischová, die Abgeordneten Marianne Schieder, Karl Holmeier und Dr. Gerhard Hopp, die Regierungsvizepräsidenten Marcela Krejsova und Christoph Reichert, die Landräte Andreas Meier, Willi Gailler, Erich Muhr, Arnold Kimmerl und Klaus Jeggle, dazu Professor Dr. Milan Edl (Universität Pilsen, IHK-Präsident Michael Matt und IHK-Geschäftsführer Dr. Jürgen Helmes sowie die Bürgermeister Sandro Bauer (Furth im Wald) und Dr. Zdenek Novak (Domažlice).

„Miteinander ist attraktiver!“

Dank und Grüße des Landrats galten „Wegbereitern und Motoren der bayerisch-böhmischen Zusammenarbeit“, wobei er speziell Vereine und Verbände sowie Hilfsorganisationen und Rettungsdienst nannte. Ein besonderer Dank galt den früheren Landräten Ernst Girmindl und Pavel Faschingbauer.

„Miteinander ist attraktiver!“, stellte Löffler fest, die Region habe sich positiv verändert. Früher seien die Menschen weggegangen, aktuell kämen sie hierher in den Bereich Oberfalz und Pilsen, weil diese Region innovativ sei und attraktive Arbeitsplätze biete. Man habe in den letzten 30 Jahren beiderseits der Grenze einen attraktiven Wirtschaftsraum entwickelt. Über 4000 Tschechen arbeiteten im Landkreis Cham, viele Deutsche auch in Tschechien in mehr als 50 Niederlassungen regionaler Unternehmen.

300 Gäste erinnern gemeinsam an die Grenzöffnung

Nicht nur große Konzerne, sondern auch viele kleine und mittlere Unternehmen sind laut Landrat Franz Löffler auf internationaler Ebene aktiv. Herausforderungen für die Zukunft sieht der Chamer Landrat in der Entwicklung der Verkehrsinfrastruktur. Speziell der Schiene bescheinigte er „erheblichen Nachholbedarf“. An gemeinsamen Projekten führte er die Kooperation der Berufsschulen Cham und Domažlice), viele Projekte der Kultur und des Tourismus sowie kommunale Aktionsbündnisse auf. Die Zusammenarbeit von Rettungsdienst und Feuerwehren sei inzwischen ein „Best-practice-Beispiel für ganz Europa“. Die Region sei aber auch hinsichtlich Wissenschafts- und Forschungsprojekten oder Energie- und Umweltfragen mit an der Spitze in Europa.

„Kein Zurück zum Nationalismus“, stattdessen Gemeinsamkeit und dabei „Digitalisierung, Industrie 4.0, Künstliche Intelligenz, Robotik und Infrastrukturausbau“, nannte Löffler als Herausforderungen der Zukunft. „Ich setze auf die Menschen!“, betonte er. Vor allem die Jugend solle in der Region Perspektiven finden, um hier ihre Leistung in der Heimat zu entfalten, statt in Ballungsräume abzuwandern. „Lassen Sie uns gemeinsam die Zukunft Europas mitgestalten, einen gemeinsamen Wirtschafts-, Natur- und Kulturraum in nachbarschaftlicher Freundschaft entwickeln!“, lautete seine abschließende Aufforderung .

Das Ziel: Die Mitte Europas sein

Ivo Grüner, der Vizepräsident der Region Pilsen, sagte, dass „1989 die Menschen in Tschechien endlich frei geworden sind“. 30 Jahre danach stehe man da, wo man schon vor 80 Jahren hätte stehen sollen, meinte er mit Hinweis auf Krieg und Kommunismus. Er sei froh über die Zusammenarbeit, deren Wert allen gezeigt werden müsse. Es sei wichtig, die Region insgesamt dem Ziel näher zu bringen, die Mitte Europas zu sein. Dazu müssten Infrastruktur und speziell die Bahn ausgebaut werden, eine Kooperation München-Prag sei nötig. „Ich bin froh, dass die letzten 30 Jahre gezeigt haben, dass es Sinn macht, für die Region zu arbeiten!“, schloss Grüner seine Rede ab.

Die Festrede von Minister Florian Herrmann (siehe nebenstehender Bericht!) griff bereits vorgetragene Aspekte auf, bot aber auch eine Bilanz bisheriger Aktionen und Projekte. Großen Applaus gab es für die Gruppe Domažlická dudácká muzika, die den Gästen böhmische Folklore bot. Frenetischen Beifall erntete Lenka Nejedlá für ihren „Kleinen Sprachkurs“, in dem nicht nur die Gegenüberstellung des tschechischen Zungenbrechers „Strv prst skrz krk“ mit dem oberpfälzischen „Da Bou mou dou, wos da Bou dou mou!“ für Erheiterung sorgte.

Grenzübergänge

  • Furth – Folmava (Vollmau):

    Von Alters geöffnet, ab 1949 geschlossen, wiedereröffnet am 18. Juli 1964

  • Waldmünchen – Liskova (Wassersuppen):

    Die Eröffnung erfolgte am 1. August 1990.

  • Eschlkam – Vseruby (Neumark):


    Eröffnung am 1. Juli 1990

  • Neukirchen b. Hl. Blut/Rittsteig – Svata Katérina (St. Katharina):

    Eröffnung am 1. November 1993

In einem Podiumsgespräch, das Martin Lindner moderierte, äußerten sich Ivo Grüner, Franz Löffler, Dr. Milan Edl und Dr. Jürgen Helmes über Erfahrungen und künftige Herausforderungen. Thematisiert wurden dabei diese Einzelaspekte: „das neue Gesicht der Grenze“ und „Vertrauen bekommen“ (Löffler), die noch nicht vergleichbare Wirtschaftslage (Grüner), die Orientierung der Uni Pilsen hinsichtlich Technik, Innovation und medizinischer Ausbildung (Edl) sowie die Wettbewerbsfähigkeit der Region (Helmes). Beifall bekam Edl für seine Vision „Nicht Region, sondern Ökosystem ohne Grenzen“. Der Gedanke, starke Industriestandorte beiderseits der Grenze und so eine Vorzeigeregion Europas zu schaffen (Helmes), gefiel. An Herausforderungen wurden die Sprachbarriere und – neben der Technik – auch die Verbesserung „auf menschlicher Ebene“ angeführt.

Im Schlussakt erinnerte der frühere Chamer Landrat Ernst Girmindl an die Grenzöffnung und stellte die wichtige Rolle der Bürgerforen in der Tschechischen Republik heraus: „Sie haben den Wechsel in der Politik bewirkt!“ Auf bayerischer Seite hätten sich die Aktivitäten auf die Eröffnung neuer Grenzübergänge konzentriert. Pavel Faschingbauer, früher Landrat von Domažlice, erhielt für seine Rede den größten Beifall der Festveranstaltung. Früher seien die Länder nur durch den Regenbogen verbunden gewesen, nach 1989 sei das Regime zusammengebrochen. Es habe „traumhafte Treffen“ bei den Grenzöffnungen gegeben, aus Nachbarn seien schnell Freunden geworden. Wenn er auf frühere Zeiten blicke, sagte Faschingbauer, verstehe er das Wählerverhalten zur Unterstützung ehemaliger Regime nicht. Aber: „Die besten Zeiten der Demokratie werden noch kommen!“ Für seinen Appell, Beiträge zum friedlichen Zusammenhalt in der Welt zu leisten, und sein Glaubensbekenntnis für positive Veränderungen bekam der Redner enormen Applaus.

Böhmische und bayerische Speisen wurden den Gästen anschließend serviert, das Blechbläserensemble ChamBrass und die Domažlická dudácká muzika spielten zur Unterhaltung auf.

Hier sehen Sie ein Video über den feierlichen Festakt und Ausschnitte von den Festreden der Polit-Prominenz

Hier finden Sie Eindrücke vom großen Festakt in Furth im Wald auf Video.

Staatsminister Dr. Florian Herrmann beleuchtete in seiner Rede die Situation zwischen Bayern und Böhmen

Von einer „Schicksalsstunde“, die von vielen der Festgäste nicht vergessen werde, sprach Staatsminister und Staatskanzlei-Chef Dr. Florian Herrmann. Er hielt am Sonntag die Festrede zur Feier „30 Jahre Grenzöffnung“, die gemeinsam vom Landkreis Cham und der Region Pilsen (Plzenský kraj) im Tagungszentrum Furth im Wald veranstaltet wurde. Der Minister vertrat dabei den Bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Markus Söder. Er sei „sehr gern eingesprungen“, so Herrmann, habe er doch noch als Jugendlicher eigene Erfahrungen mit dem Eisernen Vorhang und mit der Grenze gemacht.

