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Natur

Stehen Wald und Wild gegeneinander?

Förster kontra Jäger? Das war mal... Ein Gespräch mit Dr. Arthur Bauer und Gerhard Luckner zu Verbissgutachten und Abschuss.
Von Petra Schoplocher

Die Liebe zur Natur verbindet sie: Gerhard Luckner (links) und Forstdirektor Dr. Arthur Bauer. Doch sie sind auch Jäger und Förster, die bei den Verbissgutachten und deren Interpretation nicht unbedingt einer Meinung sind, oder? Fotos: Schoplocher
Die Liebe zur Natur verbindet sie: Gerhard Luckner (links) und Forstdirektor Dr. Arthur Bauer. Doch sie sind auch Jäger und Förster, die bei den Verbissgutachten und deren Interpretation nicht unbedingt einer Meinung sind, oder? Fotos: Schoplocher

Cham.Zwar hat sich Dr. Arthur Bauer dieses Bild nur von einem Försterkollegen ausgeliehen, seiner Meinung nach trifft es aber die Situation genau: Der Wald ist eine Schatztruhe mit zwei Schlüsseln, von denen einen die Waldbesitzer haben, den anderen die Jäger. Nur, wenn sich beide gleichzeitig im Schloss umdrehen, öffnet sich die Schatztruhe...

Gerhard Luckner nickt. Wie der Vorsitzende der Jägerkameradschaft Cham überhaupt überraschend oft zustimmt, wenn der Forstdirektor über die Situation im Wald mitsamt den Herausforderungen, Abschusszahlen und vor allem den „Verbissgutachten“ spricht. Sie werden alle drei Jahre erstellt und hatten zuletzt immer das Zeug, für Diskussionen zu sorgen.

Dass sich die Situation entspannt hat, führt Luckner vor allem auf die Transparenz bei der Erstellung der „forstlichen Gutachten zur Situation der Waldverjüngung“ – so der etwas sperrige offizielle Name – zurück. Die Ergebnisse 2018 werden am 26. November vorgestellt, für jede der 19 Hegegemeinschaften im Landkreis, ergänzt um 209 revierweise Aussagen.

Engagiertes Gespräch: „Die Aufregung ist bei weitem nicht so groß wie früher“, unterstreicht Gerhard Luckner.
Engagiertes Gespräch: „Die Aufregung ist bei weitem nicht so groß wie früher“, unterstreicht Gerhard Luckner.

Zwar gab es bei den 2015er Ergebnissen keine Hegegemeinschaft, der ein „deutlich zu hoher Verbiss“ bescheinigt wurde, allerdings ist in elf das zweitschlechteste Ergebnis „zu hoch“ notiert, die restlichen acht sind „tragbar“. Übertragen auf rot und grün und die Reviere bedeutet das laut Dr. Bauer: Von 320 Revieren waren 160 rot.

Da müsste doch die Rechnung lauten: Je höher der Abschuss, desto besser? „Jein“, antworten Luckner und Bauer übereinstimmend. Während der Forstdirektor darauf verweist, dass für seine Behörde weniger der Abschuss als vielmehr der Zustand der Vegetation entscheidend sei, liegt Gerhard Luckner ein anderer Umstand schwer im Magen: Noch mehr zu schießen, sei in vielen Jagdrevieren schlicht kaum möglich. Zum einen, weil die Zahl der aktiven Jäger zu gering sei, zum anderen, weil der Druck durch das Schwarzwild, das überall unbedingt dezimiert werden soll, ohnehin schon groß und eine „Marathonleistung“ sei. „Beides zu schaffen, wird schwierig“, erklärt er.

Den Förster begleitet

Der Chef der Chamer Jäger war in seinem Revier dabei, als der Förster zur Pflanzenzählung unterwegs war. Das kann er jedem Jagdkollegen nur empfehlen: „Da sieht man, wie die Behörde arbeitet und lernt gleich mit“. Arthur Bauer ergänzt, dass im Frühjahr mehr Waldbesitzer, Jagdgenossen und Jäger die Einladung zur Teilnahme angenommen hätten als in den Jahren zuvor und wertet dies ebenso als Zeichen, dass alle Beteiligten den Willen zu mehr Miteinander hätten.

Kritik an der Vorgehensweise sei ihm „auf unserer Ebene“ nicht begegnet, ergänzt er. Das Verfahren, seit 1987 das gleiche – um Vergleichbarkeit zu gewährleisten – , sei wissenschaftlich fundiert und objektiv. Sollte ein Verbiss nicht eindeutig einem Schalenwild zugeordnet werden können, darf er nicht gezählt werden. Auch gäbe es keine Möglichkeit, Aufnahmepunkte willkürlich festzulegen oder zu tricksen. „Wir haben ohnehin kein Interesse, Ergebnisse in die eine oder andere Richtung zu manipulieren“.

Verbissgutachten: Weiteres Vorgehen

  • Vorarbeit:

    Im November erscheinen die forstlichen Gutachten. Die ihnen zugrundeliegende Inventur fand von März bis Mai statt. Verantwortlich für die 19 Gutachten für jede Hegegemeinschaft im Landkreis ist Dr. Arthur Bauer, Bereichsleiter Forsten am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten . Die Hegegemeinschaften (HG) haben die Auswertungen im August erhalten, sie konnten Stellung nehmen.

  • Ausgabe:

    Die Gutachten werden im Jagdbeirat üblicherweise in zwei Runden besprochen, ein erster Termin ist Ende November. Sie bilden dann die Grundlage für den Abschussplan in den Jagdjahren 2019 bis 2022. Erarbeitet wird dieser von den HGs, festgelegt von der Unteren Jagdbehörde. Gerhard Luckner verweist darauf, dass in der vergangenen Runde alle Hegegemeinschaften ihren Plan einvernehmlich erstellt hätten. (ps)

Bauer ist bekennender Inventurfan. „Eine gute Datengrundlage ist sehr wichtig, ohne die kannst du alles vergessen.“ Das sieht auch Luckner so. „Für uns ist das eine gute Geschichte, weil wir dadurch sehen, wo wir stehen.“ Die Jäger stünden in der Verantwortung, „das will ich gar nicht wegdiskutieren“.

Luckner will nicht leugnen, dass es in Reihen der Jäger Extreme gebe, die „Alles immer ganz anders sehen“. Aber auch da hat der Ehrenamtler eine Lösung: Er setzt auf Kommunikation. Seit drei, vier Jahren hätte sich in der Zusammenarbeit mit den Waldbesitzern einiges bewegt, beschreibt Luckner seinen Eindruck. „Früher hatten wir den Eindruck, wir Jäger müssten alles alleine regeln.“ Mittlerweile sei klar, dass alle mithelfen müssen.

Auch, weil der Klimawandel nicht mehr wegzudiskutieren ist. Wer sich in der Natur bewege („Stichwort tausende Eicheln heuer“), sehe das eindeutig, sagt Luckner. Bei Dr. Bauer rennt er damit offene Türen ein. Der Klimawandel ist nichts, was in 50 Jahren kommt. „Wir stecken mittendrin.“ Die Wälder dahingehend umzubauen, dass sie mit den sich ändernden Bedingungen zurechtkommen, sei ein gesetzlicher Auftrag, stellt er klar. Den Waldbesitzern unterstellt er Umbauinteresse, schließlich sei ein Wald ja auch ein Wirtschaftsfaktor.

Amt gibt nur Empfehlungen

Das Amt gibt im Gutachten lediglich eine Empfehlung, ob diese beibehalten, gesteigert oder reduziert werden sollten. Erarbeitet wird der Abschussplan dann von den Hegegebietsleitern, die einen Vorschlag auf Basis des Gutachtens, der körperlichen Verfassung des Wilds sowie den Ist-Zahlen der vergangenen Jahre machen. Meist würden die Vorschläge von der Jagdbehörde übernommen, was Bauer und Luckner als Indiz für das gute Miteinander sehen.

„Die Aufregung ist bei Weitem nicht mehr so groß wie früher“, meint Luckner. Die Leute seien bemüht, ihre Zahlen zu erfüllen, schließlich hätten die einzelnen Reviere den Ehrgeiz, „grün“ zu werden. Und dass „ein Jäger jagern will“, liegt – auch da sind sich Bauer und Luckner einig – in der Natur der Sache. „Nicht wegen der Trophäe, sondern, weil ich gern Wildbret ess’“, gibt der Chef der Chamer Jäger für sich gerne zu.

Die revierweisen Aussagen – diese treffen die Förster – werden üblicherweise in den Wintermonaten bei einem Waldbegang vorgestellt. Vorteil: „Im Wald gibt es weniger Konflikte als am Wirtshaustisch“, findet Arthur Bauer. Und Gerhard Luckner ergänzt, dass es nicht umsonst heiße: „Über’s Reden kommen die Leut’ zam“.

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