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Region Cham
Mittwoch, 18. Juli 2018 27° 1

MZ-Serie

Reiseradler auf dem Sprung ins Ungewisse

Die Chamer Reiseradler haben die Insel Langkawi in Malaysia verlassen und machen sich auf den Weg in Japans Hauptstadt Tokio.
Von Sybille Fleischmann

Der Weg von Langkawi nach Bangkok beginnt mit einer mehrtägigen Fahrrad-Etappe. Fotos: Fleischmann
Der Weg von Langkawi nach Bangkok beginnt mit einer mehrtägigen Fahrrad-Etappe. Fotos: Fleischmann

Cham.Bläuliches Licht erhellt die Terrasse vor unserem gemütlichen Zimmer auf der Insel Langkawi, Malaysia. Mit rotglühenden Wangen stecken wir unsere Köpfe über der Weltkarte zusammen, die auf unserem Laptop-Bildschirm flimmert. Die Sonne ist schon untergegangen, aber es herrschen immer noch schwül-warme 30 Grad. Max und Ludwig schlafen, Papa und Mama sind putzmunter und voller Euphorie – der perfekte Abend, um Pläne zu schmieden.

Eigentlich wissen wir, dass unser Vorhaben ziemlich verrückt ist … und anstrengend sowieso. „Ob wir das nicht bald bereuen?“, frage ich meinen Mann. – „Bestimmt!“, antwortet er „deswegen machen wir jetzt gleich Nägel mit Köpfen. Dann gibt’s kein Zurück mehr.“ Grinsend hebt er die Hand, und ich schlage ein.

Also, einfach weiter geradeaus?

Noch ein letztes Bad im seichten Wasser des Cenang Beach Fotos: Fleischmann
Noch ein letztes Bad im seichten Wasser des Cenang Beach Fotos: Fleischmann

Sechs Wochen später: Michael und ich wanken erschöpft mit zwei voll beladenen Gepäckwägen aus einem Flughafen, Maximilian hinterher, Ludwig auf dem Arm. Gerade sind wir 4600 Kilometer weit geflogen – in nur sechs Stunden. Wesentlich länger hat es gedauert, die 1000 Kilometer vom gemütlichen Zimmer auf Langkawi bis zum Abflughafen in Thailands Hauptstadt zurückzulegen – per Schiff, Fahrrad und Zug. Als Abschluss zwei sehr hektische Tage im ebenso hektischen Bangkok, in der Michael unsere Fahrräder, den Anhänger und die Campingausrüstung mit viel Karton, Klebeband und Folie in drei unhandliche Ungetüme verwandelt hat, die man als „Gepäckstücke“ bezeichnen könnte.

Ankunft am Flughafen Narita: Michael baut die Fahrräder zusammen. Fotos: Fleischmann
Ankunft am Flughafen Narita: Michael baut die Fahrräder zusammen. Fotos: Fleischmann

Sechs Stunden später: Da stehen sie in all ihrer Pracht – unsere geliebten Fahrräder mit allen Gepäcktaschen, dem Kinderanhänger und einem Kindersitz. So können wir uns mit viel Elan in unsere Sättel schwingen. Jetzt dürfen wir es er-fahren: das unbekannte Japan. Der Flughafen Narita liegt 73 Kilometer östlich von Tokio – und genau diese Strecke werden wir jetzt in Angriff nehmen. Es ist später Nachmittag im Land der aufgehenden Sonne. Der Himmel ist leicht bewölkt, angenehme 25 Grad. Die Luft ist längst nicht so schwer wie in Thailand, aber leicht schwül ist es schon. Höchst gespannt auf das, was vor uns liegt, radeln wir los. Maximilian kann vom Kindersitz aus ein paar startende Flugzeuge beobachten, während wir das Flughafengebäude langsam hinter uns lassen. Ludwig sitzt zufrieden in seinem Anhänger und wird von Papa gezogen. Aber wohin eigentlich? Vor uns taucht eine Kreuzung auf – mit den Hinweisschildern können wir leider so gar nichts anfangen, da keines davon nach Tokio zeigt. Also, einfach weiter geradeaus?

Unsere Reiseradler

  • Route:

    Michael und Sybille Fleischmann aus Niederrunding sind seit Sommer 2010 mit dem Fahrrad auf Weltreise unterwegs. Von ihren Erlebnissen berichten sie seitdem regelmäßig in unserer Zeitung. Von bisher 18 500 Kilometern haben sie tatsächlich 11 000 mit den Rädern zurückgelegt. Sie waren schon in Ländern wie Serbien, Rumänien, Georgien, Kasachstan, China, Laos und Thailand.

  • Familie:

    In Kambodscha ist 2013 ihr erster Sohn Max geboren worden. Die Familie hatte sich dort für über ein Jahr heimisch gemacht. In Kambodscha hat das Paar auch offiziell geheiratet. Im vergangenen Jahr haben Sybille und Michael eine Pause auf ihrer Weltreise eingelegt und sich mit Sohn Max daheim in Niederrunding ein wenig von den Strapazen erholt. Jetzt sind sie wieder unterwegs und berichten weiter für uns.

In der gemütlichen Hängematte lässt es sich super entspannen. Fotos: Fleischmann
In der gemütlichen Hängematte lässt es sich super entspannen. Fotos: Fleischmann

„Ich konnte nirgendwo Landkarten auftreiben. Wir werden uns aufs Handy verlassen müssen“, hat Michael einmal verkündet. „Die größte Stadt der Welt können wir ja eigentlich schlecht verfehlen“, hatten wir beschlossen. Aber eine Antwort auf die Frage, in welche Richtung wir uns jetzt halten sollen, ist das nicht. Dafür aber die Gelegenheit, um gleich mal eine sehr liebenswerte Seite der Japaner kennenzulernen: Sie lassen sich ganz ohne Umschweife in totales, haltloses Erstaunen versetzen. Es genügt schon die einfache Frage, die wir an besagter Kreuzung an einen Fußgänger richten: „Tokio?“ Unser Gegenüber reißt die schmalen Augen auf. – „Hm? Tokiooo?“ – „Yes.“ Kurze Pause, in der er mit wachsender Verwunderung unsere Fahrräder mustert und angestrengt nachdenkt. „Oooooh. Tokioooo!“, wiederholt er mehrfach und schwankt zwischen Ungläubigkeit, Bewunderung und leichtem Entsetzen. Dann zeigt er mit wortreichen Gesten in alle möglichen Richtungen – nur nicht in die, aus der wir gekommen sind.

Alle Teile der Reiseradler finden Sie hier

Vage Befürchtung bestätigt sich

„Irgendwie kommen wir immer weiter! – Warum nicht auch in Japan?“ Fotos: Fleischmann
„Irgendwie kommen wir immer weiter! – Warum nicht auch in Japan?“ Fotos: Fleischmann

„So falsch können wir also schon mal nicht sein“, resümiere ich. Eine vage Befürchtung bestätigt sich: Tokio ist als Ziel gewissermaßen ungeeignet, weil es einfach viel zu groß ist. Rein offiziell existiert die Stadt nicht einmal, Tokio wurde bereits 1943 aufgelöst und dient seitdem nur noch als Überbegriff für 23 Stadtbezirke mit eigenen Verwaltungen. Im Großraum Tokio leben fast zehn Millionen Menschen auf etwa 622 Quadratkilometern. Das Umland, zu dem auch das Gebiet des Flughafens zählt, umfasst 13 600 Kilometer und wird von 38 Millionen bewohnt – also im Schnitt fast 2800 Menschen pro Quadratkilometer (zum Vergleich: In der Stadt Cham wohnen auf einem Quadratkilometer gerade mal 207 Menschen, in Regensburg 1800, in Berlin 4000, im Großraum Tokio 15 300).

Zumindest sind wir ganz am östlichen Rand des größten Ballungsraumes der Erde gelandet – und so sind unsere ersten Eindrücke angenehm vorstädtisch: Viel Grün, kleine Siedlungen mit Einfamilienhäusern, schmale Landstraßen winden sich an Wäldern, Wiesen und Feldern vorbei, es ist weitgehend flach. Wir halten uns einfach mal Richtung Westen. Auf in die Mega-Stadt!

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