Vor drei Jahrzehnten seien Deutschland und die EU noch geteilt gewesen, Bayern sei „im Zentrum dieser Teilung gewesen“, viele Familien seien betroffen. Schon 1964 habe Dr. Max Fischer durch sein Engagement die Wiedereröffnung des Grenzüberganges bei Furth im Wald erreicht, 1989 seien dann Todesstreifen und Stacheldraht verschwunden.

Staatsminister Dr. Florian Herrmann hielt die Festrede.
Staatsminister Dr. Florian Herrmann hielt die Festrede.

Das Aufbegehren der Menschen im gesamten Osten und ihr Mut haben laut Herrmann der Freiheit das Tor geöffnet. „Diese Menschen hätten den Friedensnobelpreis verdient“, zitierte der Redner den Bayerischen Ministerpräsidenten. Auch das Handeln der Staatschefs Bush und Gorbatschow dürfe nicht vergessen werden. Die Auswirkungen seien wichtig: Deutschland sei wiedervereint worden, die EU zusammengewachsen, „die Welt hat sich zum Besseren gewandelt“. Der Minister sah „einen großen Auftrag an die Politik, nun den Fortschritt dieser 30 Jahre nicht leichtfertig zu verspielen“. Es gelte, wichtige Entscheidungen zu treffen, und es sei gut, über das historische Erbe zu sprechen und zu feiern.

Die Basis der Freundschaft zwischen Tschechien und Bayern lokalisierte der Staatsminister „in den Landkreisen und in den Regionen“. Das gute Verhältnis mache stolz, denn gemeinsam habe man viel erreicht. Der Redner erinnerte an die Repräsentanz Bayerns in Prag und die Ausstellung „700 Jahre Karl IV.“. Europa sei keine Erfindung des 20 Jahrhunderts, sondern nur durch die Nationalstaaten zugeschüttet gewesen. Viele Treffen auf politischer Ebene, die Kooperation der Ministerien und vor allem auf kommunaler Ebene, von Wirtschaft und Handelskammern, auch das Engagement der Sudetendeutschen mit Verständigung und Versöhnung im Vordergrund, seien äußerst hilf- und erfolgreich.

„Zusammenarbeit ist der richtige Weg für uns“, betonte Herrmann, sie sei Teil des EU-Wurzelwerkes. Viele Dinge seien nicht mehr umkehrbar. Furth im Wald, der Landkreis Cham und die Region seien ein echtes Musterbeispiel für diese erfolgreiche Zusammenarbeit.

Der Redner stellte die Bedeutung Tschechiens heraus: „Wichtigster Handelspartner Bayerns im Osten, viertwichtigster in der EU – das sagt viel!“ In der Wirtschaft zeige sich für die Region viel Erfolg, unter anderem im Rückgang der Arbeitslosigkeit. Mit der Hightech-Agenda, der Zusammenarbeit der Universitäten Regensburg und Pilsen sowie dem Campus Cham habe man zwar schon Erfolge, doch auch noch weitere Perspektiven. Das Further Rettungszentrum in seiner grenzüberschreitenden Wirkung sei ein weiterer Erfolg.

Bayerns Staatsregierung, so Herrmann, habe „gewaltige Förderungen“ geleistet, setze sich für den „G5-Korridor München-Prag“ ein, und im Digitallabor Bayern sei der Landkreis Cham geförderte Pilotregion. „Eine ganz große Herausforderung“ sah der Redner in der Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur. Straße und Schiene müssten ertüchtigt werden. Und: „Es ist sehr viel zu tun!“. Die Metropolbahn München-Prag sei im vordringlichen Bedarf, nun wolle man mit Nachdruck erreichen, dass die Bahn einen Planungsauftrag gebe.

Staatsminister Herrmann dankte den Menschen und Politikern, die in den letzten 30 Jahren Einsatz gezeigt hätten. Aktuell stehe man in der Verantwortung für die Zukunft. Es gelte sich, des Fortschritts bewusst zu werden. Die EU sei im 21. Jahrhundert gewachsen, und es gebe eine Wertebasis, die verbinde. „Das ist mehr als Binnenmarkt und Handelsbräuche!“ Der Redner nannte Grundrechte, Parlamentarische Demokratie, Rechtsstaatlichkeit sowie Presse- und Meinungsfreiheit als Kennzeichen.

Der Minister sah „die EU unter Druck“, doch auch „im Team EU die Lösung“. Insofern schaue er dankbar zurück sowie zuversichtlich nach vorne und baue auf die Zukunft.

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