mz_logo

Region Cham
Donnerstag, 22. Februar 2018 5

Karriere

Stoffe waren sein Leben

Was der Miltacher Fred Ganswind und die unglaubliche Geschichte vom Luftschiff Graf Zeppelin miteinander zu tun haben.
Von Fred Ganswind

„Wir waren Spezialist für fein gemusterte Qualitäten“, sagt Fred Ganswind – hier mit Neuentwicklungen in der Hand. Nach zwei Beiträgen Anfang Dezember blickt der frühere Miltacher im dritten Teil seiner Erinnerungen für uns auf seine berufliche Laufbahn in der Textilbranche zurück. Fotos: Ganswind

Miltach.Vor dem Schulabschluss war die große Frage: Was will man einmal werden? Zu der Zeit gab es noch keine Berufsberatung. Meine Mutter hatte eine Person gekannt, deren Neffe Textil studierte. Dieser junge Mann sah damals die berufliche Zukunft so: „Textil ist gut, denn zum Anziehen braucht man immer etwas“. Also ließ ich mich an der Staatlichen Textilfach- und Ingenieurschule in Münchberg immatrikulieren, weil diese Hochschule spezialisiert war für Weberei. 2000 wurde Münchberg der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hof/Saale angegliedert.

Nach Abschluss des Studiums stand für mich fest, dass ich so viele Fertigungsprodukte wie möglich kennenlernen wollte. Das bedeutete: die Stelle mehrmals zu wechseln. Die Buntweberei Riedinger in Augsburg war einer der bedeutendsten Schottenrockstoff-Hersteller in den sechziger Jahren. Von der Damenwelt wurden diese Stoffe gerne getragen. Sehr beliebt war die Farbstellung: dunkelgrüne/schwarze Karos mit gelben beziehungsweise roten Zierstreifen versehen. Ein Kilt oder Tartan ist auch heute noch in Schottland ein Webmuster für Stoffe, das die Zugehörigkeit zu einem Clan zeigt.

Die „Schwarze Rose“ als Symbol

Bei der Firma Dierig in Augsburg wurde ich mit der Produktion der bekannten Bettwäschemarke „Fleuresse“ konfrontiert, außerdem auch mit der Herstellung der weißen Herrenoberhemden mit dem Namen „Schwarze Rose“, die als Symbol an der Hemdseite aufgebracht war. In einem anderen Unternehmen ging es für mich um die Herstellung des damals sehr bekannten Gminder Linnen (Trachtenstoff).

In einer Fabrikation in Oberfranken wurde ich mit der Herstellung von Gardinen und Dekorationsstoffen konfrontiert. Die Spezialität waren: Gardinen in Voile-Technik. Die im Voile verwobenen, stark überdrehten und dadurch gekräuselten Fäden Kreppgarne ergeben so kleinste Luftlöcher im Gewebe, die eine gute Luftzirkulation gewährleisten. Auch Brokatstoffe wurden produziert. Sehr bekannt waren die Brokatdeckchen mit dem Motiv „Santa Maria“, der Name und das Bild vom Schiff des Entdeckers Kolumbus.

Der größte Hersteller in Europa

1974 wechselte ich zu dem damals bekannten Unternehmen Zoeppritz AG in Heidenheim/Brenz, 1828 gegründet. Der größte Bekanntheitsgrad der Firma lag in der Produktion von hochwertigen Naturhaardecken in den Materialien Lama, Alpaka, Vikunja, Merino und Kamelhaar (in reinster Form und auch in deren Mischungen). Auf diesem Sektor war Zoeppritz der bedeutendste und größte Hersteller in Europa.

Hierzu eine sehr bewegende Geschichte, die sich tatsächlich ereignete: Am 11. Oktober 1928 legte das Luftschiff Graf Zeppelin mit 20 Passagieren und 40 Besatzungsmitgliedern in Friedrichshafen mit Ziel Lakehurst bei New York ab. Wegen schlechten Wetters wurde eine längere, südlicher verlaufende Strecke gewählt. Am Morgen des dritten Tages fuhr der LZ 127 (Bezeichnung des Luftschiffes) südlich der Azoren mit voller Kraft in eine schwarze Wolkenwand.

Lesen Sie hier: Flüchtlingsbub Fred Ganswind erzählt, warum er sich die Liebe zu Miltach und Cham aus seiner Nachkriegskindheit bis heute bewahrt hat.

Dabei senkte sich der Bug des Schiffes und verursachte ein unbeschreibliches Durcheinander im Innenleben des Schiffes. Tische, Stühle und Porzellan fielen durcheinander. Durch den gewaltigen Sturm wurde die Stoffbespannung der unteren Stabilisierungsfläche auf der Backbordseite zerrissen. Sechs Besatzungsmitglieder meldeten sich freiwillig. Sie wurden mit Werkzeugen ausgerüstet und kletterten – immer noch über dem Ozean – angeseilt ins Innere der unten teilweise aufgerissenen Flosse. Die Stofffetzen wurden in mehrstündiger Arbeit abgeschnitten und festgebunden.

Der Autor

  • Flucht:

    Fred Ganswind kam 1945 als Vierjähriger mit seiner Mutter nach der Flucht aus Ostpreußen nach Miltach. 1952 zog die Familie nach Cham, wo der Junge bei den ASV-Fußballern Erfolge feierte.

  • Wohnort:

    Heute lebt Fred Ganswind in Giengen (Baden-Württemberg). Der Diplom-Ingenieur war in seinen letzten Berufsjahren als technischer Geschäftsführer tätig.

  • Heimat:

    Die Bayerwald-Heimat aus der Kindheit lässt ihn nicht los. In Miltach und Cham hat er mehrere Klassen- und Fußballertreffen mit organisiert. Und er sagt begeistert: „Ich bin stolz, dass ich im Bayerwald aufgewachsen bin.“

Zusammengenähte Wolldecken der Firma Zoeppritz, extra für den Graf Zeppelin entworfen mit der Bezeichnung LZ 127, wurden über die aufgerissene Stelle gezogen und mit Seilen festgebunden. Nach 111 Stunden und 44 Minuten landete das Luftschiff in Lakehurst. Die Ankunft wurde frenetisch gefeiert. Nach zweiwöchigem Reparaturaufenthalt in Amerika startete das Luftschiff seinen Rückweg nach Deutschland am 29. Oktober und erreichte Friedrichshafen am 1. November. Aber auch später bei den Luftfahrtgesellschaften war Zoeppritz führend. Wir belieferten nicht nur die Scandinavien-Airlines, sondern brachten als erste Hersteller für die Lufthansa eine antistatische Decke heraus (sehr wichtig gegen Funkstörungen).

Diese Jacken waren der Renner

Doch die Firma Zoeppritz produzierte noch andere Textilien. So waren in den 1970er Jahren die Fellimitatjacken der Renner. Viele Autos wurden im Kofferraum mit Zoeppritz-Filz in grau ausgestattet. Auch der feine Samt (Plüsch) bei den Badeschuhen für die Damen in den Farben bleu und rose war ein großer Produktionsast. Die rasanteste Entwicklung innerhalb des Unternehmens nahm jedoch die Herstellung von Teppichböden (Auslegware von Wand zu Wand). Für diese Sparte war ich Entwicklungschef und führte diesen Zweig zu einem der renommiertesten Lieferanten der Branche im Feinvelours.

„Bis heute sage ich im Brustton der Überzeugung: Ich bin mit Herzblut bei und in Miltach.“

Fred Ganswind

1983 brachte ich als Alleinautor das erste Fachbuch für unsere Branche heraus, das Eingang an Hochschulen als Lehrmaterial fand. Der damalige Geschäftsführende Gesellschafter schrieb mir zu meinem 50. Geburtstag: „Sie haben an der bemerkenswerten Aufwärtsentwicklung der Teppichbodensparte wesentlichen Anteil“. Zuvor wurde ich zum Prokuristen ernannt, später war ich bei der Zoeppritz-Teppichboden GmbH technischer Geschäftsführer. Einer der bedeutendsten Würfe ist mir gelungen, als wir die Ausschreibung für den Flughafen in Peking gewonnen hatten. Für dieses Objekt ließ ich mir eine Konstruktion einfallen, die aus Velours und Schlinge bestand und mit einem kleinen Velv-a-Loop-Design versehen war. Es war eine einzigartige Konstruktion, die den Architekten sehr ansprach. Am 14. Mai 1991 erhielt ich eine Urkunde, einen Award, der internationalen Jury in Paris für innovative Ideen, die der europäischen Teppichmode wegweisende Impulse gaben.

Lesen Sie hier: Fred Ganswind spielte im Laufe seines Lebens in vielen Vereinen – aber dem Chamer ASV ist er stets treu geblieben.

Apropos: Die gebräuchlichen Textilien wie Oberbekleidung bei Damen und Herren sowie die Heimtextilien und ähnliches werden immer weniger in Deutschland hergestellt. Die Zukunft sind technische Textilien. Auf diesem Gebiet ist Deutschland mittlerweile Weltmarktführer. Hierzu können Produkte aufgeführt werden wie Airbags, Geotextilien beim Deichbau, Textile Architektur (Seilnetz-Tragwerke), OP-Textilien, Verbandsmaterialien, Astronautenanzüge, kugelsichere Westen, atmungsaktive Sportbekleidung, Sicherheitsgurte, Kletterseile, Fallschirme oder Tauchanzüge. Bei den Dialysegeräten kommen Hohlfasern zur Anwendung, die zur Filterung des Blutes dienen. Auch Glasfasern werden in textile Produkte verarbeitet.

Ein großes Kapitel öffnet sich auch bei den Kohlenstofffasern auch Carbonfasern.

Beim Weltkonzern Bosch

Privat bin ich seit 1967 verheiratet. Und wie konnte es anders sein? Ich lernte eine Textil-Designerin kennen, sie kommt aus Oberfranken. Wir haben einen Sohn Markus, geboren 1971 in Bobingen bei Augsburg. Er ging nach Abiturabschluss an die Universität nach Ulm und studierte dort Elektrotechnik. Er ist beim Weltkonzern Bosch in Forschung und Entwicklung beschäftigt, verheiratet und hat zwei Töchter im Alter von 15 und zwölf Jahren. An den Enkelkindern haben wir sehr viel Freude.

Meine Frau und ich wohnen in der früheren Reichsstadt Giengen/Brenz, das liegt gut zwölf Kilometer von Heidenheim/Brenz und rund 35 Kilometer von Ulm entfernt. Meine Hobbys sind Tennis, Vogelkunde und die Beobachtung technischer Textilien in Forschungsinstituten.

Bis heute sage ich im Brustton der Überzeugung: Ich bin mit Herzblut bei und in Miltach mit meinen ehemaligen Mitschülern – auch heute noch. Schließlich habe ich den Anstoß für Klassentreffen 1981 gegeben. Aber auch meine Fußballerkameraden vom ASV Cham, mit denen ich Schüler- und Jugendmeister wurde, allen voran Max Heller, binde ich in meine Heimatgedanken mit ein. Pfiagood.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht