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Bewegung

Sie wollen laut sein gegen Rechts

Ein Zusammenschluss soll helfen, Widerstand gegen Rechte zu leisten. Dieser Gegenpol kommt gut an, auch im Landratsamt.
von Anna Heidenreich

Rechtes Gedankengut ist laut der Initiatoren des Bündnisses „für Toleranz und Menschenrechte“ sehr präsent im Landkreis. Sie wollen es Bürgern, die das nicht schweigend hinnehmen wollen, leichter machen.  Foto: Uwe Anspach
Rechtes Gedankengut ist laut der Initiatoren des Bündnisses „für Toleranz und Menschenrechte“ sehr präsent im Landkreis. Sie wollen es Bürgern, die das nicht schweigend hinnehmen wollen, leichter machen. Foto: Uwe Anspach

Cham.Einer 15-jährigen farbigen Chamerin schreit jemand hinterher: „Geh doch dahin zurück, wo du hergekommen bist!“ Einem Bürgermeister zersticht jemand die Autoreifen und lockert die Bremsscheibe am Motorrad, nachdem er sich öffentlich gegen die AfD geäußert hat. Rechtes Gedankengut tritt im Landkreis Cham in verschiedensten Formen auf. In Zukunft soll das nicht mehr unbeantwortet bleiben: Seit dieser Woche gibt es die Initiative „Cham gegen Rechts – Bündnis für Toleranz und Menschenrechte“. Sie ist schon jetzt ein Erfolg, sagen die Sprecher – und es gibt auch von außerhalb viel Zustimmung.

100 Leute bei der Gründung

Der 22-jährige Linken-Politiker Marius Brey ist Mit-Organisator des Bündnisses. Foto: Die Linke
Der 22-jährige Linken-Politiker Marius Brey ist Mit-Organisator des Bündnisses. Foto: Die Linke

Das zeigt sich daran, dass das Interesse an dem Zusammenschluss schon von Anfang an groß war. So sieht es Marius Brey, einer der Organisatoren. „Was ganz viele Menschen sehr schockiert hat, waren die Auftritte der Kleinstpartei ‚III. Weg‘ im Zuge der Europawahl und der Wahlkämpfe im Vorfeld“, sagt der 22-Jährige.

Probleme sind etwa, dass Rechtspopulisten die Welt vereinfacht darstellen und es wenig Wissen über ihre Strukturen gibt, sagen die Bündnis-Organisatoren. Vorträge über rechte Ideologie oder Zeitzeugengespräche sollen aufklären. Symbolbild: Guido Kirchner/dpa
Probleme sind etwa, dass Rechtspopulisten die Welt vereinfacht darstellen und es wenig Wissen über ihre Strukturen gibt, sagen die Bündnis-Organisatoren. Vorträge über rechte Ideologie oder Zeitzeugengespräche sollen aufklären. Symbolbild: Guido Kirchner/dpa

Die Partei habe ihren Stützpunkt in den Landkreisen Cham und Regen – und sei der gewalttätigen Neonazi-Szene zuzuordnen. „In der Zeit haben mich ganz viele Leute angeschrieben und angerufen und gefragt: Darf das denn sein?“, sagt Brey. Auch die guten AfD-Wahlergebnisse rund um den Hohenbogen, im Lamer Winkel und an der Grenze hätten ein ungutes Gefühl ausgelöst, sagt der Linken-Politiker. So seien die Idee für ein Bündnis und zwei Treffen für Interessierte entstanden – mit jeweils über 60 Teilnehmern. Zur offiziellen Gründungsveranstaltung kamen laut Polizei knapp 100 Menschen.

Das Bündnis hat laut Marius Brey „Bürgerinitiativencharakter“ – jeder kann einfach dazustoßen. Der nächste Termin ist der Workshop „Wie organisiere ich eine Demo? Wie verhalte ich mich dort?“ am 23. November ab 11 Uhr, der Ort wird noch bekannt gegeben.  Mehr Infos gibt es unter der Email-Adresse info@cham-gegen-rechts.de. Symbolbild: hn
Das Bündnis hat laut Marius Brey „Bürgerinitiativencharakter“ – jeder kann einfach dazustoßen. Der nächste Termin ist der Workshop „Wie organisiere ich eine Demo? Wie verhalte ich mich dort?“ am 23. November ab 11 Uhr, der Ort wird noch bekannt gegeben. Mehr Infos gibt es unter der Email-Adresse info@cham-gegen-rechts.de. Symbolbild: hn

Mit einem achtköpfigen Sprecher- und Organisationsteam an der Spitze will der Zusammenschluss ab sofort Menschen aus verschiedenen Parteien, Verbänden, Vereinen und Privatpersonen vernetzen und plant zum Beispiel Gegendemonstrationen.

„Der Großteil der Menschen bei uns im Landkreis hat keinen Bock auf Neonazis“, sagt Bündnis-Mitorganisator Marius Brey. Ein Ziel der Initiative sei deshalb, diese zusammenzubringen. So soll die „leise Mehrheit“ besser gehört werden. Symbolbild: Pablo Albarenga/dpa
„Der Großteil der Menschen bei uns im Landkreis hat keinen Bock auf Neonazis“, sagt Bündnis-Mitorganisator Marius Brey. Ein Ziel der Initiative sei deshalb, diese zusammenzubringen. So soll die „leise Mehrheit“ besser gehört werden. Symbolbild: Pablo Albarenga/dpa

Dafür gibt es Lob – etwa von Landrat Franz Löffler. „Eine Demokratie muss jede Form von politisch basiertem Extremismus bekämpfen und Angriffe auf unsere freiheitlich demokratische Grundordnung abwehren“, antwortet er schriftlich. Er begrüße es, wenn sich Bürger gegen „rechtsextremes, antisemitisches und rassistisches Gedankengut“ wenden. Der Landkreis unterstütze deshalb seit 2011 etliche Projekte zur Förderung von Toleranz und Demokratie. „Der wichtigste Pfeiler gegen antidemokratische Kräfte ist Bildung und Aufklärung, damit sich vor allem junge Menschen eine eigene Meinung bilden können und nicht den vermeintlich einfachen Botschaften von Extremisten auf dem Leim gehen“, schreibt Löffler.

Bildung soll Populisten stoppen

Das Bündnis will Proteste organisieren, etwa Gegendemonstrationen bei Veranstaltungen der Kleinstpartei „III. Weg“, sagt Linken-Politiker Marius Brey. Geplant ist ein SMS und Email-Verteiler, der über Veranstaltungen informiert. Symbolbild: David Ebener dpa
Das Bündnis will Proteste organisieren, etwa Gegendemonstrationen bei Veranstaltungen der Kleinstpartei „III. Weg“, sagt Linken-Politiker Marius Brey. Geplant ist ein SMS und Email-Verteiler, der über Veranstaltungen informiert. Symbolbild: David Ebener dpa

So sieht das auch Claudia Zimmermann, ebenfalls ein Kopf des Bündnisses. „Was mich ganz besonders auf die Palme bringt, ist dieses Schuldzuweisen.“ Eine Frau mit 400 Euro Rente im Monat – daran sei kein Flüchtling an dem Jahr 2015 Schuld. „So einfach ist die Welt nicht gestrickt“, sagt die SPD-Politikerin. Außerdem wolle sie nicht hinnehmen, dass das rechte Gedankengut in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. „Ich sehe die Wahlergebnisse und wie sich manche Menschen äußern können – unwidersprochen. Das beginnt ganz harmlos und reicht bis hin zur Verleumdung des Holocausts.“

Auch Sepp Schmid, Bürgermeister von Arrach, spricht sich klar für das Bündnis aus. Bei der Bundestagswahl 2017 wählten über 26 Prozent der Bürger aus seiner Gemeinde die AfD. Schmid wollte das nicht hinnehmen und sprach sich in der Vergangenheit schon häufig klar gegen die Partei und Rechtspopulismus im Allgemeinen aus. „Letztendlich sollten wir uns alle auf die Hinterbeine stellen“, sagt der parteilose Gemeinde-Chef.

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Oft herrsche, auch bei Politikern, immer noch die Prämisse: „Beachten wir’s nicht, dann verschwinden sie von selber wieder.“ Schmid findet das falsch: Weil Anhänger des „III. Weges“ die Zeit des Nationalsozialismus oft glorifizieren oder den Holocaust leugnen, findet er es wichtig, sich zu erinnern. „Wir sollten das abschließen, aber nicht vergessen. Und es ist schon komisch: Die, die da vorne dran sind, haben offenbar im Geschichtsunterricht gefehlt“, sagt er. Deshalb habe das Bündnis „definitiv Sinn, damit auch die andere Seite mal gehört wird.“

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