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Jagd

Sind die Verbissgutachten wertlos?

Rund 200 Jäger und Landwirte lauschten in Roding Dr. Holger von Stetten. Sein Vortrag löste eine heftige Debatte aus.
Von Jakob Moro

  • Werden zu viele Rehe abgeschossen? – „Dem Verbissgutachten fehlt es an der Bezugsgröße“, sagt Dr. Holger von Stetten. Foto: Patrick Pleul/dpa
  • Hubert Kerscher (r.) dankte dem Referenten mit einem Buch über den Bayerischer Wald. Foto: Jakob Moro

Roding.Es herrscht kein Friede mehr im Revier, wenn die Interessen der Jäger, der Behörden und teilweise auch der Jagdgenossen aufeinandertreffen. Dies war bei der Veranstaltung der Arbeitsgemeinschaft Jagd im Landkreis Cham in der Stadthalle am vergangenen Donnerstag deutlich zu spüren. Die Jäger hatten Dr. Holger von Stetten zu einem Vortrag eingeladen, zu dem rund 200 Jäger und Jagdgenossen (Landwirte) und Vertreter des Landwirtschafts- und des Landratsamtes gekommen waren. Vor rund einem Jahr hatte Dr. Arthur Bauer vom Amt für Landwirtschaft an gleicher Stelle referiert.

Hubert Kerscher begrüßte neben den Referenten namentlich Ehrenmitglied Hubert Kerzel sowie die „Vertreter der Ämter“. In seinem hochinformativen, interessanten Vortrag zeigte Dr. von Stetten seine Sichtweise über die bayerischen Regelungen beim Verbiss auf. Dr. von Stetten sagte in seiner Einleitung: „Unter dem Begriff ‚Reh’ versteht jeder, je nachdem wie er denkt und aus welcher Sicht er kommt, anders. Ein tierliebes Kind denkt beim Reh ans ‚Bambi‘.“

Bambi oder Waldschädling?

Ein Stadtbewohner denke womöglich, wenn er das Wort Reh hört, an: „Frisst den Wald ab“, „Es gibt zu viele“, „Waldschädling“ und/oder „Müssen dezimiert werden“. Ein Begriff, verschiedene Deutungen, so von Stetten. Er berichtete ebenso von der Dezimierung des Rothirsches und ging auf das Horrorszenario beim Sauren Regen ein. Das Waldsterben „von oben“ (Saurer Regen) sei bisher nicht ein getreten.

Anschließend ging von Stetten auf das Thema des Abends, das Verbissgutachten, über. Er nannte das Verbissgutachen wertlos und begründete dies ausführlich. Es fehle an der Bezugsgröße, so der Experte. Prozentpunkte ohne Bezugsgröße hätten einen Aussagewert von Null. Der Referent nannte als Beispiel eine Testaments-Eröffnung: „Sie haben 15 Prozent geerbt, nehmen Sie das Erbe an?“ Im Verbissgutachten steht keine Bezugsgröße.

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Waldbesitzer finden, dass zu wenige Rehe abgeschossen werden – und darum keine jungen Bäume wachsen. Die Jäger widersprechen.

Ein simples Gedankenspiel verdeutliche jedem Laien, dass es zumindest sinnlos, unredlich ist, bei der Erstellung von Verbissgutachten mit „Leittriebsverbissprozenten” zu operieren: „Wenn ich einen Kiefernreinbestand habe, in dem drei Buchen stehen, von denen zwei verbissen sind, dann habe ich einen Verbiss von 66 Prozent – eine Zahl, die nichts über die wahren Verhältnisse aussagt, aber hervorragend dazu geeignet ist, überhöhte Schalenwildbestände und in der Konsequenz die Erhöhung der Abschusszahlen zu postulieren. Verbissprozente ohne Bezugsgröße könne man vergessen.

Noch grauenvoller werde es, wenn man Prozentpunkte in eine Zeitreihe stelle ohne die jeweiligen Bezugsgrößen zu benennen. Aus minus mal minus werde zwar mathematisch ein Plus. Aus zweimal falsch werde aber noch lange nicht richtig. Das Gutachten gebe keine Auskunft zum Wildbestand. Bei Beschädigungsprozenten sei es zwingend notwendig, die Vegetationsdichten als Bezugsgröße zu kennen. Nur so könne ein Urteil über die überlebensfähigen Pflanzen gefällt werden.

„Seit 1986 müssen wir uns in Bayern ein in weiten Teilen fehlerhaftes Verbissgutachten gefallen lassen.“

Dr. Holger von Stetten

„Genau dieses Manko und viele weitere Unzulänglichkeiten thematisiere ich schon seit 2002“, sagte von Stetten. Die im bayerischen Verfahren aufwändig erhobenen Daten seien wenig aussagekräftig. Der wahre Skandal sei die Intransparenz des Verfahrens, da die Herausgabe der unverschlüsselten Daten aus – vermutlich vorgeschobenen – Datenschutzgründen verweigert wird. Da nicht bekannt sei, auf welchen Flächen die angeblichen Verbissprozente ermittelt wurden, könne niemand die Ergebnisse überprüfen. Damit widerspreche die Erstellung des Verbissgutachtens den Anforderungen, die an ein rechtsstaatliches Verfahren zu stellen sind.

„Seit 1986 müssen wir uns in Bayern ein in weiten Teilen fehlerhaftes Verbissgutachten gefallen lassen“, so der Redner. Wörtlich schloss er: „Erkennen sie den Stellenwert des Wildes, den es von der Schöpfung her verdient. Bleiben sie am Ball und geben sie niemals auf.“

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Stehen Wald und Wild gegeneinander?

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Nach dem Vortrag gab es eine heftige Diskussion, an der sich viele Waldbesitzer beteiligten. Die Behördenvertreter enthielten sich dem öffentlichen Gespräch, auch, als der passionierte Jäger und Ehrenmitglied Hubert Kerzel diese direkt ansprach. Kerzel sagte wörtlich: „Im deutschen Strafrecht gibt es eine Bestimmung, die besagt, ‚wer öffentlich in einer Versammlung oder durch Schriften zu einer rechtswidrigen Tat auffordert, wird bestraft wie ein Anstifter. Die stetige Aufforderung des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten durch Forstdirektor Dr. Bauer, immer noch mehr Rehe zu schießen, ist Anstiftung im Sinne von § 26 Strafgesetzbuch. Anstiften ist das vorsätzliche Bestimmen anderer Personen zur Begehung einer vorsätzlichen rechtswidrigen Tat, über die nicht der Anstifter, sondern den Haupttäter (Jäger) die Tatherrschaft haben soll. Bestimmen des Täters zur Tat bedeutet nach Definition der Rechtsprechung, in ihm den Entschluss zur Tat durch eine hierfür ursächliche Handlung hervorzurufen. Wie Jagdbehörden den Abschuss von Rehwild im Einvernehmen mit der Jagdgenossenschaft und dem Jagdpächter genehmigen bzw. festsetzen, gibt es überhaupt keinen Grund, die Jäger aufzufordern, mehr Rehe zu schießen.

Mit den Tatbeständen des Strafrechts im Tierschutzrecht werden Leben und Wohlbefinden der Tiere anerkannt, hierzu zählen auch herrenlose Tiere, wie das Rehwild als Schutzgüter des Rechts. Die öffentliche Aufforderung des AELF in Versammlungen, immer mehr Rehe zu schießen, erfüllt den Tatbestand des § 17 des Tierschutzgesetzes, weil Rehe ohne vernünftigen Grund getötet werden. Dies stellt den Tatbestand eines Vergehens dar und kann mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe geahndet werden.

Verpflichtende Abschlussplanung abgeschafft

Sollte es stimmen, dass der bayerische Oberste Rechnungshof die Ämter für Ernährung Landwirtschaft und Forsten aufgefordert hat, Druck auf die Unteren Jagdbehörden zu machen, um die Abschüsse stets zu erhöhen, dann können wir in Zukunft die gesetzlich vorgegebenen Bestimmungen über den Abschuss von Rehwild ad absurdum führen.“

Abschussplanung

  • Beispiel:

    „Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz haben seit fünf Jahren die verpflichtende Abschlussplanung abgeschafft und durch Abschuss-Vereinbarungen ersetzt, die zwischen Jagdgenossen und Jagdpächtern auszuhandeln sind“, so Hubert Kerzel.

  • Konkret:

    „Der staatliche Eingriff beschränkt sich auf den Vorhalt eines Mindestabschussplans. Damit kommen die Jagdeigentümer verstärkt ins Spiel.“

„Es geht auch anders“, betonte Kerzel: „Die Bundesländer Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz haben seit fünf Jahren die verpflichtende Abschlussplanung abgeschafft und durch Abschuss-Vereinbarungen ersetzt, die zwischen Jagdgenossen und Jagdpächtern auszuhandeln sind. Die Jäger würden in die Rolle eines Verhandlungspartners versetzt und müssten sich nicht als Vollzugsgehilfen behördlicher Verordnungen empfinden. Nachfragen bei Landratsämtern in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ergaben, dass alle von mir befragten Leitern der unteren Jagdbehörden mit dieser Regelung zufrieden sind, so Kerzel.

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