mz_logo

Region Cham
Mittwoch, 22. August 2018 30° 2

Internet

„Smartphone ist wie eine geladene Waffe“

Birgit Zwicknagel gibt Tipps im Umgang mit Neuen Medien. Über die Blauäugigkeit von Schülern und Eltern ist sie oft entsetzt.
Von Martin Hladik

Für Birgit Zwicknagel ist ein internetfähiges Smartphone in Kinderhänden gefährlich. Zu schnell könnten Täter das Vertrauen der Kinder ausnutzen.
Für Birgit Zwicknagel ist ein internetfähiges Smartphone in Kinderhänden gefährlich. Zu schnell könnten Täter das Vertrauen der Kinder ausnutzen. Symbolfoto: dpa

Cham.Wenn Birgit Zwicknagel an eine Schule kommt, dann kann es schon einmal sein, dass sie von den Schülern als „Computermaus“ angesprochen wird. „Manchmal tun das sogar Lehrer, weil ihnen mein Name nicht einfällt“, sagt die Frau grinsend. Die 46-Jährige kümmert sich seit Jahren mit dem Verein Computermäuse an verschiedenen Schulen um den sicheren Umgang mit den Neuen Medien.

Birgit Zwicknagel erklärt die Homepage „www.clever-ins-netz.de“.
Birgit Zwicknagel erklärt die Homepage „www.clever-ins-netz.de“. Foto: Zwicknagel

So sehr, dass die Beratung von Jugendlichen für die Inhaberin eines Foto- und Werbestudios in Stamsried quasi zum Halbtagsjob geworden ist. An vier Tagen die Woche besucht sie Schulen, um Kinder und Jugendliche vor Gefahren im Netz zu warnen. Noch mehr, aber eine ganz andere Art der Beratung, brauchen ihrer Meinung nach Eltern. „Eigentlich ist es ein Fulltime-Job!“, sagt Zwicknagel.

Kinder sind leichte Opfer

Gefährdet seien im Netz eigentlich alle Altersgruppen, erklärt die Stamsriederin, wenn auch aus völlig unterschiedlichen Gründen. Kinder beispielsweise bauten sehr leicht Kontakt zu Fremden auf. „Die glauben alles blind und sind so leichte Opfer“, erzählt Zwicknagel. Deswegen hält sie zum Beispiel gar nichts davon, schon zur Kommunion ein Smartphone zu verschenken.

„Die glauben alles blind und sind so leichte Opfer.“

Birgit Zwicknagel

Sie hat dafür einen drastischen Vergleich: Da könnte man dem Kind gleich eine „geladene Waffe schenken“, sagt sie. Das sei ähnlich gefährlich. Vielen Eltern sei nicht bewusst, dass selbst harmlose Spiele Tätern die Kommunikation mit ihren Kindern erlauben würde.

Vehement wehrt sich Zwicknagel gegen die Behauptung, ein Grundschulkind bräuchte ein Smartphone, um bei Bedarf die Eltern anrufen zu können. „Da täte es auch ein alter Knochen“, sagt Zwicknagel und meint ein einfaches Handy ohne Interfähigkeiten. Ein Smartphone in der Hand eines Grundschülers sei häufig nichts anderes als Prestigegehabe, vermutet Zwicknagel.

Weil sie das bei Elternabenden auch so deutlich anspreche, erhalte sie meist von Lehrern Beifall und sehr oft mindestens verärgerte Blicke von Eltern. „Eltern haben bei diesem Thema oft Scheuklappen“, sagt die Expertin, weil sie sich nicht vorstellen können, welche Gefahren damit verbunden sind.

„Eltern haben bei diesem Thema oft Scheuklappen.“

Birgit Zwicknagel

Bei der Gruppe der Jugendlichen sei der freizügige Umgang mit den eigenen Daten das große Problem. Sexuelle Belästigungen und in letzter Zeit immer mehr das Mobbing unter Jugendlichen sind die häufigsten Konfliktfelder, in die Zwicknagel helfend eingreifen muss. „An den Schulen habe ich ständig mit solchen Themen zu tun. Dass bei uns noch nichts Schlimmeres passiert ist, ist ein reiner Glücksfall“, sagt Birgit Zwicknagel.

Täter gibt es auch im Landkreis

Der Glaube, dass in der Region die Welt noch in Ordnung ist, sei ein Irrglaube, weiß Zwicknagel aus Erfahrung. Sie berichtet zum Beispiel über einen Täter, der sich das Vertrauen von Kindern in Fußballvereinen erschlichen habe, und von ihnen Nacktbilder wollte. „Der hat sich zum Glück aus dem Netz verabschiedet“, sagt die Stamsriederin.

Die Polizei könne in solchen Fällen oft nichts machen, berichtet sie, weil noch keine Straftat vorliege. Auch die Jugendsozialarbeiter seien mit diesem Thema überfordert. Zwicknagel würde sich wünschen, dass es ein Schulfach „Medienkompetenz“ geben würde. In Österreich und den USA gebe es das.

Die Computermäuse

  • Serie

    Einmal im Monat macht Birgit Zwicknagel im Bayerwald-Echo auf ein Problem im Internet aufmerksam. Sie schildert, wie sich Jugendliche und Eltern vor unerwünschten Zu- oder Übergriffen schützen können. Birgit Zwicknagel (46) hat selbst drei Kinder, die mittlerweile 19, 22 und 23 Jahre alt sind.

  • Technik

    Die Stamsriederin beschreibt sich selbst als stark technikaffin. „Ich hab mich schon immer für Technik begeistert und kenne alle gängigen Betriebssysteme seit dem C64.“ Wenn es um Handys oder die Anwendung von mp3 oder DAB ginge, sei sie immer bei den ersten Nutzern in der Region gewesen. Sie sei auch diejenige, die in der Familie die neuen Geräte in Betrieb nehme.

  • Erfahrung

    Ihre erste Anregung für die Gefahren mit neuen Medien erhielt Birgit Zwicknagel durch ihre Tochter, die damals die 5. Klasse besuchte. Ein Lehrer hatte damals Internetadressen für alle Schülerinnen angelegt. Das Muster lautete „Vorname.Name-Klasse @ gmx.de“.

  • Gefahr

    Dem Lehrer sei damals nicht bewusst gewesen, dass er so Geschlecht und Alter seiner Schülerinnen schon mit der Adresse preisgab und die Kinder selbstverständlich ihre neue Adresse nutzten, um sich auf allen möglichen Plattformen anzumelden.

  • Verein

    Aus dieser Anregung entstand später der Verein „Computermäuse“ und die Homepage „www.clever-ins-netz.de “.Hier werden Beratung und Vorträge angeboten, aber auch schon viele erste Vorschläge und Tipps gegeben.

  • Motivation

    „Meine Motivation ist es, Menschen mit meinem Wissen helfen zu können, die selber wenig oder keine Ahnung haben!“ (ik)

Aber nicht nur Kinder und Jugendliche seien durch die Neuen Medien angreifbar. Auch Erwachsene tappten immer wieder in Fallen. Kaum einer kümmere sich darum, wie viel Privates er über Facebook öffentlich mache. Die Probleme seien eher Abo-Fallen und Fehlkäufe. Sexuelle Belästigung sei bei Erwachsenen nur selten ein Problem. Bei den ältesten Internetnutzern führten dagegen Leichtgläubigkeit und fehlende Technikkenntnisse zu Problemen. Meist versuchten es Täter hier mit Betrug.

Hier lesen Sie weitere Meldungen aus dem Landkreis Cham.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht